Rezension über:

Stephanie Clark: Compelling God. Theories of Prayer in Anglo-Saxon England (= Toronto Anglo-Saxon Series; 26), Toronto: University of Toronto Press 2018, X + 318 S., ISBN 978-1-4875-0198-3, USD 85,00
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Rezension von:
Stephan Waldhoff
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Leibniz-Edition, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Waldhoff: Rezension von: Stephanie Clark: Compelling God. Theories of Prayer in Anglo-Saxon England, Toronto: University of Toronto Press 2018, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 10 [15.10.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/10/32006.html


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Stephanie Clark: Compelling God

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Das "Gebet als Gabe" [1] ist als Thema der Mediävistik keineswegs neu. Tatsächlich liegen seine Anfänge sogar schon ein Jahrzehnt vor Marcel Mauss' berühmter Studie über die Gabe. [2] Besonders in der Erforschung des liturgischen Totengedächtnisses spielt es eine entscheidende Rolle. Trotzdem kann Stephanie Clark, die angetreten ist, "Theorien des Gebets im angelsächsischen England" dezidiert aus diesem Blickwinkel zu untersuchen, mit Recht behaupten, einen neuen Zugang zum frühmittelalterlichen Beten erschlossen zu haben. Sie kann dies, weil sie sich nicht wie bisher für das durch den Gabentausch geprägte Verhältnis von Mensch(engruppe) zu Mensch(engruppe) interessiert, sondern das Verhältnis von Mensch (Beter) zu Gott aus dieser Perspektive in den Blick nimmt.

Wenn der Untertitel von "Theories" spricht, sollte man dieses Wort nicht zu hoch hängen. Die Autorin selbst weist immer wieder darauf hin, dass es im angelsächsischen England keine Traktate und nur vereinzelt explizite theoretische Aussagen über das Gebet gegeben habe. Die Formulierung des Untertitels ist also eher als Präzisierung des Untersuchungsfeldes zu lesen: Es geht weniger um Gebetstexte aus angelsächsischer Zeit und erst recht nicht um die damalige Gebetspraxis, sondern um das Sprechen und Schreiben über das Beten.

Dazu werden exemplarisch drei Autoren herangezogen: Beda Venerabilis († 735), der westsächsische König Alfred der Große († 899) und der im frühen 11. Jahrhundert gestorbene Abt Ælfric von Eynsham. Diese Auswahl ist, wie die Autorin selbst einräumt (7, Anm. 14), nicht sonderlich originell. Sie bietet sich aber an, denn sie deckt verschiedene Zeiten in der angelsächsischen Periode Englands ab und umfasst zugleich Autoren, die aus unterschiedlichen Milieus kamen und deren Werke sich an ein jeweils anderes Publikum richteten. Die Predigten des hochgelehrten Beda galten zweifellos seinen Mitmönchen. Mit Alfred kommt ein betender Laie in den Blick, wie er in Assers De rebus gestis Ælfredi geschildert wird, mit dessen Namen sich aber auch ein Übersetzungsprogramm verbindet, das mit den Psalmen und Augustins Soliloquia einschlägige Texte enthielt. Ælfric, wie Beda ein monastischer Autor, richtete seine altenglischen Predigten wohl nicht allein an seinen Konvent, sondern an ein größeres Publikum. Die Autorin sieht die Unterschiede in den Auffassungen zum Gebet, die sich an den drei Autoren ablesen lassen, denn auch weniger als zeitbedingt an, sondern führt sie auf die verschiedenen Kontexte zurück (278).

Jedem der drei Protagonisten ist ein Kapitel gewidmet. Diese drei Kapitel (Kap. 2-4) nehmen rund drei Fünftel des gesamten Textes ein, denn das Buch hat schon einen längeren Weg hinter sich, wenn es nach der Einleitung (3-49), die das methodische Fundament der Studie legt, und einem ersten Kapitel (50-108) bei Beda ankommt. Das erste Kapitel schildert die Voraussetzungen und den Kontext der Aussagen der drei Protagonisten, indem es die biblischen und patristischen Aussagen über das Beten vorstellt und die Gebetsliteratur der angelsächsischen Zeit skizziert. Dabei konzentriert es sich fast ausschließliche auf das persönliche Gebet unter Vernachlässigung des klösterlichen Offiziums und der Eucharistie. Das ist wohl der Auseinandersetzung mit dem modernen Verständnis des Betens geschuldet, das eben auf das individuelle, nicht das liturgische Gebet ausgerichtet ist.

Diese Auseinandersetzung - und nicht eigentlich der Gabentausch - bildet nämlich den Ausgangspunkt der Untersuchung. Clark verwirft die gängigen modernen Interpretationen des Gebets als ungeeignet, d.h. anachronistisch, für die Interpretation der angelsächsischen Zeit. Man darf bezweifeln, dass ihre Hauptgegner, William James und Friedrich Heiler, deren einschlägige Schriften vor (gut) hundert Jahren erschienen sind, tatsächlich noch so bestimmend sind, wie sie suggeriert, aber es kann kein Zweifel bestehen, dass ein unreflektiert modernes Verständnis des Gebets - "rooted in interiority, individualism, genuine emotional experience, and spontaneity-marked sincerity" (15) - den Blick auf die frühmittelalterlichen Phänomene nicht eben schärft.

Der gewählte Ausgangspunkt ist auch aus einem weiteren Grund wichtig, denn er erklärt ihre Motivation, den Gabentausch zur Interpretation der Quellen heranzuziehen. Es geht der Autorin nämlich keineswegs um deren Interpretation im Sinne eines banalen do-ut-des-Schemas - im Gegenteil: Das letzte Kapitel endet kaum zufällig mit Ælfrics Auseinandersetzung mit dem nicht erhörten Gebet, deren Pointe lautet: Gott lässt sich nicht 'kaufen'. So kritisch Clark gegenüber modernen Definitionen des Gebets ist, so wenig ist sie blind gegenüber Anachronismen moderner Gabentausch-Theorien, die sie, gewürzt durch kulturkritische Seitenhiebe, aufspießt.

Wenn sie freilich im Resümee ihrer Beda-Interpretation dem neuzeitlich-protestantischen Misstrauen gegen das normierte und textlich vorgegebene Beten eine Bevorzugung des normativ regulierten vor dem individuell-spontanen Gebet entgegensetzt (172-173), kann man sich fragen, ob sie in dieser Dichotomie den Anachronismus, den sie so heftig bekämpft, nicht unter umgekehrten Vorzeichen fortschreibt.

So stringent, wie sie in der Einleitung ihren methodischen Ansatz entwickelt, so stringent wendet sie ihn in den folgenden Kapiteln auf das Quellenmaterial an. Dabei unterzieht sie die einschlägigen Texte ihrer Protagonisten einem close reading von durchaus traditioneller philologischer Gründlichkeit. Der Wert, den Clark der Arbeit am Text beimisst, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sämtliche Quellenzitate zunächst in der Originalsprache geboten werden, bevor eine Übersetzung folgt. Allerdings wirkt sich die strikte Einhaltung dieser Reihenfolge an den zahlreichen Stellen, an denen originalsprachliche Zitate in ihre Syntax integriert sind, während die Übersetzungen in Klammern angehängt sind, sehr nachteilig aus. Das überzeugt nicht nur stilistisch nicht, sondern stört auch den Lesefluss.

Dass die Praxis des Betens über weite Strecken ziemlich blass bleibt, liegt nicht nur an den ausgewerteten 'theoretischen' Quellen, es ist auch nicht Clarks Thema. Gleichwohl hätten ihre Interpretationen vielleicht noch gewinnen können, wenn sie trotz der Fokussierung auf das Verhältnis zwischen dem Beter und Gott stärker die Perspektive auf den Mitmenschen - und damit auf den weltlichen Kontext - einbezogen hätte. Für Ælfric leistet sie dies in einem Unterkapitel (246-255). Dort wird ein Dreiecksverhältnis sichtbar, das den horizontalen und den vertikalen Gabentausch auf spezifische Weise miteinander verband.

Insgesamt ist Stephanie Clark eine stringent argumentierende Studie gelungen, die neue Perspektiven auf das Gebet im - nicht nur angelsächsischen - Frühmittelalter eröffnet. Ihr Buch bietet durchgehend eine anregende Lektüre, sei es in den theoretischen Überlegungen, sei es in den präzisen Quelleninterpretationen.


Anmerkungen:

[1] Otto Gerhard Oexle: Memoria und Memorialüberlieferung im früheren Mittelalter, in: Frühmittelalterliche Studien 10 (1976), 70-95, hier 87.

[2] Georg Schreiber: Kirchliches Abgabenwesen an französischen Eigenkirchen aus Anlaß von Ordalien, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte 36 (= Kanonistische Abteilung 5) (1915), 414-483, bes. 442f.

Stephan Waldhoff