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Fernando Esposito (Hg.): Zeitenwandel. Transformationen geschichtlicher Zeitlichkeit nach dem Boom (= Nach dem Boom), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2017, 280 S., 6 s/w-Abb., ISBN 978-3-647-30100-6, EUR 49,99
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Rezension von:
Knud Andresen
Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg
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Empfohlene Zitierweise:
Knud Andresen: Rezension von: Fernando Esposito (Hg.): Zeitenwandel. Transformationen geschichtlicher Zeitlichkeit nach dem Boom, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 4 [15.04.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/04/30798.html


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Fernando Esposito (Hg.): Zeitenwandel

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Die jüngste Zeitgeschichte sucht Zäsuren häufig um das Ende der ökonomischen Boomphase Anfang der 1970er Jahre, und es liegt inzwischen eine Vielzahl von Deutungsangeboten vor. Der von Fernando Esposito aus dem Umfeld der Trierer und Tübinger Forschungsgruppe "Nach dem Boom" herausgegebene Sammelband fragt nach einem "Paradigmenwechsel in Sachen Zeit", denn es habe sich gezeigt, dass seit den 1970er Jahren "eine der grundlegendsten Veränderungen das Zeit- und Geschichtsdenken" betroffen habe (7). Der frühere Fortschrittsoptimismus sei in Fortschrittskritik und -skepsis umgekippt, ein neues Verhältnis von Nostalgie und radikal verkürzter Sofortzeit entstanden, und ein "präsentistisches Historizitätsregime" gegenüber dem "futuristischen" (François Hartog) dominierend geworden. Teleologische und lineare Zeitvorstellungen hinsichtlich der Vergangenheit, aber auch der Zukunft seien durch eine gleichrangige Vielfalt und den Chronotyp der "breiten Gegenwart" abgelöst worden. [1] Dieses Konzept übertrug Hans Ulrich Gumbrecht auf historische Entwicklungen. Ein instruktives Gespräch von Esposito mit Gumbrecht rundet daher auch den Band ab. In der Einleitung, ebenso wie in den sechs Fallstudien, wird das Konzept einer Geschichte der Zeit vor allem anhand der "wegweisenden Arbeiten" (Chris Lorenz, 82) von Reinhart Koselleck und darauf aufbauender Schriften entfaltet.

In der Einleitung bietet Esposito auf gut 60 Seiten einen "Parforceritt" über intellektuelle Auseinandersetzungen zwischen und mit prominenten internationalen Theoretikern (ausführlich werden nur Männer behandelt) der Nachkriegsjahre bis in die 1990er Jahre. Er entfaltet viel theoretisches Material, um die Diagnose des Wandels wissenschaftsgeschichtlich zu grundieren. Die Historisierung der Zeit ist ein erkenntnistheoretisches Problem, vor allem, wenn die theoretischen Grundlagen "historisierende Quellen" sind, die "zugleich den Ausgangspunkt des eigenen Fragens nach der Zeit" bilden (17). Entsprechend wird von Esposito, aber auch im Beitrag von Chris Lorenz, versucht, Koselleck und andere selbst zu historisieren. Einen hohen Stellenwert erhalten in der Einleitung Auseinandersetzungen um das Konzept der Moderne und den Gegenentwürfen von Posthistoire und Postmoderne, was als Pluralisierungsprozess von zeitlichen Vorstellungen und Wendepunkt gedeutet wird. Esposito synthetisiert tentativ eine "zweite 'Krise des Historismus'" (54) nach dem Boom, die zumindest Ähnlichkeiten mit der von Ernst Troeltsch Anfang der 1920er Jahre konstatierten Krise des Historismus habe: "Das Kollektivsingular Geschichte - ob in der liberalen oder der marxistischen Variante eines vernünftigen, zielgerichteten, universalen Emanzipationsprozesses - erwies sich als 'ewige Wahrheit', die mit den Mitteln der Geschichte selbst erschüttert wurde." (56) Nach dem Boom, so Esposito, müsse ohne "geschichtsphilosophischen Kompass" in die Zukunft navigiert werden.

Die sechs Einzelstudien sind mal mehr, mal weniger theoretisch ambitioniert. Chris Lorenz und Achim Landwehr kritisieren auf breiter Literaturgrundlage Vorstellungen vor allem in der Geschichtswissenschaft über die vermeintlich vorgegebene Struktur Zeit, die eurozentristische und lineare Zeitvorstellungen perpetuiere. Lorenz ist dabei schärfer, denn Chronologie sei der "letzte Fetisch des Stamms der Historiker", und es sei "höchste Zeit, dass Historiker sich von der hartnäckigen Gewohnheit trennen, die chronologische Zeit mit der historischen gleichzusetzen und chronologische Periodisierungen mit historischen" (90). Auch Achim Landwehr wünscht sich mehr "geschichtswissenschaftliche Aufmerksamkeit für die Zeit" (230) als soziale und narrative Konstruktion. Seine grundlegenden theoretischen Überlegungen gipfeln in seiner "gedankliche[n] Spielerei", den "Begriff der Moderne" nicht aufzugeben, sondern umzupolen als "temporales Modell auch im Sinne derjenigen Zeiträume [...] die sich durch das Bewusstsein der Gegenwärtigkeit der Zeiten auszeichnen" (251).

Die anderen vier Beiträge widmen sich spezifischen Phänomen nach dem Boom. Tobias Becker zeichnet die Genealogie des Topos "Nostalgie-Welle" in Deutschland und anderen westlichen Ländern vor allem in den 1970er und 1980er Jahren anhand intellektueller Reflexionen nach. Er historisiert die zeitgenössische Klage über den Verlust von Fortschrittserwartungen durch die Suche nach heilen Vergangenheiten, sieht es aber auch als Beleg für die Pluritemporalität der Zeit - ein immanentes Erkenntnisproblem, das alle Beiträge in ihrer theoretischen Grundierung betrifft.

Lukas J. Hezel wendet sich der Jugendrevolte 1980/81 und den darin wurzelnden Autonomen zu. Er verortet die Radikalisierung - symptomatisch gebündelt in dem Punk-Slogan "No Future" - und von Teilen propagierte Gewaltausübung als einen "militante[n] Präsentismus", bei dem das "euphorische Gefühl" der Militanz angesichts einer "ansonsten trostlosen Zukunftslosigkeit" dominierte (152); die Radikalisierung hätte so eine neue Chronopolitik hervorgebracht. Hezel verweist aber auch darauf, dass trotz dystopischer Parolen auch ästhetische, musikalische und politische Kreativität die Bewegungen prägte.

Silke Mende nimmt Zeitvorstellungen im alternativen Milieu in den Blick. Dazu nutzt sie das "Momo-Syndrom" als Sonde, die erstaunliche Verbreitung des 1973 von Michael Ende veröffentlichten Märchen-Romans über Zeitdiebe. Zukunftsvorstellungen im alternativen Milieu waren zum einen von apokalyptischen Befürchtungen geprägt, zum anderen von den Versuchen, die Zukunft bereits in die Gegenwart zu holen und ein entschleunigtes Leben zu führen. Zwar weist Mende darauf hin, dass dystopische Befürchtungen auch frühere Zeiten prägten, aber das Milieu prägten fortschrittsskeptische Erwartungen, die in "Momo" gebündelt waren und die - wenn auch aggregiert - weit über das alternative Milieu abstrahlten.

Elke Seefried untersucht das Verständnis von Fortschritt in der Sozialdemokratie zwischen den 1960er und 1990er Jahren. Sie konstatiert die Transformation zu einem neuen hegemonialen Zeitregime schon um 1970, in dem - nach einer Aufbruchsstimmung in den 1960er Jahren - Fortschritt und Modernisierung zunehmend kritisch in der Programmatik verhandelt wurden. Seefried geht auch in die 1990er Jahre, als ein "markt- und technologiebasiertes Modernisierungsparadigma" in der Sozialdemokratie aufkam (195), mit dem nun Nachhaltigkeit und der ökologische Umbau der Industriegesellschaft angestrebt wurden. Damit verweist sie darauf, dass eine neoliberale Aufbruchsstimmung neue Erwartungshorizonte generieren konnte, womit sie über eine engere Transformationsphase nach dem Boom hinausgeht und zeigt, dass die "breite Gegenwart" sich im politischen Raum konjunkturell und nicht linear entwickelt.

Der Sammelband bietet einen anregenden, im positiven Sinne irritierenden Beitrag zur Intellectual History und zu einer weiteren Historisierung der Geschichte der Zeit. Die Fallstudien behandeln mit Jugendrevolte, dem alternativen Milieu und der Sozialdemokratie wichtige Akteursgruppen und können Zukunftsängste anschaulich belegen. Für ein umfassenderes Bild wären noch weitere politische Kreise interessant, die sich wie in Bayern mit dem von Roman Herzog 1998 geprägten Slogan "Laptop und Lederhose" im Spannungsfeld von technischer Modernität und Traditionswahrung bewegten. Etwas störend wirken manche Vorwürfe an die Zunft bezüglich des "Fetisch" Chronologie, vielleicht etwas zu stark von einem Distinktionsbemühen geleitet. Die soziale Konstruktion von Zeit und Narrativen gehört doch längst zu den Forschungsstandards in der Fachwelt. Der Band wird diesen Konsens weiter festigen und theoretisch vorantreiben.


Anmerkung:

[1] Hans Ulrich Gumbrecht: Unsere breite Gegenwart, Berlin 2010.

Knud Andresen