Rezension über:

Alexander Brakel: Der Holocaust. Judenverfolgung und Völkermord, Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2008, 205 S., ISBN 978-3-89809-409-2, EUR 19,90
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Rezension von:
Werner Renz
Fritz Bauer Institut, Frankfurt/M.
Empfohlene Zitierweise:
Werner Renz: Rezension von: Alexander Brakel: Der Holocaust. Judenverfolgung und Völkermord, Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2008, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 10 [15.10.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/10/14944.html


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Alexander Brakel: Der Holocaust

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Irritiert nimmt der Leser Band 9 der Reihe "Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert" zur Hand, herausgegeben von Manfred Görtemaker, Frank-Lothar Kroll und Sönke Neitzel. Das Cover des dem Holocaust gewidmeten Werks ziert ein Foto des Lagertors von Groß-Rosen. Auf Seite 112 findet sich das Bild abermals, mit der Angabe, es handele sich um eine Abbildung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Die Irritation verstärkt sich bei der Lektüre der ersten Seite des Buches. Da ist von "Raoul Hilberg" die Rede, der angeblich erst "in den späten 1960er Jahren einen Verlag für seine monumentale Gesamtdarstellung" finden konnte. Raul Hilbergs Werk ist 1961 in Chicago (Quadrangle Books) und London (W. H. Allen) erschienen.

Glücklicherweise ist der erste Eindruck vollkommen falsch, die Versehen sind offenbar dem Zeitdruck geschuldet, der bei der Drucklegung des Buches Autor und Verlag gehindert hat, notwendige Detailprüfungen vorzunehmen.

Alexander Brakel hat sich an das wagemutige Unternehmen gemacht, auf der Basis des aktuellen Forschungsstands, durch das Studium der einschlägigen Sekundärliteratur, einen "Abriss der wichtigsten Ereignisse und Entwicklungen" (9) des Holocaust zu geben sowie die "Faktoren herauszuarbeiten, die den Genozid möglich gemacht haben." (9) Dies ist ihm auf bewundernswerte Weise gelungen. Umfang und Darstellungsform waren dem Autor vorgegeben. Auf gerade mal 200 Seiten musste er in populärer Form das deutsche Menschheitsverbrechen darstellen. Die schwierige Aufgabe hat Brakel überzeugend gemeistert. Das Buch ist übersichtlich in 14 Kapitel gegliedert. Über Judenfeindschaft und Antisemitismus in der deutschen Geschichte, über die verschiedenen Stufen der sich radikalisierenden NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik, über die knappe Darstellung der Vernichtungsmethoden und -orte, über die Länder, deren Juden dem Holocaust zum Opfer fielen, bis hin zu erhellenden Erörterungen über die Fragen nach Täterschaft und Teilnahme der Deutschen an den NS-Verbrechen erstreckt sich die Darstellung. Nach den Übersichtsdarstellungen von Wolfgang Benz [1] und Dieter Pohl [2] liegt mit Brakels Werk eine weitere, gut lesbare Geschichte des Holocaust vor.

Unvermeidlich war, dass dem Autor Unrichtigkeiten im Detail unterlaufen. Brakel und der Verlag wären gut beraten gewesen, das Manuskript von Fachleuten prüfen zu lassen. Die kleinen Fehler im Faktischen lassen sich in einer zweiten Auflage korrigieren und entwerten das Werk keinesfalls. Auch die von Brakel gewählte Sprache bedarf gelegentlich der Korrektur. Die Angehörigen des Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau nennt Brakel "Assistenten" (120) bzw. "Helfer" (121) der SS. Diese Wortwahl mögen die einen salopp, die anderen infam nennen. Dem Rezensenten will sie unangemessen erscheinen. Bei der Erörterung der Frage nach dem Wissen der Deutschen um den Holocaust schreibt Brakel von den "Überlebenden des Krieges" (167) und meint die deutsche Bevölkerung, anderswo ist davon die Rede, die Gaskammern in Sobibór und Treblinka seien "geschlossen" (158) worden. Zuletzt sei angemerkt, dass eine nach systematischen Kriterien sortierte Bibliografie als Anleitung zum Weiterstudium hilfreich gewesen wäre. Ein nach Personen-, Ortsnamen und Sachbegriffen erstelltes Register hätte gleichfalls gute Dienste geleistet. Gleichviel: Alexander Brakel hat einen gelungenen Abriss des Holocaust aus der Perspektive der Täter verfasst. Das Buch ist jedem zu empfehlen, der sich kurz und knapp über das deutsche Menschheitsverbrechen informieren will. Dass die gewählte Perspektive und die Darstellungsform Vieles notwendigerweise vernachlässigen muss, ist kein Einwand. Die von Saul Friedländer vorgelegte "integrierte Geschichte des Holocaust" ist hierzulande viel gekauft und allseits gelobt worden. Ob das große Werk auch wirklich gelesen worden ist, bleibe dahingestellt. Brakels kurze und erschwingliche Darstellung ist eine gute Einführung in den Gegenstand.


Anmerkungen:

[1] Wolfgang Benz: Der Holocaust, München 1995.

[2] Dieter Pohl: Holocaust. Die Ursachen, das Geschehen, die Folgen, Freiburg u.a. 2000; sowie ders.: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933-1945, Darmstadt 2003.

Werner Renz