Rezension über:

Franz Alto Bauer: Eine Stadt und ihr Patron. Thessaloniki und der Heilige Demetrios, Regensburg: Schnell & Steiner 2013, 488 S., 340 Farbabb., ISBN 978-3-7954-2760-3, EUR 79,00
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Rezension von:
Antonie Bassing-Kontopidis
Universit├Ąt Z├╝rich
Redaktionelle Betreuung:
Ute Verstegen
Empfohlene Zitierweise:
Antonie Bassing-Kontopidis: Rezension von: Franz Alto Bauer: Eine Stadt und ihr Patron. Thessaloniki und der Heilige Demetrios, Regensburg: Schnell & Steiner 2013, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 4 [15.04.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/04/24581.html


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Franz Alto Bauer: Eine Stadt und ihr Patron

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Die beeindruckende thessalonische Kirche Hagios Demetrios ist schon lange Gegenstand der Forschung, ebenso wie der hier beheimatete Heilige und dessen Verehrung. Immer wieder haben sich namhafte Forscher mit dem seit der Spätantike bestehenden Bau auseinandergesetzt, der nicht nur durch seine architektonische Gestalt und seine bildnerische Ausstattung hervorsticht, sondern auch durch die einzigartige Form der hier praktizierten Heiligenverehrung. Umso erstaunlicher ist es, dass es seit der von den Eheleuten Soteriou 1952 publizierten Monografie zur Basilika [1], die auf den Ergebnissen der Ausgrabung von 1917 basiert, keine umfassende Bearbeitung mehr gegeben hat. Diese Lücke schließt nun das vorliegende, 488 Seiten umfassende Werk von Franz Alto Bauer. Im Zentrum seiner Betrachtung stehen dabei nicht allein der Kirchenbau und der hier ausgeübte Kult, sondern in erster Linie der Heilige selbst und seine Bedeutung als Stadtpatron Thessalonikis.

Im ersten der dreizehn Kapitel nimmt Bauer die 1978 erfolgte Überführung von Demetriosreliquien von Italien nach Thessaloniki zum Anlass, um "nach der Entstehung, dem Wandel und den Formen der Präsenz dieses byzantinischen Heiligen zu fragen, nach den individuellen und kollektiven Bedürfnissen, die sich hinter dieser Gestalt im Wandel der Zeit verbargen." (25) Zunächst widmet er sich der Frage nach der Herkunft des Heiligen, die in der Forschungsdiskussion einerseits für Sirmium, wie auch Bauer erwägt, andererseits für Thessaloniki angenommen wird. Aus Sirmium sei der Kult um den als Diakon verehrten Heiligen möglicherweise nach den Barbareneinfällen im 5. Jahrhundert nach Thessaloniki transferiert worden.

Wie die erfolgreiche Verpflanzung des Kultes und die Einbindung in die Sakraltopografie Thessalonikis verlaufen sein könnte, ist Thema des nächsten Kapitels. Dass der heilige Demetrios gerade im innerstädtischen Bereich der Thermen Fuß fassen konnte und sich schnell großer Beliebtheit erfreute, sei einerseits dadurch zu erklären, dass das Thermenareal zum Zeitpunkt der Übersiedlung des Kultes brach lag und die Umnutzung solch eines ungenutzten Areals ein üblicher Reflex in spätantiken Städten gewesen sei. Ein gestiegenes Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung in Zeiten einer mehr und mehr schwächelnden Zentralgewalt habe zudem dazu geführt, den Heiligen in Form eines hohen Beamten zu adaptieren.

Mit der Frage, wie sich die Bevölkerung den Heiligen erfahrbar machte, wendet sich Bauer dem thessalonischen Kirchenbau zu. Er beginnt mit der Schilderung der Zerstörung durch den katastrophalen Brand von 1917. Es folgt die Forschungsgeschichte von den Anfängen gegen Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu den Grabungen in Hagios Demetrios unter Georgios Soteriou. Bauer geht ausführlich auf die archäologischen Spuren der Vorgängerbauten ein, wobei er zu dem Schluss kommt, dass für die Existenz einer Vorgängerkirche eindeutige Indizien fehlten. Im Anschluss an eine detaillierte Beschreibung des Kircheninnenraumes und dessen Ausstattung skizziert er die Baugeschichte, bei der er sich mittels sorgfältiger und gut nachvollziehbarer Argumentation in der bisherigen Forschung neu positioniert. Das Ergebnis ist eine Datierung des Baus in die Zeit um 500, worauf im 7. Jahrhundert - nach einem Brand oder Erdbeben - ein umfassender Wiederaufbau erfolgt sei.

Im 5. und 6. Kapitel beleuchtet Bauer die Rolle des Baus als Verehrungsort und zeigt eindrücklich die Art und Weise der Vergegenwärtigung des Heiligen auf. Hauptgegenstand der Verehrung war das heute nicht mehr existente Silberziborium. Es sei das Zentrum einer visuellen Vergegenwärtigung des Heiligen gewesen, die - zusammen mit der sie umgebenden Architektur - seine Präsenz evoziert und zugleich über das Fehlen von Primärreliquien hinweggetäuscht habe. Weitere wichtige Elemente, die nach Bauer Teil dieser Vergegenwärtigungsstrategie waren, sind einerseits die heute zum Großteil verloren gegangenen ex voto-Mosaiken, die einer ausführlichen Analyse unterzogen werden. Eine ebenso wichtige Rolle spielten andererseits die während der Liturgie als Predigten vorgetragenen Wunderberichte. Durch diese wechselseitige Bestätigung von Gehörtem und Gesehenem entstehe eine "imaginative Dichte", die dem heiligen Demetrios gestattete, "eine übernatürliche Präsenz zu entwickeln, gleichsam aus seinen Bildern in den Raum, die Realität zu treten" (228).

Im nächsten Kapitel zeichnet Bauer die Heiligenverehrung von ihrem Aufkommen bis ins 11. Jahrhundert nach. Demetrios habe sich im 6. und 7. Jahrhundert, während der Bedrohung durch Slawen und Awaren, vom lokalen Heiligen zum Stadtpatron entwickelt. In dieser Funktion zog er in der Folge auch auf nationaler Ebene Aufmerksamkeit auf sich und wandelte sich ikonografisch zum reichsweit verehrten Soldatenheiligen. Seine Rolle als Schutzpatron habe ihn darüber hinaus attraktiv für andere Völker gemacht. Im Bulgarenreich wurde er so z.B. zum Patron des Freiheitskampfes gegen die byzantinische Herrschaft.

Im Laufe des Mittelalters veränderte sich die Demetriosverehrung in Thessaloniki grundlegend: Er wurde zum Myronspender. Das Bedürfnis nach der materiellen Erfahrbarkeit des Heiligen in der wirkmächtigen Substanz des Myron ließ die visuelle Vergegenwärtigung zurücktreten. Diese Veränderung der Verehrungspraxis, die laut Bauer vermutlich im 10. Jahrhundert mit der Plünderung durch die Araber einherging, führte zur grundlegenden Modifikation des Schreins und anderer Bereiche von Hagios Demetrios.

Im 11. Kapitel zeigt Bauer, welche gleichbleibend hohe Bedeutung der Heilige auch in spätbyzantinischer Zeit während der Bedrohung durch die Türken auf lokaler wie nationaler Ebene besaß. Er zeichnet u.a. mit der Beschreibung liturgischer Feiern, wie den alljährlich stattfindenden jahrmarktähnlichen Demetrien, ein lebendiges Bild der spätbyzantinischen Demetriosverehrung. Thematisiert werden auch die spätbyzantinischen Erweiterungen der Bildausstattung von Hagios Demetrios sowie die Errichtung und Ausstattung der Euthymioskapelle.

Auch nach der Eroberung Thessalonikis durch die Osmanen 1430 hätten, so Bauer, Kult und Kirche weiter bestanden, wobei die neue muslimische Bevölkerung das demetrische Myron ebenfalls geschätzt zu haben scheint. 1493 wurde die Kirche Hagios Demetrios dann in eine Moschee umgewandelt. Der Kult blieb in reduzierter Form in den nordwestlichen Räumen durchgehend bestehen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Bau wieder in eine Kirche umfunktioniert.

Ein letztes Kapitel bietet eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse sowie eine kurze Erwägung zur Provenienz, Auftraggeberschaft und Datierung der Mosaikikone von Sassoferrato, die Bauer als "Collage" betrachtet, "deren Elemente aus verschiedenen Zeiten stammen" (458). Es handele sich um ein "byzantinisierendes mixtum compositum" (460), das nach dem Ende des byzantinischen Reiches in den Besitz der Familie Perotti gelangte, die die Ikone schließlich 1480 der Stadt Sassoferrato stiftete.

Alles in allem handelt es sich bei "Eine Stadt und ihr Patron" um eine breit angelegte Studie, die sich zahlreicher verschiedener Gattungen und Materialien bedient. Auf diesem Weg und durch seine Herangehensweise gelingt Bauer nicht nur eine umfassende Zusammenschau der bisherigen Forschung, in der er sich in vielerlei Hinsicht selbst neu positioniert. Er erreicht dadurch auch erstmalig eine umfassende kulturhistorische Darstellung des mit Thessaloniki eng verbundenen Demetrioskultes von seinen Anfängen bis heute. Der von Bauer verfolgte Ansatz selber ist dabei nicht völlig neu, sondern wurde bereits von Cormack [2] eingeführt.

Das Buch besticht durch das reiche und vielfältige Bildmaterial, bei dem es leider manchmal an der Qualität hapert, sowie den vielfach eingearbeiteten Quellen- und Augenzeugenberichten in deutscher Übersetzung. Es richtet sich an eine breitere Öffentlichkeit, ist also auch für Einsteiger im Bereich der frühchristlichen und byzantinischen Kunstgeschichte und Archäologie geeignet. Die Kapitel sind thematisch in sich geschlossen; die Lektüre des gesamten Buches ist für einen vollständigen Gesamteindruck dennoch zu empfehlen. Etwas ungewohnt erscheint anfangs möglicherweise das immer wieder beschriebene aktive Handeln und Entscheiden des Heiligen, doch spiegelt dies in gewisser Weise den Glauben des spätantiken und mittelalterlichen Betrachters und Gläubigen an das Handeln des Heiligen wider, und ist meiner Meinung nach die konsequente Fortsetzung der zentralen Fragestellung.


Anmerkungen:

[1] Georgios und Maria Soteriou: I Basiliki tu Agiu Dimitriu tis Tessalonikis
(Η βασιλική τού Αγίου Δημητρίου τής Θεσσαλονίκη), Athen 1952.

[2] Robin Cormack: Writing in Gold. Byzantine society and its icons, London 1985.

Antonie Bassing-Kontopidis