Rezension über:

Bünyamin Werker: Gedenkstättenpädagogik im Zeitalter der Globalisierung. Forschung, Konzepte, Angebote (= Sozialisations- und Bildungsforschung: international, komparativ, historisch; Bd. 17), Münster: Waxmann 2016, 309 S., ISBN 978-3-8309-3496-7, EUR 39,90
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Rezension von:
Elke Gryglewski
Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
Redaktionelle Betreuung:
Christian Kuchler
Empfohlene Zitierweise:
Elke Gryglewski: Rezension von: Bünyamin Werker: Gedenkstättenpädagogik im Zeitalter der Globalisierung. Forschung, Konzepte, Angebote, Münster: Waxmann 2016, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 4 [15.04.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/04/30830.html


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Bünyamin Werker: Gedenkstättenpädagogik im Zeitalter der Globalisierung

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Wie reagiert die Pädagogik in Gedenkstätten zur Erinnerung an die nationalsozialistischen Opfer auf neue Herausforderungen, die sich durch die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen im 21. Jahrhundert für die Beschäftigung mit Nationalsozialismus und Holocaust ergeben? Dieser Frage geht Bünyamin Werker in seiner Studie "Gedenkstättenpädagogik im Zeitalter der Globalisierung" nach, die er als Dissertation am Lehrstuhl Vergleichende Erziehungswissenschaft der Ruhr Universität Bochum vorgelegt hat. Welche Herausforderungen er dabei für besonders bedeutsam erachtet, wird in seiner theoretischen Einbettung der Arbeit deutlich. So setzt er in Kapitel 1 die Gedenkstättenpädagogik in Beziehung zu den sich durch die wachsende zeitliche Distanz zum Geschehen und dem Sterben der Erlebnisgeneration ergebenden Veränderungen in der Geschichts- beziehungsweise Erinnerungskultur. Er sieht dadurch gestiegene Notwendigkeit von und Möglichkeiten für die Pädagogik in Gedenkstätten. Kapitel 2 widmet sich dem Thema Globalisierung und ihren Folgen, insbesondere den weltweiten Migrationsbewegungen. In diesem Kontext bezieht er die Frage ein, wie sich die universelle oder globale Erinnerungskultur auf die Erinnerungsorte auswirkt.

Bünyamin Werker überprüft seine Fragestellung auf drei Ebenen: Der bestehenden Forschung zu Gedenkstättenpädagogik, den Bildungskonzepten der Gedenkstättenpädagogik und schließlich den pädagogischen Angeboten in den Gedenkstätten. Hinsichtlich der Forschung (Kapitel 3) unterscheidet Werker zwischen Untersuchungen zu Fragen der Erinnerungskultur, in denen seiner Meinung nach Gedenkstätten häufig als Orte des kulturellen Gedächtnisses in den Blick genommen werden (97), Arbeiten, bei denen es um die Wirkung von Gedenkstättenpädagogik auf die Einstellungen oder Wünsche von Besuchenden geht und schließlich Untersuchungen, die explizit die Pädagogik in Gedenkstätten in den Blick nehmen.

Seine Studie zu pädagogischen Konzepten (Kapitel 4) nimmt dabei Menschenrechtspädagogik anhand eines Seminars in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald in den Blick, sowie interkulturelles Lernen auf der Grundlage des Konzepts "Konfrontationen" des Fritz-Bauer-Instituts und der Materialsammlung "Geschichten teilen. Dokumentenkoffer für eine interkulturelle Pädagogik zum Nationalsozialismus" von Miphgasch - Begegnung e.V. und der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Grundlage für die Analyse bilden Flyer, die die Bildungskonzepte beschreiben sowie Begleitaufsätze, die von den Herausgeberinnen und Herausgebern der Materialien formuliert wurden.

Werker untersucht dann die pädagogischen Angebote von 13 Gedenkstätten/Dokumentationszentren zur Erinnerung an die NS-Opfer sowie einer Jugendbildungs- und Begegnungsstätte neben einem Erinnerungsort (Kapitel 5). Dabei beschreibt er systematisch die pädagogische Arbeit in NS-Gedenkstätten anhand didaktischer Überlegungen und bildet Kategorien wesentlicher Strukturmerkmale, anhand derer die Analyse erfolgt. Grundlagen bieten überwiegend die Internetauftritte, in Bezug auf die Ziele der Orte, Themen, ihre Methodik, die Zielgruppen und die sogenannte Profession (internationale Teams und internationale Kooperationen), also Aspekte, die für eine Gedenkstättenpädagogik im Kontext von Globalisierung als weiterführend und gewinnbringend erkannt wurden.

In seinem Fazit (Kapitel 6) identifiziert Werker zwar durchaus positive Ansätze, die sich in der Gedenkstättenpädagogik finden lassen und auf eine Wahrnehmung der globalisierten Welt schließen lassen, weist aber gleichzeitig auf bestehende nationale und eurozentrische Perspektiven hin. So adaptiere die Gedenkstättenpädagogik die Prozesse globalisierter Erinnerung für die pädagogische Arbeit und passe sie "in typischer Weise an ihre jeweiligen lokalen Gedächtnisrahmen an" (281). Auch die herangezogenen Studien, die teilweise aus der Perspektive von Mitarbeitenden der Gedenkstätten geschrieben sind, bearbeiteten globale Themen wie Menschenrechte und Migration in Bezug auf die Gedenkstättenpädagogik, "die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler [setzten] jedoch ihre Forschungsfragen und -ergebnisse in keinen expliziten globalen Kontext" (ebd.).

Bünyamin Werkers Arbeit ist sehr dicht und verbindet auf wenig Raum sehr viele Fragestellungen. Auch wenn nachvollziehbar ist, dass diese Dichte durch die Absicht entsteht, jeden Gedanken theoretisch zu untermauern, wünscht man sich an manchen Stellen 'Weniger', das 'mehr' an Reflexion an anderen Stellen ermöglichen würde. Das betrifft teilweise Aussagen, die für die Forschungsfrage nicht relevant sind wie beispielsweise, dass "jugendliche Besucherinnen und Besucher einer NS-Gedenkstätte mit den unterschiedlichen Schicksalen der Opfer nationalsozialistischer Gewalt konfrontiert werden [sollen]" und "hierdurch einen Einblick in die Bedingungen und Umstände erhalten, in denen Menschen zu Tätern und Täterinnen wurden" (60). Hier ist nicht nachzuvollziehen, wie über die ausschließliche Perspektive der Verfolgten eine Analyse der Tätersicht erfolgen soll. Auch wäre eine breitere und differenziertere Anlage der Darstellung des Umgangs mit der Vergangenheit nach 1945 wünschenswert gewesen. Gerade weil Werker seine Erzählung mit der Gründungsgeschichte zahlreicher Gedenkstätten ergänzt, was in der Regel bei Beschreibungen dieser Art nicht der Fall ist, wäre hier ein Eingehen auf die Ausnahmen zum Mainstreamverhalten eine wichtige Vervollständigung zu den verschiedenen Phasen der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus nach 1945 gewesen. Die Konzentration auf die immer genannten Ereignisse wie den Eichmann-Prozess, die Studentenbewegung 1968, die TV-Serie Holocaust oder die Rede von Richard von Weizsäcker, ohne die Erwähnung von frühen Initiativen zur Auseinandersetzung mit den Tätern und Tatkomplexen [1], trägt zu einer Beschreibung bei, die das Narrativ "vom Dunkel zum Licht" entwickelt und die aktuell häufig als "Erfolgsgeschichte der Vergangenheitsbewältigung" dargestellte Geschichte des Umgangs mit der Vergangenheit tradiert. Die Erkenntnis in der Gedenkstättenpädagogik, dass Geschichte multiperspektivisch zu erzählen ist, bezieht sich auch auf die Nachkriegs- beziehungsweise Umgangsgeschichte, Werker berücksichtigt dies leider zu wenig.

Mehr Raum hätte aber vor allem der Diskussion und Reflexion der zentralen Fragestellungen der Arbeit gutgetan. Wie so oft in diesem Zusammenhang, bezieht sich auch Werker auf die ethnische Herkunft der Adressatinnen und Adressaten als zentrales Element für die vermeintliche Differenz bei der Bearbeitung von Nationalsozialismus und Holocaust in einer globalisierten Gesellschaft und leitet daraus die Notwendigkeit neuer pädagogischer Konzepte ab. Mit dieser Herangehensweise wird implizit immer eine Homogenität im Umgang mit Nationalsozialismus und Holocaust vor dem Zeitalter der Globalisierung suggeriert, die so zu keinem Zeitpunkt gegeben war. Auch wird dabei indirekt zu dem gesellschaftlichen Diskurs beigetragen, Jugendliche mit Migrationshintergrund hätten kein Interesse an der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und Holocaust. Hier wäre eine ausführlichere Diskussion unter Hinzuziehung kritischer Perspektiven auf die genannten Studien von Viola Georgi und der Rezensentin wertvoll gewesen. Beiden wurde mit schlüssigen Argumenten gezeigt, durch die Anlage und Sprache ihrer Forschungen einen Beitrag zum 'Othering' von Menschen mit Migrationshintergrund [2] im Kontext des Erinnerungsdiskurses beizutragen. [3]

Auch die Annahme, Menschenrechtspädagogik sei der richtige didaktische Ansatz für die globalisierte Gesellschaft, hätte größere Aufmerksamkeit verdient. So hätte Werker die von ihm selber angeführten kritischen Stimmen (136) ausführlicher diskutieren können und damit einen Bogen zu der in Kapitel 1 eingeführten Überlegung, der notwendigen Wissensvermittlung als Grundlage für Erinnerung ziehen können. Die Frage nämlich, wie viel historisches Wissen nötig ist, um kompetent allgemeine und besondere Menschenrechtsfragen einordnen zu können, ist nur einer von oft und kontrovers erörterten Aspekten.

Bünyamin Werkers Verdienst ist in jedem Fall die systematische Auflistung von Forschungsarbeiten und Bildungskonzepten zu Gedenkstättenpädagogik sowie die Systematisierung von deren pädagogischen Angeboten in Gedenkstätten. Im Zusammenhang mit den von ihm aufgeworfenen Fragen bietet die Arbeit eine nützliche Grundlage zur Fortführung der Diskussion.


Anmerkungen:

[1] Hierzu gehören frühe Ausstellungsprojekte wie "Ungesühnte Nazijustiz" oder Publikationen wie "Der Gelbe Stern" von Gerhard Schoenberner.

[2] Der Begriff "Menschen mit Migrationshintergrund" wird hier benutzt, wohl wissend, dass auch hier eine problematische Konstruktion besteht.

[3] Rosa Fava: Die Neuausrichtung der Erziehung nach Auschwitz in der Einwanderungsgesellschaft. Eine rassismuskritische Diskursanalyse, Berlin 2015.

Elke Gryglewski