Rezension über:

Rino Modonutti / Enrico Zucchi (a cura di): «Moribus antiquis sibi me fecere poetam». Albertino Mussato nel VII centenario dell’incoronazione poetica (Padova 1315-2015) (= mediEVI; 17), Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzo 2017, XX + 288 S., ISBN 978-88-8450-785-3, EUR 46,00
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Rezension von:
Thomas Frank
Università degli Studi di Pavia
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Frank: Rezension von: Rino Modonutti / Enrico Zucchi (a cura di): «Moribus antiquis sibi me fecere poetam». Albertino Mussato nel VII centenario dell’incoronazione poetica (Padova 1315-2015), Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzo 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 9 [15.09.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/09/31055.html


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Rino Modonutti / Enrico Zucchi (a cura di): «Moribus antiquis sibi me fecere poetam»

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Petrarcas Dichterkrönung 1341 in Rom war nicht das erste mittelalterliche Event seiner Art. Erfunden hat diese spezielle Form von Wiederbelebung der Antike der Notar, Geschichtsschreiber, Dichter und Politiker Albertino Mussato (1261-1329), der sich im Dezember 1315 von Magistrat und Universität seiner Stadt Padua krönen ließ. Das durchgehend lateinische Werk des Frühhumanisten besteht zum einen aus Zeithistorie: Er schrieb über Heinrich VII. in Italien, über die italienische Geschichte nach dem Tod des Luxemburgers, über die Eroberung Paduas durch Cangrande della Scala und über Ludwig den Bayern - Persönlichkeiten, mit denen Mussato als führender Kommunalpolitiker teilweise selbst bekannt war. Zum anderen verfasste er poetische, theoretische und religiöse Schriften: neben zwanzig Briefgedichten und einigen moralischen Traktaten vor allem eine Tragödie über den berüchtigten Statthalter Friedrichs II. im Veneto, Ezzelino von Romano. Dieses Ecerinis betitelte Drama war der erste mittelalterliche Versuch, die vom Paduaner Frühhumanistenkreis wiederentdeckten Tragödien Senecas literarisch fruchtbar zu machen. Für die Tragödie und seine Chronik Heinrichs VII. wurde Mussato, Vorkämpfer der kommunalen Freiheit Paduas, 1315 mit der Krönung zum poeta et historicus geehrt. Siebenhundert Jahre später hat eine Paduaner Tagung daran erinnert und ihm den hier zu besprechenden Band gewidmet.

Dieser ist in drei Teile gegliedert: Drei Aufsätze von etablierten Historikern der frühhumanistischen Literatur kontextualisieren die Dichterkrönung; vier Beiträge von Wissenschaftlern der jungen und mittleren Generation behandeln editorische, autobiografische und poetologische Aspekte anhand ausgewählter Werke von Albertino Mussato; im abschließenden Teil untersuchen sieben Literaturhistoriker die mittelalterliche Diskussion des Tragödienbegriffs und die Rezeption der Ecerinis im 18. bis 20. Jahrhundert.

Zu Beginn trägt Gabriella Albanese (3-45) alle verfügbaren Daten zum Ablauf der Krönung zusammen. Sie beschränkt sich nicht darauf, die Hauptquelle - einen Beschluss der Kommune Padua vom 2. Dezember 1315 - aus den kommunalen Ratsprotokollen erstmals zu edieren (7-8) und mit Hilfe weiterer Quellen zu kommentieren, sondern rekonstruiert auch den kulturgeschichtlichen Kontext: sowohl die antiken und mittelalterlichen Bezüge der Krönung als auch die Wirkung auf die Zeitgenossen, namentlich das beredte Schweigen Petrarcas und die nie direkt geäußerte, hier aber überzeugend erschlossene Zurückweisung durch Dante. An die Frage nach Dantes Meinung zu Mussato schließt Giorgio Ronconi (47-62) an. Beide Dichter - politisch durch ihre Haltung zu Cangrande della Scala getrennt, doch durch ähnliche Biografien verbunden (auch der gemäßigte Guelfe Albertino starb im Exil) - müssen voneinander gewusst haben. Das Angebot eines Bologneser Frühhumanisten, sich durch die Publikation lateinischer Gedichte ebenfalls eine Krönung zu verdienen, lehnte Dante mit Verweis auf seine Commedia elegant ab. Giovanna M. Gianola (63-85), eine der Begründerinnen der neuen Mussato-Forschung (zwei Autoren des Bandes, Modonutti und Facchini, sind ihre Schüler), analysiert einen Brief, in dem Mussato seine Chronik Heinrichs VII. kommentiert, und dessen Querbezüge zu anderen Briefen. Ihre sorgfältige Lektüre (mit italienischen Übersetzungen der ausgiebig zitierten lateinischen Passagen) legt nahe, dass in diesem Brief der Prolog der Chronik verarbeitet wurde, den der Verfasser aus politischer Vorsicht von seinem eigentlichen Referenztext zurückgezogen hatte.

Die Mussato-Briefe eröffnen auch den zweiten Teil des Bandes. Luca Lombardo (89-106) berichtet über die von ihm geplante, weit fortgeschrittene Neuedition der zwanzig metrischen Briefe und legt neben den philologischen Problemen auch die Inhalte der insgesamt mehr als 1500 Verse dar. Eine in den Briefen versteckte Distanzierung Mussatos von Dante wirft erneut ein Schlaglicht auf die Beziehungen zwischen beiden Dichtern. Marino Zabbia (107-124) sieht das Gesamtwerk Mussatos auf autobiografische Hinweise durch und kommt zu dem Schluss, dass der aus seiner Stadt verbannte Paduaner sich nach dem Scheitern seiner politischen Projekte mehr und mehr mit Cicero identifizierte. Der Mitherausgeber Rino Modonutti (125-140) untersucht die in die Chronik Heinrichs VII. und in das Forsetzungswerk De Gestis Italicorum eingebauten öffentlichen Reden. Vorbild für diese historiografische Technik waren Livius und Sallust, doch zeigt Modonutti, dass der Sitz im Leben dieser Reden die kommunale Oratorik des frühen 14. Jahrhunderts war. Ein weniger bekanntes Spätwerk, den Dialog De lite inter Naturam et Fortunam, interpretiert Bianca Facchini (141-158) im Hinblick auf die Frage, wie Mussato die Bedeutung der antiken Poesie für Kultur und Religion seiner Zeit einschätzte. Der umsichtig argumentierende Beitrag macht deutlich, dass der Humanist am Ende seines Lebens die Inhalte der antiken 'Fabeln' durchaus kritisch beurteilte und vieles davon für unvereinbar mit dem Christentum hielt.

Während in den beiden ersten Teilen die philologisch-literaturgeschichtliche Ausrichtung des Bandes durch historische Ansätze ausbalanciert wird, ist der dritte Teil rein literaturwissenschaftlich orientiert und entfernt sich mehr und mehr vom Werk Albertino Mussatos. Claudia Villa (161-176) sammelt Belege für die Kenntnis der Seneca-Tragödien um 1300 in Pisa, Padua und bei Dante. Piermario Vescovo (177-197) rollt die Diskussion des Tragödienbegriffs in Padua, bei Nicholas Trevet OP (dem ersten Kommentator der Seneca-Tragödien) und bei Dante auf, allerdings ohne die wünschenswerte Genauigkeit (z.B. dürfte die Übersetzung "imitazione mimetica" [194] für René Girards Begriff des mimetischen Begehrens kaum korrekt sein). Attilio Grisafi (199-212) lässt die gut zehn humanistischen Tragödien Revue passieren, die in Italien seit Mussato bis etwa 1500 geschrieben wurden. In die Literaturgeschichte der Neuzeit und Moderne stoßen die letzten vier Beiträge vor: Stefano Giazzon (213-226) stellt die erste, 1739 verfasste, anonyme Übersetzung von Mussatos Ecerinis vor; Enrico Zucchi (227-240) widmet sich der Rezeption Mussatos und des Ezzelino-Stoffes im italienischen Drama des 18. Jahrhunderts; Stefano Verdino (241-254) dehnt eine ähnliche Fragestellung auf das 19. Jahrhundert und damit auf das Risorgimento aus; Luca Morlino (255-269) beschließt den Band mit einem Überblick über die zahlreichen Vers- oder Prosaübersetzungen, die der Ecerinis zwischen 19. und 20. Jahrhundert gewidmet wurden, und geht insbesondere auf die Mussato-Lektüre bei Ezra Pound ein.

Der Band gibt gute Einblicke in die neue Forschung zum Paduaner Frühhumanismus um Albertino Mussato und in aktuelle Editionsprojekte. Dass eine Persönlichkeit wie Mussato einen interdisziplinären Zugang erfordert - hier Geschichte, mittellateinische Philologie und Literaturwissenschaft -, ist selbstverständlich. Dennoch kommt man um die Feststellung nicht umhin, dass der dritte Teil sich vom eigentlichen Thema weit entfernt und dazu tendiert, mit übertriebener Lust an der Vollständigkeit literaturhistorisches Detailwissen auszustellen (Mussato und Ezzelino im 18., 19. etc. Jahrhundert); dabei gelangt aber kaum einer dieser Beiträge (am ehesten: Morlino) über literaturwissenschaftliches Standardniveau hinaus. Doch auch so darf man für diese mise à jour des Wissens über einen in seiner Vielseitigkeit unterschätzten Autor des frühen 14. Jahrhunderts dankbar sein.

Thomas Frank