Rezension über:

Andreas Kossert: Preussen, Deutsche oder Polen? Die Masuren im Spannungsfeld des ethnischen Nationalismus 1870-1956 (= Deutsches Historisches Institut Warschau. Quellen und Studien; Bd. 12), Wiesbaden: Harrassowitz 2001, X + 393 S., 20 Tab., ISBN 978-3-447-04415-8, EUR 60,00
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Rezension von:
Richard Blanke
Department of History, University of Maine, Orono, ME
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Richard Blanke: Rezension von: Andreas Kossert: Preussen, Deutsche oder Polen? Die Masuren im Spannungsfeld des ethnischen Nationalismus 1870-1956, Wiesbaden: Harrassowitz 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 9 [15.09.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/09/3257.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Andreas Kossert: Preussen, Deutsche oder Polen?

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Abgesehen von ihrer Rolle in der Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen, gehören die Masuren auch zu den interessantesten Beispielen "eigensinniger" nationaler Entwicklung in Europa. Nirgendwo sonst hat sich eine mittel- oder osteuropäische Volksgruppe so deutlich und so lange mit einer anderssprachigen Nation identifiziert wie die polnischsprachigen Masuren mit der deutschen. Anders ausgedrückt, im östlichen Europa stellen die Masuren das hervorragendste Beispiel eines nationalen Bewusstseins politisch-subjektiver statt ethnisch-objektiver Prägung dar. Allein deswegen sollten sie das Objekt eines regen wissenschaftlichen Interesses sein; tatsächlich sind sie aber, vor allem von der deutschen Historiographie (mit wenigen Ausnahmen), seit Jahrzehnten eher vernachlässigt worden.

Andreas Kossert hat dieses Versäumnis nun mit einem Wurf größtenteils korrigiert - oder, besser gesagt, mit zwei Würfen, denn zugleich ist auch sein Buch "Masuren. Ostpreußens vergessener Süden" (Berlin 2001) erschienen, das die ältere Geschichte der Masuren und ihre traditionelle Kultur eingehender behandelt. Die beiden Werke entstammen wohl demselben Forschungsprojekt einer von Klaus Zernack betreuten Berliner Dissertation, und sie können gut eins nach dem anderen gelesen werden.

Zunächst ist Kossert zuzugestehen, dass er sich an einen umstrittenen Fragenkomplex mit breit gefächerter Problemstellung herangewagt hat - es findet sich nichts vom engen Format und von der Pedanterie mancher Dissertation. Im Gegenteil beweist Kossert auch als junger Wissenschaftler eine tiefe Vertrautheit mit Geschichte, Kultur und Lebensweise der Masuren. Er betont das trotz behördlichem Drucks (und der amtlichen Statistik) zähe Überdauern der polnisch-masurischen Sprache und Kultur. Er macht auch keinen Hehl aus seiner Sympathie für dieses nun praktisch verschwundene Völkchen - im Gegensatz zu den beiden rivalisierenden Nationalismen, die es für sich vereinnahmen wollten: dem preußisch-deutschen vor 1945, aber auch dem volkspolnischen danach. Deren von Verständnislosigkeit, mangelnder Toleranz und schließlich "totalitärem" Anspruch geprägte Politik wird durchgehend verurteilt. So lautet die (implizierte) Antwort auf seine Titelfrage: weder noch, denn für Kossert sind die Masuren, wenn auch keine Nation, so eine eigene Ethnie, und sie hätten das auch bleiben dürfen.

Auch wer Kosserts Sympathie für die Masuren sowie seine Antipathie gegen den integralen Nationalismus teilt, wird ihn allerdings hier und da hinterfragen wollen. Zum Beispiel erhebt sich angesichts seiner Betonung der Kontinuität einer national-konservativen Masurenpolitik zwischen 1871 und 1945 die Frage nach den demokratischen Regierungen der Weimarer Republik, unter denen die Masuren sich besonders schnell assimiliert haben. Man hätte auch den internationalen Kontext mehr herausstellen können; schließlich waren es die Entente-Mächte, die mit der Abstimmung vom 11. Juli 1920 die Masuren erstmals direkt vor die Frage stellten: entweder Deutschland oder Polen. Die Abstimmung selbst wird verhältnismäßig knapp behandelt, und dann vor allem als weiterer Beweis für die andauernde nationalistische "Instrumentalisierung" der Masuren. Denn für Kossert - und hier kann ich ihm nicht folgen - war die antipolnische Haltung der Masuren im Grunde "von offizieller Seite determiniert" (161); er lässt noch nicht einmal das ganz und gar einseitige Abstimmungsergebnis (99,3%) als wirklichen "Ausdruck des Volkswillens" gelten, angesichts der "planmäßigen propagandistischen Vorbereitung" (wie es sie ja bei jedem demokratischen Wahlkampf gibt). Nur heißt Demokratie (und nicht nur in der "Neuen Welt"), dass auch einfachen Menschen die Fähigkeit zugetraut wird, zu wissen, was sie wollen - vor allem, wenn es um eine so existenzielle Frage wie ihre nationale Zugehörigkeit geht. Kossert läuft jedoch Gefahr, den Masuren selbst angesichts ihrer überaus klaren Option für die eine und gegen die andere Nation die Mündigkeit abzusprechen, was er nicht beabsichtigen wird. Nur lässt seine Fixierung auf die "nationale Instrumentalisierung" der Masuren durch ein aggressives preußisch-deutsches Establishment die Masuren allzu leicht als bloße Opfer erscheinen - die sich zudem umso mehr an dieses Establishment gelehnt haben, je arroganter sie von ihm behandelt wurden. Vielleicht hätten die Masuren Masuren bleiben sollen; aber, wie auch die neuere polnische Forschung zunehmend erkennt, haben sie offensichtlich etwas anderes gewollt. Und angesichts des hohen Preises, den sie seit 1945 für diese Option bezahlt haben, sollten wir ihre Entscheidung respektieren.

Auf jeden Fall hat Kossert mit seiner umfassenden und zeitgemäßen Geschichte der Masuren Stoff für viele Diskussionen gegeben. Obige Einwände sind auch mehr Fragen der Perspektive und Interpretation - an der Gründlichkeit der Studie und am faktischen Gehalt dieses Werks gibt es keinen Zweifel. Mit diesen beiden Masuren-Büchern hat sich Kossert um die ostdeutsche Landesgeschichte sehr verdient gemacht und einen Jahrzehnte alten Nachholbedarf gedeckt. Die Masuren hat er, so bleibt zu hoffen, auf diese Weise wieder auf die geschichtswissenschaftliche Tagesordnung gesetzt.


Richard Blanke