Rezension über:

Jan Kilián: Der Gerber und der Krieg. Soziale Biographie eines böhmischen Bürgers aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag 2018, 247 S., ISBN 978-3-8305-3880-6, EUR 49,00
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Rezension von:
Bernd Roeck
Zürich
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Bernd Roeck: Rezension von: Jan Kilián: Der Gerber und der Krieg. Soziale Biographie eines böhmischen Bürgers aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag 2018, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 7/8 [15.07.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/07/33127.html


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Jan Kilián: Der Gerber und der Krieg

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Dramatisches Geschehen pflegt die Entstehung erzählender Quellen zu fördern. So hat auch der Dreißigjährige Krieg eine reiche Überlieferung an Diarien und Chroniken aufzuweisen, von denen ein großer Teil - trotz bald eines Vierteljahrhunderts engagierter Forschung - noch nicht ediert ist. Wenig Licht fällt aus naheliegenden Gründen in die Welt des "Volkes": Illiterate schreiben keine Tagebücher. Und sie hatten während des großen Krieges gewöhnlich andere Sorgen, als die Zeitläufte zu reflektieren. So sind Quellen wie das "Zeytregister" des Ulmer Schusters Hans Heberle und die Aufzeichnungen des Söldners Peter Hagendorf selbst jenseits der Spezialforschung inzwischen zu Recht berühmt geworden.

Jan Kilián reiht sich in diese Tradition ein. Er ist Herausgeber der lückenhaft und durch spätere Abschriften überlieferten Aufzeichnungen des Gerbers Michael Stüeler (1583-1656). Nun hat er aus der Quelle ein facettenreiches Porträt des Autors destilliert. Unter Berufung auf Bahnbrecher dieser in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts heftig diskutierten Richtung - etwa Carlo Ginzburg und Giovanni Levi - will er die "Mikrogeschichte" eines Bürgers bieten, zugleich ein Zeitpanorama des 17. Jahrhunderts aus der Perspektive der Provinz.

Sein Held verbrachte sein Leben, von einigen Reisen abgesehen, in der nordböhmischen Kleinstadt Graupen - tschechisch Krupka - am Fuß des Erzgebirges. Stüeler zählte nicht zur Unterschicht. Er war, bis der Krieg nach Böhmen kam, wohlhabend und angesehen, gewiss kein typischer "Gemeiner Mann". Zum Beispiel kannte er antike Literatur, zumindest das "Breviarium ab urbe condita" des Eutropius. Zeitweilig amtierte er als Zunftmeister und übte im Auftrag der Stadtherren, der von Sternberg, das Amt des Bergmeisters, des Chefs der Bergverwaltung, aus. Damit war er Herr einer kleinen Bürokratie. Neben der Aufsicht über den im 17. Jahrhundert in Graupen nicht mehr sehr bedeutenden Zinnbergbau (56) zählte die Kontrolle der Wildhüter und Dorfschulzen zu seinen Aufgaben.

Der Autor der "Denckwürdigkeiten" musste sich sozusagen zwischen vielen Stühlen zurechtfinden. Als Bergmeister war er den Sternberg verbunden, deren Verhältnis zur Bürgerschaft gespannt war; während des böhmischen Aufstands hatte Graupen unter Einsatz beträchtlicher Geldmittel versucht, sich die Freiheit von ihrer Obrigkeit zu kaufen. Wahrscheinlich war es diese Bindung, die Stüeler davon abhielt, eine aktivere Rolle in städtischen Angelegenheiten zu spielen. Ein weiterer, gewiss quälender Konflikt resultierte daraus, dass er als Protestant getauft und erzogen worden war, sich nach der Niederschlagung der böhmischen Revolte indes zur Konversion zum Katholizismus gezwungen sah. Kiliáns Buch führt immer wieder vor Augen, welche Seelenpein gegenreformatorische Politik für die Menschen konkret bedeutet haben muss (145). Viel spricht dafür, dass Stüeler, ein zweifelsohne sehr frommer Mann, bis zum Tod dem protestantischen Glauben im Herzen verbunden blieb. Die Namen seiner Kinder sprechen übrigens auch dafür (113). Einmal fällt ein besonders interessantes Schlaglicht auf die "große" Geschichte, als er nämlich als Grund für die Ermordung Wallensteins anführt, der Generalissimus habe König von Böhmen werden und die Fürsten des Landes zu seinen Vasallen machen wollen (163).

Als Ökonom wird er als wendig geschildert. Neben seiner Gerberei betrieb er Landwirtschaft - in ihrem Rahmen übrigens auch den Anbau von Kartoffeln und Mais - und kelterte Wein; Einkünfte flossen ihm auch aus seinem Amt als Bergmeister zu. Er verstand es jedenfalls in der "Risikogesellschaft" seiner Zeit zu überleben. Es war der Krieg, der seinen am lokalen Maßstab beträchtlichen Wohlstand vernichtete. Kilián führt uns die Realität von Einquartierungen vor Augen, Geschehen, auf das selten das Licht der Quellen fällt - darunter auch, was selten genug vorgekommen sein dürfte, freundschaftlichen Einvernehmens: Ein Cornet der kaiserlichen Armee, der Kroate Peter Domnilonicz, fungiert als Pate eines Graupener Knaben und war auch bei Stüeler mehrmals zu Gast. Dessen Aufzeichnungen lassen gewiss nicht so weit in sein Innenleben blicken wie das "Diary", das Samuel Pepys zwischen 1660 und 1670 führte. Immerhin erfahren Leserinnen und Leser, von seinen merkwürdigen Träumen (192) und selbst über Intimstes: nämlich, wann ihm noch in späteren Jahren Sex mit seiner jungen - dritten - Gattin gelang.

Im Übrigen gibt Kiliáns Darstellung Einblicke in "pralles Alltagsleben". Wie alle seine Zeitgenossen glaubte Stüeler an die "Lesbarkeit der Welt" und bediente sich magischer Praktiken (z.B. 149). Und auch die Stellung der Frau (besonders eindrücklich: 106) gewinnt Kontur. Wir lesen von Streit und Besäufnissen, erfahren viel über Kleidung, Ernährung, Mikrostrukturen wie Nachbarschaft und Patenschaften, lesen selbst über die Schicksale von Stüelers Hund. Interessant sind Stüelers Notizen zum jeweiligen Wetter. Leider scheint Kilián die Literatur über die "Kleine Eiszeit" entgangen zu sein, so dass seine meteorologischen Aufzeichnungen nicht kontextualisiert werden. Ob die Seuchen, die Graupen heimsuchten, tatsächlich als "Pest" zu identifizieren sind (180- 182), sei dahingestellt.

Man liest Kiliáns Buch mit Vergnügen und erfährt reiche Belehrung - nicht nur über den Gerber und seinen Krieg, sondern über die reiche böhmische Chronistik der Zeit überhaupt. Schade, dass der Text voll stilistischer Mängel und sprachlicher Schnitzer ist. Ein qualifiziertes Lektorat hätte ihm gutgetan.

Bernd Roeck