Rezension über:

Jan Carstensen / Heinrich Stiewe (Hgg.): Orte der Erleichterung. Zur Geschichte von Abort und Wasserklosett (= Schriften des LWL-Freilichtmuseums Detmold; Bd. 38), Petersberg: Michael Imhof Verlag 2016, 127 S., 172 Abb., ISBN 978-3-7319-0340-6, EUR 19,95
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Rezension von:
Oliver Fok
Emslandmuseum Schloss Clemenswerth
Redaktionelle Betreuung:
Kristina Deutsch
Empfohlene Zitierweise:
Oliver Fok: Rezension von: Jan Carstensen / Heinrich Stiewe (Hgg.): Orte der Erleichterung. Zur Geschichte von Abort und Wasserklosett, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2016, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 1 [15.01.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/01/30325.html


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Jan Carstensen / Heinrich Stiewe (Hgg.): Orte der Erleichterung

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"Scheiße sagt man nicht!" - hieß eine Sonderausstellung 2016 im Freilichtmuseum Detmold. Den knapp 130 Seiten und 10 Beiträge umfassenden Begleitband betitelten die Herausgeber indessen etwas poetischer mit "Orte der Erleichterung. Zur Geschichte von Abort und Wasserklosett". Der Titel der Ausstellung mit dem 'S-Wort' war ihnen wohl zu provokant für ein Buch.

Das einstige Tabuthema ist schon seit Längerem im Trend. Entsprechend gern beschäftigen sich Museen damit, garantiert es doch gute Besucherzahlen. So gab es 2011 eine Sonderausstellung der Baden-Württemberger Schlösserverwaltung mit dem Titel "Das stille Örtchen. Tabu und Reinlichkeit bei Hofe". Auf Burg Storkow wurde 2016 die Ausstellung "Abort, Leibstuhl und Latrine" gezeigt, und auf Burg Mildenstein können Besucher noch bis Februar 2018 die Schau "Drauf geschissen" sehen. Auch das Emslandmuseum Schloss Clemenswerth hat 2012 in seine Batterie von acht nebeneinander angeordneten Dienstboten-Aborten, die aus der Bauzeit von 1737 bis 1747 stammen, eine kleine Dauerausstellung installiert.

Das Historische Museum Basel zeigte bereits 1996 "Fundgruben - Stille Örtchen ausgeschöpft", in der es primär um die in den Gruben aufgefundenen Gegenstände ging. Und trotz der umfangreichen Beschäftigung mit Aborten ist das Thema bei Weitem noch nicht umfassend behandelt. Zu vielfältig sind die Blickwinkel, aus denen man die zumeist nur einen Quadratmeter umfassenden Räume betrachten kann. Im hier besprochenen Band stehen dabei regionalspezifische Elemente im Vordergrund.

Im ersten Beitrag des Bandes führt Heinrich Stiewe durch die Ausstellung. Mit seinem zweiten Aufsatz "Abtritt, Secret und heimlich Gemach. Historische Abortanlagen in Westfalen" kommt er zu seiner Passion, der Hausforschung. Er gibt einen Überblick zur baulichen Entwicklung des Abortes in Westfalen vom Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg. Der Leser erfährt, dass Aborte im Mittelalter in Klöstern, Burgen und Städten zu finden waren, also an Orten, an denen sich Menschen drängten und der Fortschritt spürbar war.

Die Modernisierung kam unter anderem mit den Pfarrern aufs Land. Man fand Abortanlagen auf Adelssitzen, bei Großbauern und Wirtshäusern. Erst im 19. Jahrhundert verbreiteten sich Aborte auch bei Handwerkern und Kleinbauern. Es war wieder der höfische und großbürgerliche Bereich, der im 19. Jahrhundert den Fortschritt mit dem Wasserklosett einläutete. Auf dem Land galt das "WC" bis nach dem Zweiten Weltkrieg als unnötiger städtischer Luxus, da man den wertvollen Dünger nicht einfach wegspülen wollte.

Regional bleibt auch Andreas König in seinem Beitrag über die Höxter Kloaken. Nach archäologischen Befunden wurden Feststoffe aus den bis zu 79.000 Liter fassenden Anlagen nur in Jahrzehnteabständen entnommen. Die meisten dieser Latrinenschächte wurden nach dem 30-jährigen Krieg, als die Einwohnerschaft dezimiert und verarmt war, aufgegeben. In den mittelalterlichen Kloaken wurden bis in die Neuzeit auch Hausratsabfälle entsorgt.

Anhand der Funde konnten Rückschlüsse auf die Nutzung und Verbreitung von Gegenständen gezogen werden. Die Archäobotanik und Archäozoologie halfen bei der Bestimmung von Speiseresten, die sich durch Sauerstoffabschluss erhalten haben. Gefunden wurden in den Kloaken etwa Getreide, Kulturobst, Nüsse, Kräuter, Gemüse, Salat, Hülsenfrüchte, Wild- und Unkräuter. Pfeffer und Kardamom fand man bezeichnender Weise in bester Wohnlage am Rathaus. Auch Tierkadaver von Hasen bis zu Kälbern wurden hier entsorgt. König berichtet, dass Reh, Hirsch und Wildschwein nur auf den städtischen Adelshöfen nachzuweisen sind, ebenso Singvögel und Austern. Ergänzt wurde der Speiseplan durch Süßwasser- und Meeresfische.

Corinna Keunecke beschäftigt sich in ihrem Beitrag "'Sprachhäusel' oder stilles Örtchen? Zur Entwicklung von Scham und Intimität im Umgang mit den 'natürlichen Bedürfnissen'" mit den Konventionen in Bezug auf das "Örtchen". So saß man früher auf dem Abort nebeneinander. Die Aufklärung brachte ein neues Körper- und Hygienebewusstsein. Noch heute können wir die Tabuisierung durch Umschreibungen wie "Ich müsste mal ..." oder "Wo kann ich mir die Hände waschen?" beobachten.

Im Thema bleibt auch Thomas Schürmann mit seinem Beitrag "Die Eti-Kette. Anstandsregeln und Überlieferungen rund um den stillen Ort". Er zeigt auf, dass im 18. Jahrhundert noch über Verhaltensweisen rund um die Notdurft in verschiedenen Büchern geschrieben wurde, dagegen das Thema im 19. Jahrhundert fast unmöglich wurde. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ist von der Toilette nur noch im Sinne von "Sich-Zurechtmachen" die Rede. Und selbst noch in den 2000er-Jahren wird scheuen Gemütern angeraten, bei Bedürftigkeit nach einer Möglichkeit zum Händewaschen zu fragen.

Der Beitrag von Martina Padberg "Hinschauen ohne Tabu? Der 'heimliche Ort' in Kunst, Literatur und Film" kann nur einen doch recht punktuellen Einblick geben, wie das Thema in den Künsten verhandelt wurde und wird. Padberg spricht neben Malerei auch Literatur, Musik, Fotografie und Film an. Von Pieter Breughel d.J. bis zur zeitgenössischen Kunst erörtert sie das Thema und berichtet von der Verspottung der Bauern im Mittelalter durch ihre Darstellung bei der Verrichtung der Notdurft, vom Zusammenbrechen des Helden Homo Faber von Max Frisch auf einer Toilette, vom außer Kraft treten gesellschaftlicher und moralischer Regeln, der Anarchie und Hemmungslosigkeit, die auf Toiletten zuweilen herrschen, wie etwa in dem Buch von Christiane F. "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" (1978).

Der letzte Aufsatz "Gegen Schmutz und Gestank. Fäkalienentsorgung und Hygiene seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts" von Stefan Nies beschäftigt sich mit der Entsorgung. Es waren die neuen Erkenntnisse in Chemie, Hygiene und Medizin, die die Sichtweise der Menschen änderten und das Gefahrenpotenzial in den sich rasant entwickelnden industrialisierten Städten, später in den Kleinstädten und zuletzt auf dem Lande, offenbarten.

Der Aufsatzband gibt einen guten Überblick über die Kulturgeschichte des Abortes und zeigt besonders regionalspezifische Entwicklungen auf. Er verbindet gekonnt wissenschaftlich fundierte Ergebnisse aus unterschiedlichen Disziplinen mit einem humorvoll gehaltenen Bericht über Toiletten, wie sie auf verschiedenen Kontinenten und Kulturkreisen (Beitrag von Janina Raub) verwendet werden. Ergänzt wird er - abgesetzt mit in Rot gehaltenen Blättern - durch einen Exkurs zu Klo-Graffitis (dies.) in öffentlichen Toiletten sowie einem Bericht über das Leben mit der Inkontinenz (Werner Krüper).

Sicherlich interessant sind die biografischen Hinweise zu den Autorinnen und Autoren des Bandes. Eine zusammenfassende Literaturliste wäre für dieses Buchprojekt wichtiger gewesen. Insgesamt aber liegt mit "Orte der Erleichterung" ein sehr lesenswerter und gut bebilderter Aufsatzband vor.

Oliver Fok