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Odd Arne Westad: Der Kalte Krieg. Eine Weltgeschichte, Stuttgart: Klett-Cotta 2019, 763 S., ISBN 978-3-608-98148-3, EUR 34,00
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Rezension von:
Peter Ridder
Berliner Kolleg Kalter Krieg
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Peter Ridder: Rezension von: Odd Arne Westad: Der Kalte Krieg. Eine Weltgeschichte, Stuttgart: Klett-Cotta 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 6 [15.06.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/06/31682.html


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Odd Arne Westad: Der Kalte Krieg

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Odd Arne Westad hat 2017 eine umfassende Weltgeschichte des Kalten Kriegs vorgelegt, die seit kurzem in deutscher Übersetzung zugänglich ist. Darin untersucht der angesehene Harvard-Historiker die Auswirkungen des Ost-West-Konflikts im langen 20. Jahrhundert als "globales Phänomen" (13). Er begreift den Kalten Krieg als internationales System, das nicht für alle politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts entscheidend war, aber die meisten beeinflusste - "und zwar zum Schlechteren" (10). Mit diesem Ansatz führt der Autor nicht nur aktuelle historiografische Debatten weiter, sondern bietet auch eine neue und durchaus kontroverse Interpretation des Kalten Kriegs an. [1]

Westad gilt als einer der renommiertesten Experten auf dem Gebiet der Cold War Studies, der 2005 mit dem wegweisenden Buch "The Global Cold War" Bekanntheit erlangte. Mit der dreibändigen "Cambridge History of the Cold War" sowie als Gründungsherausgeber des Fachjournals Cold War History prägte der norwegische Historiker seitdem die Forschung und hat maßgeblich zur inhaltlichen und methodischen Erweiterung dieses Felds beigetragen. [2] Sein aktuelles Buch liefert eine Synthese dieser Forschungsleistung der letzten zwei Jahrzehnte und ergänzt sie durch neue Quellenfunde.

In seinem 25 Kapitel umfassenden Buch spannt Westad einen großen Bogen, der die globalen Dimensionen des Systemkonflikts in all seinen Facetten erfasst. Obwohl die Kapitelüberschriften einzelne Regionen herausgreifen ("In den Strudeln des Nahen Ostens"), bestimmte Personen in den Vordergrund rücken ("Die Breschnew-Ära") oder auf historische Prozesse anspielen ("Zerfallende Imperien"), handelt es sich nicht um sektorale Zugriffe, sondern um eine zusammenhängende Analyse. Präzise werden die Verflechtungen, Parallelen und Asymmetrien herausgearbeitet. Staatliches Handeln steht dabei im Zentrum. Der soziale Wandel, kulturelle Prozesse und wirtschaftliche wie technologische Transformationen bilden jedoch einen omnipräsenten Hintergrund, auf den der Autor punktuell zurückgreift und vor dem er sein Narrativ entfaltet. Anschauliche Zitate, eine bildliche Sprache und ein sehr guter Stil sorgen dafür, dass dieses Buch trotz seiner 700 Seiten sehr gut zu lesen ist.

Für Westad war der Kalte Krieg im Wesentlichen ein ideologischer Konflikt zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Dieses zentrale Argument zieht sich als roter Faden durch die Geschichte. Ausgangspunkt ist das Ende des 19. Jahrhunderts und der beginnende Aufstieg der USA zur Großmacht, die mit ihren Werten und Ideen einen "revolutionären Einfluss" (26) auf die Weltpolitik hatte. Der "Selbstmord" Europas im Ersten Weltkrieg brachte mit der Sowjetunion schließlich einen neuen Staat hervor, der eine oppositionelle Vision verkörperte. Zu einer globalen Konfrontation entwickelte sich dieser Antagonismus aber erst nach 1945, als beide Staaten zu Weltmächten aufstiegen und die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs die Sehnsüchte der Menschen nach einem politischen System katalysierten, das Frieden und Wohlstand versprach. Überzeugend beschriebt der Autor, wie in Europa in den folgenden zwei Jahrzehnten eine "Östliche Hemisphäre" entstand, die nicht nur durch Zwang zusammengehalten, sondern auch von der Hoffnung einiger weniger getragen wurde, eine bessere Gesellschaft zu erschaffen. Demgegenüber erzeugte die Ausbreitung des US-amerikanischen Wirtschaftsmodells, das von der New Deal-Politik Roosevelts geprägt war und wirtschaftliches Wachstum gepaart mit sozialen Aufstiegsmöglichkeiten versprach, eine Anziehungskraft, die verstärkt durch eine bewusst geschürte Angst vor den Anderen, die "Herausbildung des Westens" beschleunigte. Als die europäischen Kolonialmächte anfingen, diesen Gegensatz zu instrumentalisieren, um den Dekolonisierungsprozess zu unterdrücken, breitete sich der Konflikt in der ganzen Welt aus. Den Anfang vom Ende des Kalten Kriegs verortet Westad schließlich in den 1970er Jahren, als der globale wirtschaftliche, gesellschaftliche und technologische Wandel beide Systeme unter Druck setzte und es den westlichen Staaten besser gelang, sich an die neuen Bedingungen anzupassen und von der Globalisierung zu profitieren.

Das Buch zeigt, wie die ideologische Konfrontation zwischen Ost und West politische Entwicklungen in Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa formte und die Geschichte des 20. Jahrhunderts prägte. Mit diesem Ansatz grenzt sich Westad von revisionistischen und postrevisionistischen Deutungen ab [3], indem er die Ursachen, die Fortsetzung und das Ende des Konflikts nicht einer Seite zuschreibt, sondern eine ausgewogene Darstellung präsentiert, in der die Verbrechen des stalinistischen Terrors ebenso wie die illegalen Aktionen im Rahmen der Reagan-Doktrin einfühlsam und ohne mahnenden Zeigefinger ausgeleuchtet werden. Sorgsam werden die Pfadabhängigkeiten und Eigendynamiken herausgearbeitet, durch die sich der Kalte Krieg in der Dritten Welt ausbreitete und die dazu führten, dass sich beide Großmächte in langjährige Kriege in Vietnam und Afghanistan verwickelten.

Allerdings löste Westad mit dieser ideologiezentrierten Interpretation auch eine Kontroverse aus. Obwohl alle bisherigen Rezensentinnen und Rezensenten die herausragende "wissenschaftliche Qualität" dieses Buch lobten, kritisierten einige seinen Ansatz scharf. Eine primär ideologische Interpretation des Kalten Kriegs beantwortet nicht alle Fragen: Wieso kooperierten die USA mit Jugoslawien? Weshalb strebte Richard Nixon eine Normalisierung mit dem kommunistischen China an? Warum unterstützten Jimmy Carter und Ronald Reagan die Roten Khmer in ihrem Guerillakrieg gegen die Volksrepublik Vietnam? Antworten darauf deuten eher in Richtung einer hauptsächlich machtpolitischen Auseinandersetzung zwischen den USA und der Sowjetunion, bei der der ideologische Gegensatz zwar eine Rolle spielte, aber nur selten entscheidend war. [4]

Geschichte ist kompliziert, und es gibt nie nur eine Erklärung. Die Dichotomie zwischen Ost und West war ein wichtiger Faktor, der politische und gesellschaftliche Diskurse weltweit prägte. Gleichzeitig folgten die Entscheidungen von Politikerinnen und Politikern oft einer eigenen Logik, die sich an die jeweiligen lokalen Gegebenheiten anpasste und es ihnen ermöglichte, ideologische Gegensätze zu überwinden. Genau das arbeitet Westad in seinem Buch heraus und bestätigt damit seine einleitende Aussage, wonach der Kalte Krieg zwar vieles beeinflusste, aber eben nicht für alles entscheidend war. Das Problem ist, dass der in der Einleitung proklamierte Gegensatz zwischen Kapitalismus und Kommunismus in der anschließenden Analyse zunehmend untergeht. Ein forcierter kultur- und ideengeschichtlicher Zugriff hätte die Kernthese des Buchs gestärkt. Durch die Fokussierung auf staatliches Handeln entsteht hingegen ein argumentatives Ungleichgewicht, das Widerspruch provoziert. Deshalb das Fazit: Westads Argumentation hat Schwachstellen. Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine der besten Gesamtdarstellungen des Kalten Kriegs, die wissenschaftliche Debatten anregt und auch den Leserinnen und Lesern außerhalb der Zunft eine interessante und spannende Lektüre verspricht.


Anmerkungen:

[1] Vgl. John Lewis Gaddis: The Cold War. A New History, London 2006; Bernd Stöver: Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947-1991, München 2007; Georges-Henri Soutou: La guerre de cinquante ans. Les relations Est-Ouest 1943-1990, Paris 2001.

[2] Odd Arne Westad: The Global Cold War. Third World Interventions and the Making of our Times, Cambridge 2005; Melvyn P. Leffler / Odd Arne Westad: The Cambridge History of the Cold War, Vol. I-III, Cambridge 2011.

[3] Zu den unterschiedlichen Ansätzen vgl. William A. Williams: Die Tragödie der amerikanischen Diplomatie, Frankfurt/M. 1973; John Lewis Gaddis: We Now Know. Rethinking Cold War History, New York 1997.

[4] Vgl. H-Diplo, Roundtable Review XIX, 31 (2018): https://networks.h-net.org/system/files/contributed-files/roundtable-xix-31.pdf (20.04.2020); Jost Dülffer über Odd Arne Westad: The Cold War. A World History, London 2017, in: H-Soz-Kult (28.06.2018).

Peter Ridder