Rezension über:

Eva Oberloskamp: Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917-1939 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; Bd. 84), München: Oldenbourg 2011, X + 472 S., ISBN 978-3-486-70403-7, EUR 49,80
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Rezension von:
Hartmut Kaelble
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Hartmut Kaelble: Rezension von: Eva Oberloskamp: Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917-1939, München: Oldenbourg 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 5 [15.05.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/05/19765.html


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Eva Oberloskamp: Fremde neue Welten

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Für europäische Intellektuelle der Zwischenkriegszeit und der Nachkriegszeit war die UdSSR eines der wichtigsten Modelle, gleichzeitig aber auch eine der größten politischen Prüfsteine und Konfliktgegenstände. In Frankreich wie in Deutschland hat die Bewertung der UdSSR zu tiefen Zerwürfnissen zwischen Intellektuellen geführt. Wie falsch oder richtig die Intellektuellen die UdSSR wahrnahmen, wie blind, naiv, verzerrend oder erfahrungsgesättigt der Blick vor allem der Linksintelektuellen auf dieses gewalttätige historische Experiment war und wie groß dabei die nationalen Unterschiede in Europa waren, ist bisher vergleichend kaum untersucht worden. Eva Oberloskamp greift dieses Thema in ihrer von Horst Möller (München) und Henri Soutou (Sorbonne Paris IV) betreuten Dissertation auf, die das französische und deutsche linksintellektuelle Bild von der UdSSR vor dem Kalten Krieg in der Zeit der gemeinsamen Erfahrung des katastrophalen Ersten Weltkrieges und der fundamentalen intellektuellen Selbstkritik an Europa, aber auch der besonders schwierigen französisch-deutschen intellektuellen Beziehungen.

Die Dissertation behandelt ausführlich und differenziert die grundlegenden politischen Positionen der recht unterschiedlichen Linksintellektuellen in beiden Ländern und versucht damit diese politische Gruppierung zu umschreiben. Sie behandelt eingehend die einzelnen Reisen der Linksintellektuellen in die UdSSR während der sich verschiebenden politischen Vorzeichen der 1920er und 1930er Jahre, beschreibt ausführlich die Erwartungshorizonte der Intellektuellen, ihre Informationen über die Sowjetunion vor der Reise, ihre Wahrnehmungen während der Reise und ihre Bewertungen nach Abschluss der Reise. Sie verfolgt, welche Stereotypen die Selbst-und Fremdbilder der Linksintellektuellen gegenüber der UdSSR enthielten, welche Geschichtsbilder und grundlegenden politischen Wertvorstellungen in die Bewertung der UdSSR eingingen. Die Arbeit stützt sich auf eine eingehende Lektüre der verzweigten Sekundärliteratur. Die Quellenbasis ist breit, umfasst nicht nur Reiseberichte, sondern auch Briefe und Tagebücher. Der deutsch-französische Vergleich ist gut überlegt ausgeführt.

Die Dissertation kommt zu dem aufschlussreichen vergleichenden Ergebnis, dass die französischen Linksintellektuellen stärker gesellschaftliche Pluralität und Autoritätskritik, die deutschen Linksintellektuellen dagegen stärker Gemeinschaft und kollektive Führung in das Zentrum ihrer Einschätzung der Sowjetunion stellten. Der Blick auf die Sowjetunion war zwar sowohl unter französischen als auch unter deutschen Linksintellektuellen mehrheitlich positiv, wenn auch nicht einfach wirklichkeitsverzerrend utopisch. Er war in Deutschland und Frankreich aber doch unterschiedlich. Die deutschen Linksintellektuellen sahen die Sowjetunion positiv als eine radikalere Alternative zu ihrem besonders negativen Selbstbild von Deutschland, aber auch positiv, weil sie zu ihrem autoritären Bild von Politik passte. Die französischen Intellektuellen sahen die Sowjetunion positiv, weil sie sie in ihre eigene, positiv bewertete, revolutionäre Geschichte als eine Art Fortsetzung der französischen Geschichte und der französischen Revolution integrieren konnten. Sie waren gleichzeitig in ihrem eher pluralistischen Verständnis von Demokratie der UdSSR gegenüber kritischer. Diesen französisch-deutschen Unterschied erklärt sich Eva Oberloskamp weniger aus Unterschieden der doch überwiegend gemeinsamen politischen Ideengeschichte, sondern vor allem aus der weit früheren französischen Erfahrung mit Demokratie, aber auch mit revolutionärem politischem Terrorismus. Insgesamt sind dies keine umstürzenden Ergebnisse, aber sie verfeinern doch unsere Vorstellungen von den Unterschieden der französischen und deutschen Intellektuellen in der Zwischenkriegszeit.

Die Dissertation besitzt auch ein paar kritische Punkte. Man hätte eine ausführlichere Diskussion der Schwächen und Stärken der Reiseberichte als Quelle für Historiker erwartet, über die in den vergangenen zwanzig Jahren viel geschrieben wurde. Man hätte sich auch mehr Aufschlüsse über die Beziehungen oder das Fehlen der Beziehungen zwischen den französischen und den deutschen Linksintellektuellen in den Äußerungen über die Sowjetunion gewünscht. Schließlich hätte man auch gerne mehr über die politische Öffentlichkeit der Linksintellektuellen, über ihre Medien, Clubs, Cafés und Zirkel und damit auch mehr über die Wirkung ihrer Bewertungen der UdSSR in der allgemeinen politischen Öffentlichkeit erfahren. Insgesamt handelt es sich aber um eine zweifelsohne lohnende Studie zu den französischen und deutschen Intellektuellen in der Politik und zu den deutsch-französischen Gegensätzen während der Zwischenkriegszeit.

Hartmut Kaelble