Rezension über:

James Romm: Seneca und der Tyrann. Die Kunst des Mordens an Neros Hof. Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber, München: C.H.Beck 2018, 320 S., 2 Kt., 24 s/w-Abb., ISBN 978-3-406-71876-2, EUR 24,95
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Rezension von:
Florian Sittig
Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Florian Sittig: Rezension von: James Romm: Seneca und der Tyrann. Die Kunst des Mordens an Neros Hof. Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber, München: C.H.Beck 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 1 [15.01.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/01/31478.html


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James Romm: Seneca und der Tyrann

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Wer war L. Annaeus Seneca? Heiliger oder Heuchler? Ein asketischer Philosoph, der durch seine stoische Morallehre versuchte, den römischen Kaiser Nero zu einem maßvollen Menschen und milden Herrscher zu erziehen? Oder ein machtbewusster Politiker, der seinen Einfluss am Hof skrupellos nutzte, um sich selbst zu bereichern, und sich durch sein literarisches Oeuvre lediglich den Anschein der Lauterkeit zu verschaffen suchte? Seit der Antike schwankt das Urteil über Seneca zwischen diesen diametralen Alternativen.

Als Beitrag zu dieser Debatte ist James Romms Versuch, "die beiden Senecas zu einer Persönlichkeit zusammenzufügen" (12), nun in deutscher Übersetzung erschienen. Das Buch umfasst gut 250 Seiten Text, die sich auf acht Kapitel verteilen, sowie einen etwa 60 Seiten starken Anhang, bestehend vor allem aus Anmerkungen, Bibliographie und Register. Die gut lesbare Übersetzung richtet sich in ihrem erzählerischen Stil auch an ein breiteres Publikum. Diesem Umstand ist es geschuldet, dass Forschungsdiskussionen weitgehend in den Anmerkungsteil ausgelagert wurden. Dessen Benutzung erweist sich allerdings insofern als unpraktisch, als auch auf Endnotenverweise im Text vollständig verzichtet wurde, so dass man teils auf gut Glück an das Ende des Buches blättert.

Wie schon der Titel erahnen lässt, versteht der Verfasser "die persönliche Beziehung Senecas zu Nero" (13) als den Schlüssel zu seinem Vorhaben. Seine Studie gehört also in eine Reihe mit den Arbeiten Manfred Fuhrmanns und der erst kürzlich verstorbenen Miriam Griffin. [1] In den sechs Hauptkapiteln rückt Romm folgerichtig Senecas Wirken am julisch-claudischen Hof, also den Zeitraum vom Ende seines korsischen Exils (49 n. Chr.) bis zu seinem erzwungenen Selbstmord (65 n. Chr.), in den Mittelpunkt der Darstellung. Diese folgt chronologisch der Blutspur, die Neros Aufstieg und Herrschaft hinterlassen haben und deren einzelne Flecken den Kapiteln des Buches zu ihren Überschriften verhelfen. Auf diese Weise wird der Leser mit dem "Selbstmord (I)" des L. Iunius Silanus (17-51), dem "Königsmord" an Neros Vorgänger Claudius (52-85), dem "Brudermord" an dessen Sohn Britannicus (86-116), dem "Muttermord" an Agrippina (117-147), dem "Gattenmord" an Neros erster Frau Octavia (148-181), den "Brandopfer[n]" der großen Feuersbrunst im Jahre 64 n. Chr. (182-215), und schließlich einem weiteren "Selbstmord (II)", nämlich Senecas eigenem (216-248), konfrontiert.

In die Kette dieser Ereignisse, in die der Politiker Seneca - mal mehr, mal weniger direkt - involviert war, ordnet Romm auch die Schriften des Philosophen Seneca ein. In den etwa 15 Jahren seines Wirkens am Hof Neros sei "jedes von ihm niedergeschriebene Wort zugleich auch eine politische Tat gewesen" (191). Die Integration der unterschiedlichen Charakterbilder Senecas erfolgt also unter der Prämisse einer solchen Einheit von politischer und literarischer Tätigkeit.

Dabei spricht Romm Seneca explizit nicht vom Vorwurf des Opportunismus frei, der viele der Werke Senecas durchziehe. Wie kaum ein zweiter habe dieser es verstanden, durch seine literarische Produktion "sich selber zu helfen, während er anderen half" (26-32, hier 29). So greift Romm den Gedanken auf, dass Seneca etwa durch eine Schrift wie De clementia die neronische Herrschaft legitimierte und so zugleich auch seinen eigenen Dienst für das Regime rechtfertigte (111-121). [2] Was Romm jedoch dezidiert zurückweist, ist der Vorwurf der blanken Heuchelei, wenn er Seneca "moralische Ernsthaftigkeit" attestiert (259). Insbesondere in Senecas Spätwerk, namentlich der Tragödie Thyestes, offenbare sich sein großes Dilemma: die Unmöglichkeit, unter den Bedingungen des Prinzipats politische Verantwortung zu übernehmen, ohne moralisch korrumpiert zu werden (216-221). Dies gelte umso mehr aufgrund der Zwänge, denen ein so exponierter Senator wie Seneca unterlag. Seine Stellung an Neros Hof sei einhergegangen mit der stetigen Gefahr des tiefen Falls, der nicht nur das eigene Leben bedrohte, sondern auch das von Angehörigen, die in seinem Windschatten Karriere gemacht hatten wie etwa sein älterer Bruder, sein Schwiegervater oder sein berühmter Neffe Lucan (73-76 u. 182-187).

Aus dieser Situation heraus erklärt Romm auch Senecas Beschäftigung mit der Frage nach der Legitimität des Selbstmordes als Möglichkeit, sich einer verbrecherischen Mittäterschaft zu entziehen und Widerstand gegen das Regime zum Ausdruck zu bringen (32-40 u. 193-197). Für Seneca war diese hochpolitische Frage zugleich eine höchst moralische, betonte er doch, dass der Mensch als Sterblicher vom ersten Tage seines Lebens an todgeweiht war. [3] Das gute Leben und das richtige Sterben waren für ihn aufs engste verbunden. [4] Es ist dieses Beispiel, das die Untrennbarkeit von Senecas politischer und philosophischer Existenz am pointiertesten zuspitzt und in Senecas eigenem Selbstmord kulminiert. Wie zentral dieser Aspekt für Romms Argumentation ist, zeigt der Umstand, dass der englische Originaltitel "Dying Every Day. Seneca at the Court of Nero" (New York 2014) sich an entsprechende Zitate aus Senecas Briefen an Lucilius anlehnt [5] - eine Anspielung, die in der deutschen Übersetzung leider verloren gegangen ist.

In der biographisch und chronologisch erzählend angelegten Studie beleuchtet Romm die Zusammenhänge zwischen der politischen Karriere und dem philosophischen Oeuvre seines Protagonisten eher schlaglichtartig als systematisch. Sein Vorgehen trägt aber durchaus zu einer überzeugenden Interpretation und einem besseren Verständnis bestimmter Aspekte des senecanischen Werkes bei. Eine Stärke von Romms Vorgehen ist zudem, dass es ihm tatsächlich gelingt, durch die umsichtige Integration der scheinbar widersprüchlichen Facetten in Senecas Charakter ein differenziertes Bild desselben zu zeichnen, das dem eingangs erwähnten Schematismus deutlich überlegen ist. Romms Versuch steht allerdings - wie andere Charakterstudien auch und wie der Autor selbst zugibt - vor dem Problem einer Überlieferung, die entscheidende "Lücken in der Beschreibung" lässt (192).

Dagegen werden jene Akteure, mit denen sich Seneca im Zentrum der römischen Macht aufhielt, nicht in der gleichen Weise differenziert gezeichnet. Obwohl komplexe soziopolitische Konstellationen wie etwa die komplizierte Nachfolgeregelung im Prinzipat konzise dargelegt werden, reproduziert die Beschreibung der übrigen Darsteller im machtpolitisch motivierten "Familiendrama" (14) der letzten Julioclaudier oft die Stereotype der antiken Quellen. So handelt es sich bei Nero um ein zunehmend "unberechenbarere[s] Monster" (14), Caligula ist lediglich bei Regierungsantritt "gesund an Körper und (vorläufig noch) Geist" (24), Messalina leidet an einer "mentalen Instabilität" (48) und Agrippina hat die "zornige[n] Präsenz einer alles an sich reißenden, herrschsüchtigen Frau" (94). Von einem kritischeren Blick auf die Darstellung dieser Personen in den Quellen hätte auch das Urteil über Seneca noch zusätzlich profitieren können.


Anmerkungen:

[1] Manfred Fuhrmann: Seneca und Kaiser Nero, Berlin 1997; Miriam Griffin: Seneca. A Philosopher in Politics, Oxford 1992.

[2] Dazu s. Rolf Rilinger: Seneca und Nero. Konzepte zur Legitimation kaiserlicher Herrschaft, in: Klio 78 (1996), 130-157.

[3] Sen. dial. 6,10,5.

[4] Bspw. Sen. dial. 9,11,4; 10,7,3.

[5] Sen. epist. 24,20: "Cotidie morimur [...]", u. 1,2: "Quem mihi dabis [...] qui intellegat se cotidie mori?"

Florian Sittig