Rezension über:

Albrecht Classen (ed.): Mental Health, Spirituality, and Religion in the Middle Ages and Early Modern Age (= Fundamentals of Medieval and Early Modern Culture; Vol. 15), Berlin: de Gruyter 2014, VI + 738 S., ISBN 978-3-11-036087-5, EUR 139,95
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Rezension von:
Romedio Schmitz-Esser
Deutsches Studienzentrum, Venedig
Redaktionelle Betreuung:
Ralf L├╝tzelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Romedio Schmitz-Esser: Rezension von: Albrecht Classen (ed.): Mental Health, Spirituality, and Religion in the Middle Ages and Early Modern Age, Berlin: de Gruyter 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 10 [15.10.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/10/25838.html


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Albrecht Classen (ed.): Mental Health, Spirituality, and Religion in the Middle Ages and Early Modern Age

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Dieser umfangreiche Band bietet ein weites Spektrum von Studien, die sich mit der Verbindung zwischen geistiger Gesundheit und dem Religiösen in der Vormoderne auseinandersetzen. Damit ist ein komplexes Feld angesprochen, das hier jedoch weniger mittels der Ansätze der Mentalitäts-, Psycho- oder Ideengeschichte verfolgt wird, sondern dem kommunikativen, oft religiös formulierten Austausch zwischen Menschen auf der Suche nach geistiger Gesundheit gewidmet ist (5). Das vergibt zwar die Möglichkeit einer grundsätzlichen methodischen Neubewertung des Themas und auch einer postmodernen Lesart, die sich etwa von Foucault (der freilich in mehreren Beiträgen angesprochen wird) inspirieren lassen könnte, doch entsteht so ein bunter Strauß von Einzelstudien, die die Lektüre lohnend machen. Und gerade die letzten beiden Beiträge, jener von Allison P. Coudert, in dem der Nervenzusammenbruch von Prinz Christian August von Sulzbach im Jahr 1651 zum Ausgangspunkt einer Bewertung frühneuzeitlichen Umgangs mit geistiger Gesundheit gemacht wird, und von Hester E. Oberman, die eine postmoderne Perspektive auf die im Sammelband besprochenen Phänomene vorschlägt, indem sie auf die Relativität der Bewertung von geistiger Gesundheit durch die Gesellschaft hinweist, öffnen die grundsätzliche Richtung zurück zu Foucault.

Wie also erhielt man geistige Gesundheit im Mittelalter? Einer interessanten Idee folgt Lia B. Ross, indem sie nach der Rolle von Kampfsport im Leben mittelalterlicher Mönche fragt. Damit stellt sie die geistlichen Ritterorden im lateinischen Westen neben ihre orthodoxen Brüder etwa im Solowezki-Kloster, um schließlich auf die chinesischen Chan-Mönche von Shaolin einzugehen, deren Kampfkünste heute weltberühmt sind. Für die Erhaltung der eigenen Gesundheit verließ man sich im mittelalterlichen Europa auch auf aus der Antike bekannte Hilfsmittel wie die Nutzung von Amuletten mit Schutzsprüchen, die Susanna Niiranen am Beispiel eines okzitanischen Medizinbuchs aus dem späten 13. oder 14. Jahrhundert aus der Sammlung der Trinity College Library in Cambridge nachgeht. Medizinische Konzepte geistiger Gesundheit kommen am Beispiel böhmischer Schriften des ausgehenden Mittelalters, insbesondere des Hofarztes König Wenzels, Albich von Uničov, zur Sprache (David Tomíček); Liliana Leopardi untersucht die 1502 in Venedig gedruckte und Cesare Borgia gewidmete, lithotherapeutische Schrift "Speculum Lapidum" des Camillo Leonardi. Den Konzepten geistiger Gesundheit und ganzheitlicher Ansätze bei Paracelsus widmen sich die zwei Beiträge von Andrew Weeks und Thomas Willard.

Vor dem Hintergrund der in der deutschsprachigen Mediävistik intensiv geführten Diskussion um die Bedeutung von Ritualen für die Gesellschaft wirft Xenia Sosnowski einen Blick auf die gut bezeugte Episode, bei der Karl der Dicke 873 in Frankfurt vom Teufel besessen worden sein soll und die eine Vielzahl von möglichen - nicht zuletzt auch medizinischen - Interpretationen ermöglicht. Dass die moderne Definition von Geisteskrankheit ihren Ausgangspunkt im späteren Mittelalter von juridischen Überlegungen über die Verantwortlichkeit für die eigenen Taten nahm, hebt Eliza Buhrer hervor. Der Darstellung von geistiger Krankheit in einem literarischen Bericht widmet sich Feargal Ó Béarra am Beispiel der irischen Erzählung von König Suibhne, der Königreich und geistige Gesundheit verliert, um am Ende das Himmelreich zu gewinnen.

Anlässlich der 1613 vollzogenen Hochzeit des "Winterkönigs" Friedrich V. von der Pfalz mit einer englischen Königstochter wurde das Stück "The Lord's Masque" von Thomas Campion entwickelt, das "verrückte" Personen auf die Bühne brachte und hier von Marilyn Sandidge vorgestellt wird.

Kritik an einer rationalisierenden Wissenschaft findet sich am Anfang des 17. Jahrhunderts im Werk des deutschen Theologen Jakob Böhme (Florian Westhagen und Tünde Beatrix Karnitscher); für Böhme könne nicht einfach die Vernunft, sondern die Melancholie und der von ihr befeuerte innere Antrieb der Motor wahrer Einsicht sein, wie die Analyse seiner Schrift "Aurora" zeige.

Welche psychologischen Konzepte das Mittelalter hervorbrachte, beleuchtet etwa Thomas G. Benedek, der die These vorstellt, dass Francesco Petrarca geistige Zustände bereits weit umfangreicher beschrieb als der frühneuzeitliche Arzt Johannes Weyer, den etwa Sigmund Freud zu den zehn wichtigsten Autoren zählte. Jean Gerson, der als Kanzler der Universität Paris zu den bedeutendsten Denkern des frühen 15. Jahrhunderts gehörte, vertrat einen ganzheitlichen Blick auf die Person und eine "holistische Theologie", wie Scott L. Taylor zeigt. Bo Andersson stellt die einflussreiche Apokalyptikerin Eva Margaretha Frölich vor, die im 17. Jahrhundert in Schweden lebte und deren Geisteszustand von ihren Gegnern in Frage gestellt wurde. Der holländischen Künstlerin Anna Maria van Schurman, der ähnliche Vorwürfe gemacht wurden, widmet sich der Beitrag von Martha Moffitt Peacock, die dabei zeigt, welche Anziehungskraft die Labadisten für junge, talentierte Frauen hatten.

Einige Beiträge streifen geistige Krankheit oder Gesundheit eher beiläufig, indem sie sich auf verschiedene Aspekte der Heiligenverehrung und damit auf die im Titel des Bandes angesprochenen Bereiche Religion und Spiritualität konzentrieren. Maedhbh M. Nic Dhonnchadha bespricht die Entwicklung des Kultes der frühmittelalterlichen, irischen Heiligen Brigit. Ein weiteres Beispiel für die Konstruktion eines Heiligenkultes bietet Rosemarie Danziger, die für die Heiligen Savinus und Cyprianus insbesondere die Rolle der bildlichen Darstellung in Saint-Savin-sur-Gartempe unterstreicht. Affektiver mittelalterlicher Frömmigkeit widmet sich Jean E. Jost am Beispiel der spätmittelalterlichen Predigt "Pricke of Conscience".

Die massive Einführung von Albrecht Classen mit ihren rund 150 Seiten bietet weit mehr als nur eine Betrachtung von zwei zentralen Texten zur Trauer, Johannes von Tepls "Ackermann" und den Gedichten Christine de Pizans. Hier geht es vor allem auch um die Frage, ob der Zugang der mittelalterlichen Autoren zur psychischen Gesundheit in seiner Ganzheitlichkeit und religiösen Überzeugung nicht auch Hinweise auf einen guten Umgang mit diesem Thema für unsere eigene Gesellschaft bieten könnte. So groß gesteckt dieses Ziel auch sein mag, so umfassend werden die beiden mittelalterlichen Autoren in ihrer eigenen Zeit kontextualisiert und die Grundlagen der modernen Auseinandersetzung mit der geistig-spirituellen Gesundheit bis hin zu Rudolf Steiner und der Neuropsychologie skizziert. Die Einleitung räumt so mit der Vorstellung auf, das Mittelalter habe nur über ein schlechtes medizinisches Verständnis verfügt und unterstreicht die Ganzheitlichkeit der vormodernen Medizin, die - bei völlig verändertem Wissensstand - durchaus auch in der Gegenwart bedenkenswert erscheint.

Dieser Zug zur Aktualität, zur Eröffnung eines neuen Verständnisses vom Menschen inspiriert vom mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Umgang mit geistiger Krankheit, ist schließlich auch der durchlaufende Grundtenor des Bandes, dem man gerne wird zustimmen wollen. Bei der Auswahl der Beiträge fragt man sich jedoch gelegentlich, ob ein etwas strafferes Rahmenthema - also etwa eine Beschränkung auf geistige Gesundheit - nicht doch ein konziseres Leseerlebnis ermöglicht hätte. Der reiche Sammelband ermöglicht aber zweifellos viele neue Einsichten in ein aktuelles Thema der Forschung; dass er dabei nicht immer den Weg einschlägt, den der Leser erwarten würde, scheint mir weniger ein Nachteil als vielmehr Programm bei der Suche nach einem ganzheitlichen Menschenbild in der Geschichte zu sein.

Romedio Schmitz-Esser