Rezension über:

Konrad Krimm / Maria Magdalena Rückert (Hgg.): Zisterzienserklöster als Reichsabteien (= Oberrheinische Studien; Bd. 36), Stuttgart: Thorbecke 2017, 195 S., 56 Abb., ISBN 978-3-7995-7831-8, EUR 34,00
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Rezension von:
Peter Engels
Stadtarchiv Darmstadt
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Peter Engels: Rezension von: Konrad Krimm / Maria Magdalena Rückert (Hgg.): Zisterzienserklöster als Reichsabteien, Stuttgart: Thorbecke 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 11 [15.11.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/11/31210.html


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Konrad Krimm / Maria Magdalena Rückert (Hgg.): Zisterzienserklöster als Reichsabteien

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Der hier anzuzeigende Band versammelt sechs Vorträge einer Tagung in Schloss Salem zum Thema der Reichsunmittelbarkeit von Zisterzienserabteien. Herausgeber und Herausgeberin waren sich durchaus darüber im Klaren, dass dieses Thema eigentlich kein Spezifikum zisterziensischer Klostergeschichte im süddeutschen Raum darstellt. Einige Aufsätze lassen denn auch die Schwierigkeit erahnen, ihre Thematik in das Tagungsthema einzupassen. Der einleitende Beitrag von Wolfgang Wüst "Für Kaiser, Kreis und Reich" befasst sich mit "Orientierungslinien und Bezugsfeldern süddeutscher Zisterzienser in der Frühmoderne" (11-31) und arbeitet am Beispiel der Abteien Salem, Kaisheim und Ebrach die Bemühungen von Zisterzienserabteien um Reichsunmittelbarkeit und die zugrunde liegenden Motive heraus: Erhebung über regionale Vögte und Territorialherren sowie Sicherung des eigenen Territoriums. Dabei kam den Abteien das Geflecht ihrer Beziehungen, neudeutsch: ihr Netzwerk, zugute. Zugleich versuchten sie, durch umfangreiche juristische Abhandlungen sowie Privilegiensammlungen ihren Ansprüchen Nachdruck zu verleihen. Ähnliche Bestrebungen finden wir ordensübergreifend auch bei Benediktinern, Augustinern und Prämonstratensern.

Uli Steiger gibt in seinem Beitrag (34-57) einen Überblick über die Geschichte und die Aktivitäten des wichtigsten der erwähnten Netzwerke, der Oberdeutschen Zisterzienserkongregation. Sie trat, endgültig ab 1624, an die Stelle der alten hierarchischen Tradition des Ordens mit dem Generalkapitel an der Spitze, dem man die dringend nötige innere Reform nicht mehr zutraute. Salem als bedeutendster süddeutscher Abtei erkannten die anderen Klöster in Bayern, Schwaben, Franken, Tirol, in der Schweiz und im Elsass die Leitung der Kongregation zu, zu deren Aufgaben vor allem die regelmäßige Abhaltung von Provinzialkapiteln und die Visitation der Mitglieder gehörten. Für die Reichsabteien bedeutete der Beitritt zur Kongregation eine Beschränkung ihrer Handlungsmöglichkeiten, sie stärkte jedoch auch die Stellung aller Mitgliedsklöster gegen Bedrängnisse von außen.

Der mit Abstand umfangreichste Beitrag des Bandes von Ulrich Knapp widmet sich den Kaisersälen reichsunmittelbarer Zisterzienserklöster (59-105), namentlich den drei Prachtsälen von Salem, Kaisheim und Ebrach, die alle drei gemeinsam haben, dass wohl nie ein Kaiser seinen Fuß hinein gesetzt hat. Der Verfasser huldigt aber, nach einem Überblick über weitere Kaisersäle in geistlichen und weltlichen Residenzen sowie in Rathäusern bedeutender Reichsstädte, im Folgenden vor allem dem Genius Loci der Tagung und widmet sich der Baugeschichte und dem Bildprogramm des Kaisersaals in Salem. In seiner kunsthistorischen Würdigung stellt Knapp Gemeinsamkeiten und Querverbindungen der Prunksäle von süddeutschen Klöstern und Reichsabteien der Benediktiner, Zisterzienser, Prämonstratenser und Augustiner her und negiert damit ein besonderes zisterziensisches Bau- und Bildprogramm.

Konrad Krimms Aufsatz "Der ferne und der nahe Kaiser. Die Reichsabtei Salem und Österreich" (107-127) resümiert die Beziehungen der Salemer Äbte zum Kaiserhof nach Wien und zur Vorderösterreichischen Landesverwaltung. Die Beziehungen zum Kaiserhof kamen in erster Linie in der immer wiederholten Verleihung kaiserlicher Privilegien zum Ausdruck sowie in der (ehrlichen?) Verehrung der Habsburger im ikonografischen Programm der Ausschmückung der Abteigebäude.

Die Mitherausgeberin Maria Magdalena Rückert beleuchtet in ihrem Beitrag "Frauenklöster unter Salemer Paternität: Handlungsspielräume zwischen Klausur und Reichsstandschaft" (129-148) den Einfluss der Salemer Vaterabtei auf sechs unterstellte Frauenzisterzen, von denen vier selbst Reichsabteien waren. Ziel des Vaterabtes war eine einheitliche Entwicklung der Klöster vor allem nach innen und die Bewahrung der zisterziensischen Consuetudines. Die oberschwäbischen Frauenzisterzen, nicht nur die Salem unterstellten, hatten oftmals aber gar nicht die Möglichkeit, nach den strengen Klausurvorschriften des Ordens zu leben, weil dies das Gedeihen der Klostergemeinschaft verhindert hätte. Weltabgeschiedenheit und strenger Klausur standen, vor allem bei den Vorsteherinnen, dauernde Besitz- und Gerichtsverhandlungen, hundertfache Ausstellung von Urkunden, die Kontrolle der Klosterwirtschaft und der Familia sowie die Teilnahme an Reichs-, Kreis- und Landtagen entgegen. Die Konvente wussten sich deshalb durchaus eigene Handlungsspielräume zu verschaffen. Konflikte selbstbewusster Frauenkonvente mit ihren Vaterabteien waren dabei längst nicht auf Süddeutschland beschränkt, wie die beiden (vom Rezensenten erforschten) hessischen Zisterzienserinnenklöster Patershausen und Engelthal und deren Auseinandersetzungen mit ihrer Vaterabtei Arnsburg belegen.

Zum Abschluss des Bandes (149-168) widmet sich Volker Rödel der Säkularisation von Zisterzienserabteien und der Weiternutzung ihrer Anlagen am Beispiel eines landsässigen Klosters (Bronnbach) und einer Reichsabtei (Salem). Er geht im Detail auf die Aufhebung durch die Fürsten von Löwenstein-Wertheim und die Markgrafen von Baden ein und stellt fest, dass sich das Geschehen nicht von Klöstern anderer Orden unterschied. Den "Säkulierern" war es schließlich einerlei, ob sie ein Zisterzienser-, Benediktiner-, Prämonstratenser- oder sonstiges Kloster zu Geld machten oder dort eine Kaserne, ein Gefängnis, eine Residenz einrichteten, es war ebenso einerlei, ob das Kloster zuvor landsässig war oder die Reichsstandschaft besessen hatte. Ähnlich hatte schon Maria Magdalena Rückert geurteilt, dass die Frage nach der Reichsstandschaft oder Landsässigkeit bei der Ausgestaltung des Paternitätsverhältnisses offenbar keine Rolle spielte; und Ulrich Knapp konnte kein sich von anderen Orden unterscheidendes ikonografisches Programm zisterziensischer Klöster feststellen.

Damit stellt sich die eingangs erwähnte Frage nach der Sinnhaftigkeit der Fragestellung der Tagung und des aus ihm hervorgegangenen Tagungsbandes in doppelter Hinsicht: Zum einen lassen sich kaum Spezifika zisterziensischer Reichsabteien eruieren, zum anderen erwecken Titel und Aufmachung des Buches den Eindruck der Behandlung vieler Reichsabteien, die einzelnen Darstellungen sind aber sehr auf Kloster Salem zugeschnitten. Wenn man als thematische Klammer allerdings "Die Zisterzienser in Süddeutschland" wählt, dann bieten die sechs von ihrer Themenstellung her recht heterogenen Aufsätze aufgrund ihrer hohen fachlichen Qualität den an der Zisterzienserforschung interessierten Leserinnen und Lesern nicht nur Vergnügen, sondern auch viele neue Erkenntnisse. Dazu tragen nicht zuletzt die zahlreichen aufwändig gestalteten Farbtafeln bei, die etwas von dem verlorenen Glanz der zisterziensischen Klosterlandschaft in Süddeutschland festhalten.

Peter Engels