Rezension über:

Wolfgang Brassat (Hg.): Handbuch Rhetorik der Bildenden Künste (= Handbücher Rhetorik; Bd. 2), Berlin: de Gruyter 2017, XIV + 841 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-11-033129-5, EUR 199,95
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Rezension von:
Friedrich Polleroß
Institut für Kunstgeschichte, Universität Wien
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Friedrich Polleroß: Rezension von: Wolfgang Brassat (Hg.): Handbuch Rhetorik der Bildenden Künste, Berlin: de Gruyter 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 9 [15.09.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/09/30457.html


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Wolfgang Brassat (Hg.): Handbuch Rhetorik der Bildenden Künste

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Durch den "rhetorical turn" erlebte die Erforschung der Rhetorik in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts eine neue Bedeutung, nachdem zwei Jahrhunderte die Autonomieästhetik im Vordergrund gestanden war. Vielleicht zum Abschluss der Entwicklung und nicht zufällig im Zeitalter der Postmoderne wird von 2015 bis 2020 das 13-bändige "Handbuch der Rhetorik" produziert, welches das Phänomen von der Antike bis zur Moderne und in allen wichtigen Fächern beleuchten soll. Da die vormoderne Kunst intentional und erzieherisch konzipiert war, spielte die persuasive Strategie des "delectare & movere" eine zentrale Rolle. Und weil schon die antiken Rhetoriker die Evidenz der Augenscheinlichkeit betonten, wurde daher 2017 als nomineller Band 2 der Reihe das von Wolfgang Brassat herausgegebene "Handbuch Rhetorik der Bildenden Künste" veröffentlicht, das jedoch auch die Jahrhunderte nach Lessings "Grenzen der Malerei und Poesie" (1766) behandelt.

Der hier anzuzeigende Band beginnt mit einer Einführung des Herausgebers, in der auf die bereits in der Antike nachweisbare wechselweise Bezugnahme der Gattungen hingewiesen wird, z.B. von Cicero in "De inventione" auf die Anekdote von Zeuxis, während der Schriftsteller selbst von Vitruv rezipiert wurde. Die Einleitung schließt mit einem kurzen Rückblick auf den Forschungsstand von Rensselaer W. Lee (1940) über Carlo Giulio Argan (1954) bis hin zu Rudolf Preimesberger, Jaqueline Lichtenstein sowie Marc Fumaroli und jüngsten Publikationen der Beiträgerinnen und Beiträger.

Danach folgen grundlegende Kapitel zur traditionellen Begründung "ut pictura poesis" (Arwed Arnulf) und zur "Ekphrasis" (Wolfang Brassat / Michael Squire) sowie der chronologisch aufgebaute Hauptteil, wobei jede Epoche in Teilkapitel mit mehreren Bearbeiterinnen und Bearbeitern untergliedert ist. Diese Teile sind wieder sehr unterschiedlich angelegt bzw. decken nur Aspekte ab: neben den traditionellen Formen der Kunsttheorie oder einzelner Gattungen (griechische Skulptur - Andreas Grüner, Die Kunsttheorie des Klassizismus - Elisabeth Décultot, Ästhetik der Moderne - Regine Prange) gibt es mehrere Abschnitte, die nur einem Künstler oder sogar nur einer Publikation vorbehalten sind. So wurde dem "Wegbereiter einer rhetorischen Kunst" (14), Giotto, ein eigenes Kapitel zugestanden (Michael Viktor Schwarz) und auch Albertis 'De pictura' (Oskar Bätschmann) sowie Vasaris "Vite" (Matteo Burioni) wurde diese Auszeichnung zuteil. Einige Formgelegenheiten wurden ebenfalls eigenständig beleuchtet, z.B. das Denkmal (Peter Springer) oder die Karikatur (Wolfgang Brassat / Thomas Knieper). Dazu kommen einige in der chronologischen Gliederung etwas irreführende "Querschnittmaterien" wie Allegorie (Cornelia Logemann), der auch bei Giotto ein Unterkapitel (221-225) gewidmet ist, und vor allem "Das Erhabene", das vom Herausgeber zwar ebenfalls dem Kapitel Barock-Klassizismus angeschlossen, aber von den "Frühen Hochkulturen" bis ins 20. Jahrhundert verfolgt wurde. Jedem Epochenkapitel ist eine kunstsoziologische Charakteristik vorangestellt. Eine Liste der Textsammlungen, Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren sowie ein Register bilden nützliche Ergänzungen des 841 Seiten starken und mit mehreren Abbildungen sogar in Farbe ausgestatteten Buches.

Den Schwerpunkt des Bandes bilden von Seite 229 bis 593 die Kapitel zur Frühen Neuzeit, als die humanistische Bildung generell dominierte und die Rhetorik "zu einer Leitdisziplin aufstieg" (8). Von Bätschmann wurde diese Einschätzung auf Seite 254ff. allerdings mit einem Fragezeichen versehen, wenngleich er nach Wright (2010) die parallele Struktur und Didaktik zwischen Albertis Kunsttraktat und Quintilians "Institutio oratoria" aufzeigt. Diese anschauliche Überzeugungskraft findet man nicht in allen Beiträgen, werden doch in den einzelnen Abschnitten sehr unterschiedliche und manchmal auch nur schwer mit der Rhetorik zu assoziierende Begriffe bzw. Stil- oder Erscheinungsformen erläutert. Im Kapitel über die Renaissance thematisiert etwa Ulrich Pfisterer den Paragone, während Wolfgang Brassat und Valeska von Rosen vor allem Zentralperspektive, Historia, Inventio, Pathos und Sprezzatura als grundlegend für die Malerei des 16. Jahrhunderts bzw. deren rhetorische Wurzeln bezeichnen. Ulrike Müller-Hofstede hebt in ihrem Kapitel zur Skulptur dieser Epoche hingegen Admiratio, Memoria und nicht zuletzt den Begriff der (Rede-)Figur als Gemeinsamkeit der beiden Gattungen hervor. Ihr Beitrag gipfelt in den "sprechenden Statuen" etwa des Pasquino in Rom. Anke Naujokat fügt den für die Architektur zentralen Begriff des Decorum hinzu. Nils Büttner erweitert in seinem Aufsatz "Künstler und Gesellschaft im Barock" den bereits von Burioni gebrachten Vergleich von Biografie und Porträt durch den Hinweis auf die charakterologische Gleichsetzung von Lebenslauf und Werk bei antiken Rednern durch Cicero und bei barocken Malern durch Bellori, und auch Christina Strunck betont in ihrem Überblick zur Kunsttheorie des Barock die Rhetorizität der Kunstliteratur. Als besonders wichtiges Zeitphänomen wird hier die Wirkungsästhetik als Ausdruck der Persuasio eingeführt, auch die Modusfrage wird deutlicher als in früheren Kapiteln gestellt und zuletzt wird der Concettismo als Charakteristikum der Epoche angeführt. Vor allem die Frage des Stilus und der Affekte werden dann vom Herausgeber an Werken der Meister Caracci, Caravaggio, Rubens und Poussin exemplifiziert. Werner Telesko vergleicht basierend auf Hundemer (2000) die Topologie der Deckenmalerei bzw. die Gesamtausstattung einer Kirche mit den Vorgaben einer Rede vom ersten Gedanken über die Anordnung des Stoffes und die Ausformulierung bis hin zur Rezeption der Zuhörer / Betrachter. Zu Recht verweist er auf die Tatsache, dass die Bildrhetorik ebenso wie die Predigtlehre vom frühen 17. bis ins späte 18. Jahrhundert auch eine stilistische Entwicklung erfuhr, die nicht außer Acht gelassen werden sollte. Decorum und Ornatus unterlagen aber wohl nicht nur einem geschmacklichen, sondern auch einem didaktischen Wandel. Philipp Zitzslperger verstärkt in seinem Abschnitt zur barocken Skulptur einige der schon genannten Themen wie den "sprechenden" Pasquino, die Memoria von Reiter- und Grabdenkmal und bringt mit dem Illusionismus einen weiteren Zentralbegriff der Epoche als Ausdruck der angestrebten Persuasio. Die nonverbale Kommunikation von Machtarchitektur steht auch im Mittelpunkt von Peter Stephans Text "Barockarchitektur und Rhetorik" am Beispiel des Berliner Schlosses. Er verweist auf die schon der Antike geläufige Parallele zwischen Rede- sowie Baukunst und analysiert zunächst die Frage der "loci". Abgesehen von der damit angesprochenen doch sehr allgemeinen Erkenntnis, dass ein barockes Schloss ebenso wie eine Lobrede die Umstände und den Auftraggeber berücksichtigen sollte, sieht er in den Figuren Schlüters nicht Allegorien, sondern "Redewendungen" verkörpert. Das in der Berliner Architektur und Ausstattung visualisierte Konzept der Gigantomachie und der Residenz als Tugendtempel lässt sich übrigens in dieser Zeit auch an Wiener Bespielen belegen. [1]

Die große Spannweite der Themen und die Vielfalt der als rhetorisch geltenden Begriffe ist ein Kennzeichen und Qualitätsmerkmal der Publikation - bedeutet gleichzeitig aber auch eine Einschränkung seiner Funktion als "Handbuch". Natürlich bedarf es keiner besonderen Begründung, dass Texte der Kunsttheorie, Kunstbeschreibungen oder Künstlerbiografien sozusagen gattungsbedingt in der Tradition antiker und neuzeitlicher Rhetorik stehen. Aber wenn automatisch jedes Bild(werk) als Kommunikationsmittel und damit als auf den Prinzipen der Rhetorik fußend gesehen werden kann, wird die ganze Kunstgeschichte zu einer einzigen Rhetorikgeschichte. So wird etwa im Abschnitt zur Grafik der Renaissance und des Manierismus von Kristine Patz detailliert auf die Entstehung des Holzschnitts und anderer Drucktechniken eingegangen. Im Zusammenhang mit der Künstler- bzw. Reproduktionsgrafik werden Argumente der vorhergehenden Kapitel wiederholt. Und natürlich spielt dabei auch die Inventio eine wichtige Rolle. Aber vielleicht würde man in einem Handbuch für Rhetorik nicht unbedingt Informationen zum Verlagswesen und zum Einblattdruck suchen, sondern etwa zu Parallelen zwischen Kunst und Rhetorik im Verhältnis von Inventio und Imitatio oder von Zitat und Plagiat? Oder man könnte der Frage nachgehen, ob die eigens hervorgehobenen reformatorischen Flugblätter mit ihren umfangreichen Bild-Text-Kombinationen Parallelen in den (bildhaften?) Predigten der Lutheraner haben. Auch im Beitrag von Birgit Ulrike Münch über barocke Thesenblätter wird sehr viel Allgemeinwissen ("Patrone und Adressaten", Auflagenhöhe) reproduziert, während die Rolle der Ars Memorativa und der Loci zwar als wichtiges rhetorisches Merkmal angesprochen, aber dann doch nicht näher analysiert wird. Wenn schon in der antiken Rhetorik Säulenhallen und Triumphbögen als Gedächtnisorte empfohlen werden, so würde sich doch ein genauerer Blick auf entsprechende Thesenblätter lohnen. [2] Und auch die nur en passant als Bildmotiv erwähnte Schaubühne bildete nicht nur einen Zentralbegriff barocker Wissenspräsentation bzw. Buchtitel ("Theatrum ceremoniale", "Historischer Schauplatz"), sondern würde wieder zu den wichtigen Themen der Performativität, der Narratio, der Persuasio und der Affekte, aber auch der Verteilung des Stoffes in der Architektur und der Exemplalehre führen.

Abgesehen von dieser Detailkritik bleibt aber als Problem auch nach einem halben Jahrhundert Forschung - wie es Zitzlsperger zu Recht formuliert hat - dass die "rhetorischen Implikationen [der Künste] selten von der Hand zu weisen, in ihrer strukturellen Eigenart [aber] schwer zu beschreiben" sind (513). Der vermutlich von den Herausgebern angestrebte Zweck des Handbuches, den Forschungsstand "abschließend" zusammenzufassen, mag dem Buch durch die wissenschaftsgeschichtlichen Umstände durchaus zufallen, auch wenn es inhaltlich nicht wirklich gelungen ist. Aber vielleicht sollte das Werk stattdessen dafür gelobt werden, dass es aufgrund seiner reichen Materialfülle sowie seiner unterschiedlichen methodischen Ansätze und Gedankenvielfalt mehr Fragen zu einem wichtigen Thema stellt als es beantworten kann.


Anmerkungen:

[1] Friedrich Polleroß: Von redenden Steinen und künstlich-erfundenen Architekturen. Oder: Johann Bernhard Fischer von Erlach und die Wurzeln seiner conceptus imaginatio, in: Römische Historische Mitteilungen 49 (2007), 319-396.

[2] Friedrich Polleroß: DOCENT ET DELECTANT. Architektur und Rhetorik am Beispiel von Johann Bernhard Fischer von Erlach, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 49 (1996), 165-206, 335-350 (Abb.), hier 166-177, Abb. 1-5: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/1369/1/Polleross_Docent_et_Delectant_1996.pdf.

Friedrich Polleroß