Rezension über:

Jean Truax: Aelred the Peacemaker. The Public Life of a Cistercian Abbot (= Cistercian Studies Series; 251), Collegeville: Cistercian Publications 2017, XIV + 325 S., ISBN 978-0-87907-251-3, USD 34,95
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Rezension von:
Wolfgang Buchmüller
Hochschule Benedikt XVI., Zisterzienserstift Heiligenkreuz
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Buchmüller: Rezension von: Jean Truax: Aelred the Peacemaker. The Public Life of a Cistercian Abbot, Collegeville: Cistercian Publications 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 9 [15.09.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/09/30119.html


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Jean Truax: Aelred the Peacemaker

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Im Fokus dieser brillanten Studie über den bekannten Zisterzienservater Aelred von Rievaulx (1111-1167), der von seinen Zeitgenossen als "Bernhard des Nordens" apostrophiert wurde, steht die öffentliche Wirksamkeit dieses insbesondere als Autor spiritueller Klassiker bekannten Kirchenschriftstellers. Durch die Unmenge der minutiös recherchierten Details, die Jean Truax zusammengetragen und sorgsam miteinander ins Gespräch gebracht hat, wird der Kontext des umfangreichen Werkes Aelreds für einen Leser der Gegenwart anschaulich greifbar.

Jean Truax ist Historikerin und dies bedingt ihren persönlichen Zugang zu Aelreds historischen, aber auch hagiografischen und homiletischen Werken unterschiedlicher Gattung. Der Leser dieser umfassend konzipierten Studie, die wenngleich sie nur einige bestimmte "politische" Aspekte des Mönchsschriftstellers und Kirchenpolitikers herausgreift, wird feststellen, dass durch die Lektüre der scheinbar äußerlichen Details auch das Verständnis der philosophisch und theologisch gehaltvollen spirituellen Werke erheblich gewinnen wird.

Eine Klassifizierung und Einordnung des schriftstellerischen Werkes des Abtes von Rievaulx fällt ohnehin schwer: auch ein scheinbar nüchterner Beobachterbericht einer blutigen Schlacht gerät bei Aelred durch die spannungsreichen Dialoge, die dort angewandte Rhetorik und die geistliche Unterscheidung zwischen friedliebenden und aggressiven Propagandisten zu einem Werk mit spirituellen Einsprengseln, das auch noch nach über 800 Jahren den Leser packen kann. Umgekehrt haben auch scheinbar systematisch konzipierte Werke wie der "Spiegel der Liebe" genug Exkurse in den Verständnishorizont der damaligen Leserschaft, dass sie auch als Reflexe auf aktuelle Diskussionen gedeutet werden können - Diskussionen, die mitunter kirchenpolitische Auswirkungen haben konnten.

Wenngleich diese Beobachtungen schon eine ansehnliche interdisziplinäre Forschungsgeschichte inspiriert haben, die etwa mit dem voluminösen Buch von Pierre-André Burton: Aelred de Rievaulx. Essai de biographie existentielle et spirituelle (2010) oder mit Marsha Duttons umfangreicher Palette von Editionen bedeutende Höhepunkte aufzuweisen hat - Aelred the Peacemaker von Jean Truax beleuchtet die historische Persönlichkeit Aelreds wie kein anderes Werk. Diese Stärke beruht auf der bislang ungekannten Aufarbeitung eines umfangreichen Materials von Urkunden und Chroniken, die in direktem oder indirektem Zusammenhang mit den Zisterziensern und ihrem Frontmann, dem Abt von Rievaulx, stehen. Diese Stärke ist zugleich eine Grenze, denn sie kann den inneren Menschen, der mit seinen Krisen und Kämpfen fasziniert, auf diese Weise nur andeuten.

Mit Geschick zeichnet Jean Truax eine Linie von dem bekanntesten Zisterzienservater Bernhard von Clairvaux und dessen nicht immer unumstrittenen öffentlichen Auftritten zu dem gesellschaftspolitischen Engagement einer ganzen Generation von damals prominenten Äbten aus dem Reformorden von Cîteaux. Auch im Vergleich mit diesen beeindruckenden Protagonisten aus dem Mönchsstand gewinnt die öffentliche Wirksamkeit Aelreds von Rievaulx ein eigenes markantes Profil eines Apostels der Freundschaft, der es verstand, zu den unterschiedlichsten Machthabern und Würdenträgern ein gutes Verhältnis aufzubauen, das ihn befähigte, als angesehener Vermittler in blutigen und unblutigen Konflikten aufzutreten.

Durch seine gemeinsame Erziehung mit den Prinzen am schottischen Königshof prädestiniert, wurde Aelred bereits als junger Mönch ausgesandt, um in den Konflikten um die Bischofswahl in York in Rom vorzusprechen: dem Kandidaten der Reform sollte so zum Sieg verholfen werden. Als zumindest indirekter Beobachter der Schlacht von Standard (1138) und wahrscheinlicher Vermittler der Übergabeverhandlungen der Festung von Wark, war Aelred vom Anfang seiner monastischen Existenz an in die Friedensbemühungen der Kirche involviert.

Diese innere Berufung zum Friedensstifter dürfte Aelred später als Abt von Ravesby und dann von Rievaulx zu einer allseits respektierten Persönlichkeit gemacht haben. Selbst an so abgelegenen Orten wie im Hochland von Schottland hat Aelred in seiner Eigenschaft als Vaterabt einer gälischen Neugründung namens Dundrennan gemäß dem Zeugnis seines Biografen nach einer Rebellion der schottischen Highlander gegen Malcolm IV. einen Frieden vermittelt. Dieser beinhaltete den Rückzug von "König" Fergus von Galloway ins Kloster und die Begnadigung seiner Söhne, die weiterhin ihre Funktionen behielten.

Aber auch mit dem jungen und ehrgeizigen König Heinrich II. Plantagenet, der sich schließlich zum "Imperator" eines europäischen Großreiches aufschwingen sollte, scheint Aelred viel Sympathie verbunden zu haben. In den drei dem jungen König zugedachten historischen Werken versuchte Aelred seine Vorstellung von einer gerechten, auf dem ordo Gottes basierenden Herrschaft, die mit innerem Frieden gesegnet ist, dem Regenten zielführend zu vermitteln. Dies scheint durchaus Anklang gefunden zu haben. So war Aelred in der Lage, in den vitalen Interessen der Kirche beim König zu vermitteln, wie etwa bei der Anerkennung der Wahl des Reformpapstes Alexander III. im Jahr 1160. Diese enge Interaktion zwischen Regnum und Sacerdotium scheint Aelred aber auch bei dem paradigmatischen Streit zwischen Erzbischof Thomas Becket und Heinrich II. eindeutig in das königliche Lager geführt zu haben. Dieses Mal war Aelred somit auf der falschen Seite gelandet, was angesichts des Martyriums des Erzbischofs ein schwerwiegendes Manko für seinen eigenen Heiligsprechungsprozess bedeutet zu haben scheint. Für diese äußere Biografie kann Truax durchaus glaubhafte Belege beisteuern, ohne sich in phantastischen Konjunktionen zu verlieren.

Originell erscheint ihr Versuch, Aelred als Freund der Frauen zu rehabilitieren. Tatsächlich kann sie zeigen, dass Aelred bemüht war, in seinen Werken stets auch auf Exempla zurückzugreifen, deren Protagonistinnen Frauen waren, ganz abgesehen von Predigten in Frauenkonventen und seiner Tätigkeit für Reklusinnen. Selbst die Skandalgeschichte der schwangeren Nonne von Watton, die man als eine Bestätigung männlicher Vorurteile lesen könnte, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein Versuch, die Auflösung dieses Frauenkonventes abzuwehren, indem Aelred auf übernatürliche Begebenheiten rekurriert.

Einzig bei der Behandlung von theologischen oder spirituellen Fragekomplexen wirkt Truax kurz angebunden, wie etwa bei der Erörterung der ekstatischen Visionen einer ungenannten Nonne von Watton, die vor dem Hintergrund seiner von Augustinus abweichenden Lehre über die Stufen der Privatoffenbarungen und ihrer Plausibilität eine eigene Diskussion verdienen würden. Dennoch - ein Hinweis wird gegeben.

Aelred von Rievaulx als der charismatische Friedensstifter in einer gewaltbereiten und gewalttätigen Zeit: das historiografisch-biografische Anliegen von Jean Truax hat seine eigene Faszination als eine Bestätigung der Weltsendung eines spirituellen Menschen von Rang. Wenn sich das Buch von Jean Truax auch nicht als Einstieg in eine Lektüre des spirituell bedeutsamen Werkes von Aelred von Rievaulx eignet, diejenigen, die mit Aelred bereits Bekanntschaft geschlossen haben, werden ihr von ganzem Herzen für die Fülle an Zusatzinformationen dankbar sein, die seinen Lebenskontext erfahrbar machen.

Wolfgang Buchmüller