Rezension über:

Susanne Billig: Die Karte des Piri Re'is. Das vergessene Wissen der Araber und die Entdeckung Amerikas, München: C.H.Beck 2017, 303 S., 58 s/w-Abb., 4 Kt., ISBN 978-3-406-71351-4, EUR 18,95
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Rezension von:
Werner Stangl
Karl-Franzens-Universität, Graz
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Werner Stangl: Rezension von: Susanne Billig: Die Karte des Piri Re'is. Das vergessene Wissen der Araber und die Entdeckung Amerikas, München: C.H.Beck 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 2 [15.02.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/02/32633.html


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Susanne Billig: Die Karte des Piri Re'is

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Dem Wissenschaftsjournalismus kommt die schwierige Aufgabe zu, eine Brücke zwischen den Fachwissenschaften und der Öffentlichkeit zu schlagen. Die Gefahren auf diesem Weg sind vielfältig, da den Journalisten notwendigerweise oft sowohl die Methodik fremd ist als auch der Überblick fehlt. Besonders anfällig ist der Wissenschaftsjournalismus daher für attraktive und scheinbar das gängige Wissen auf den Kopf stellende Annahmen. So auch Susanne Billig, die in ihrem Werk die seit 2007 propagierten Annahmen des 2018 verstorbenen Orientalisten Fuat Sezgin in eine populärwissenschaftliche Monografie gießt.

Die zentrale These des Buchs ist eine vorkolumbianische Entdeckung Amerikas durch arabische Seefahrer, angeblich manifestiert in der Piri Re'is-Karte von 1513. Mit dem Buch, und hier beginnt die Serie wissenschaftstheoretischer Fehlschlüsse, solle ein wahrheitsgetreues Gegengewicht zum "überkommene[n] und oft mit Diskriminierung und Ignoranz getränkten Bild der europäischen Wissenschaftsgeschichte" (288) gesetzt werden, in der die Rolle der arabischen Wissenschaft nicht nur vernachlässigt, sondern aus eurozentrischer und islamophober Haltung aus dem Bild gedrängt worden sei. Wer nicht zur in den Raum gestellten These nickt, der steht schon im Verdacht. Historische Annahme und ideologische Zielsetzung sind untrennbar verquickt.

Während arabische Kenntnisse - egal welche und zu welcher Zeit - bei Billig immerfort mit Attributen wie "unvorstellbarer Exaktheit", "anspruchsvollen mathematischen Verfahren", "Präzision" und "fast perfekt" untermalt werden, steht ihnen im Bereich der Wissenschaft regelmäßig die Grobheit oder die "jahrhundertelange Unfähigkeit" Europas gegenüber, das bis in die Aufklärung als reiner Epigone zu keiner Eigenleistung im Stande gewesen zu sein scheint.

Die titelgebende Karte und die Entdeckung Amerikas sind eigentlich nur am Rand Thema. Weite Teile rekapitulieren die frühislamische Wissenschaft allgemein (27-42), die Astronomie (43-118), Nautik (119-156) und Geografie (157-246), jeweils mit einer starken Betonung genau jener Zeitspanne, die ohnehin allgemein als Blüte der arabischen Wissenschaften unstrittig ist. Dem folgt ein Abriss, wie erst in der Neuzeit "der Westen" diese Erkenntnisse wirklich aufgegriffen habe.

Eigentlich sind damit weite Teile des Werkes eine ignoratio elenchi: Bewiesen wird etwas, das gar nicht zur Diskussion steht, um eine davon unabhängige, nicht faktenbasierte Behauptung naheliegend erscheinen zu lassen. In Ermangelung jedweder Evidenz wird versucht, eine "organische" Erklärung für den islamischen Ursprung der auf der Karte dargestellten Informationen über Amerika zu leisten. Die Europäer seien um 1500 ohne Rückgriff auf zeitgenössische arabische Leistungen der Kartografie und Nautik einfach nicht in der Lage gewesen, das Wissen und die Qualität des Dargestellten zu erreichen. Auf dieser unsinnigen Behauptung gründet sich jedes Argument.

Die Piri Re'is Karte wird nur auf wenigen Seiten überhaupt konkret thematisiert (226-228; 262-264) und so gut wie gar nicht analysiert, während obskuren Spekulationen vergleichsweise viel Platz eingeräumt wird: eine den Arabern "längst bekannte" Magellanstraße, Antarktisfahrten und frühe Transatlantikfahrten - basierend lediglich auf Spekulationen, die aus simplen Interpretationen einzelner Textpassagen gewonnen werden, die quellenkritisch nicht haltbar sind.

Regelrecht absurd ist das ad nauseam eingesetzte Argument um die Möglichkeit (der Araber) beziehungsweise Unmöglichkeit (der Europäer), Längengrade zu bestimmen. Hier wird ein Gegensatz künstlich konstruiert. Billig / Sezgin postulieren ein "Triangulationsverfahren zur See", das die arabischen Seefahrer im indischen Ozean bereits früh im Mittelalter entwickelt hätten. Dabei ist die beschriebene Methode gar keine geodätische Triangulation mit zwei Festpunkten, da die Entfernung zwischen den Punkten zur See, wie beim "Gissen", von der korrekten Schätzung von Richtung und Geschwindigkeit abhängt. Der Rezensent kann nur mutmaßen, dass die beschriebene Methode die Toleta de Marteiolo ist. Diese Technik basiert auf der Arbeit des Ramón Llull, einem aus dem aragonesischen Mallorca stammenden und in der andalusischen Wissenstradition stehenden jüdischen Gelehrten des 13. Jahrhunderts, und war zumindest im 14. / 15. Jahrhundert allen seefahrenden Mächten im Mittelmeer bekannt.

Ein Beispiel mag illustrieren, wie die Längengrad-Argumentation das Buch beherrscht: Zur Cantino Karte von 1502, die Teile Südamerikas zeigt, wird lapidar festgestellt, es sei "völlig ausgeschlossen[!], dass er und seine Leute ein so großes Gebiet in so kurzer Zeit auch nur einigermaßen akzeptabel hätten kartographisch erfassen können. Dazu fehlte ihnen schlicht die Zeit und überdies die Vertrautheit mit der Messung von Breiten- und Längengraden" (272). Egal, um welche Leistung es geht: Da nur "der arabische Kulturkreis" habe Längengrade messen können, muss jede gute kartografische Darstellung zwangsläufig arabischen Ursprungs sein.

Nicht diskutiert wird hingegen, dass Portolankarten, und eine solche ist die Piri Re'is Karte, die seit dem Spätmittelalter im Mittelmeerraum allgemein verbreitet waren, überhaupt kein Gitternetz zur Grundlage haben, sondern Rumbenlinien. Die Piri Re'is Karte verfügt also über gar keine Längengrade oder überhaupt eine Projektion im engeren Sinn. Schon aus diesem Grund ist die gesamte Diskussion um Längengrade müßig. Auch für die Portolankarten gilt (im Buch), was für alles gilt: Sie können nur Kopien arabischer Vorlagen sein, weil nur die Araber zu so exakten Messungen fähig gewesen seien.

Billig ignoriert zudem die umfangreiche seriöse Erforschungsgeschichte der Karte - genannt sei stellvertretend nur Gregory McIntosh, der 2000 eine hervorragende Monografie zur Karte veröffentlicht hat, in der diese in den kartografiehistorischen Kontext gesetzt und quellenkritisch eingehend untersucht wird. [1]

Es findet sich auch keine Diskussion der auf der Karte von Piri Re'is eingetragenen Texte. Billig verweist zwar in einer Anmerkung darauf, dass Piri Re'is selbst seine Informationen explizit auf eine Kolumbuskarte zurückführt, negiert aber jeden portugiesischen Konnex, was die Information zur brasilianischen Küste betrifft. Die mit zeitgenössischen portugiesischen Karten übereinstimmenden Toponyme an der brasilianischen Küste werden dabei ebenso ignoriert wie andere Inschriften der Karte, die auf die portugiesischen Entdeckungsfahrten hinweisen.

Damit aber stellt sich die Frage, wie damit umzugehen ist, dass der Amerikateil der Karte definitiv auf Kolumbus zurückzuführen ist? Ganz einfach: die Toscanelli-Karte - Vorlage von Kolumbus - ist "eine italienische Adaption eines arabischen Originals" (267). Die Begründung dürften mittlerweile erratbar sein: "allein der arabische Kulturraum" sei zu einer so exakten Darstellung fähig gewesen sei. Es ist das Totschlagargument des ganzen Buchs.

Folgt man der Argumentation genau, so hatten Toscanelli und Kolumbus Zugang zu arabischem Kartenmaterial über weite Teile der amerikanischen Atlantikküste. Piri Re'is hingegen müsste auf die Vermittlung dieser arabischen Information durch Kolumbus angewiesen gewesen sein, da er nur die Entdeckungsfahrten der Ungläubigen (so der Text auf der Karte) erwähnt und nichts von den anscheinend intensiven Entdeckungsfahrten und kartografischen Erzeugnisse seiner Glaubensgenossen, denen die Magellanstraße "längst bekannt war" (272), ja die schon lange davor intensiv kartografiert und erschlossen gewesen sei.

Auch bei der schmal geratenen Analyse der Karte (264) zeigt sich das Fehlen jeder methodischen Kompetenz. Zum Vergleich habe man "in digitaler Projektion die Karte des Re'is und den modernen Atlas übereinanderlegt". Dabei weiche die Piri Re'is Karte kaum vom modernen Atlas ab und die Koordinaten der Mündung des La Plata seien fast deckungsgleich. Auf der nächsten Seite folgt zum "Beleg" eine Abbildung, auf der die La Plata-Mündung der Piri Re'is Karte bei Rio de Janeiro liegt - etwa 12 Breiten- und ebenso viele Längengrade von der tatsächlichen Lage entfernt. Davon ganz abgesehen muss man festhalten, dass eine "digitale Projektion" ein Fantasiebegriff ist. Das eigentliche Verfahren heißt Georeferenzierung, und deren Ergebnis hängt wesentlich davon ab, wie viele und welche Kontrollpunkte man dafür verwendet, zumal die Portolankarte ja keine Projektion hat, nach der man die Umrisse der "modernen" Küstenlinien anpassen könnte. Es liegen methodisch kompetente kartometrische Untersuchungen der Karte durch Peter Mesenburg von 2001 vor, die freilich nicht erwähnt werden. [2]

An dieser Stelle muss man die weitere "Detailkritik" aus Platzgründen sein lassen. Es sollte deutlich geworden sein, wie oberflächlich die Darstellung ist, wie vermessen und ignorant die an jeder Stelle des Buches großspurig getätigten apodiktischen Aussagen sind. Man muss feststellen, dass sich das Buch kaum mit der titelgebenden Karte auseinandersetzt. Statt sich mit dem Forschungsstand auseinanderzusetzen, wird blind und naiv und ohne jede kritische Distanz den Behauptungen Sezgins gefolgt.

Hätte man einfach den Beitrag arabischer Wissenschaften sowohl als Vorbereiter als auch als unabhängiger Wegbegleiter der europäischen Entwicklungen darstellen wollen, so hätte man sich das Terrain der Spekulationen ersparen können: die Piri Re'is Karte ist das wohl beste Beispiel für die Verwobenheit des geografischen Wissens um 1500. Dann hätten auch die Ausführungen über frühere Einflüsse und parallele Entwicklungen ihren berechtigten Platz gehabt, anstatt hauptsächlich ideologisch begründete Spekulationen mit rhetorisch-logischen Fehlschlüssen zu präsentieren. Gerade weil der Verlag C.H. Beck stark im Bereich der Orientalistik positioniert ist, kann der Rezensent nicht nachvollziehen, wie das Buch in das Verlagsprogramm gelangen konnte.


Anmerkungen:

[1] Gregory McIntosh: The Piri Reis Map of 1513, Atlanta 2000.

[2] Peter Mesenburg: Kartometrische Untersuchung und Rekonstruktion der Weltkarte des Piri Re'is (1513), in: Cartographica Helvetica: Fachzeitschrift für Kartengeschichte 23-24 (2001), 3-7.

Werner Stangl