sehepunkte 20 (2020), Nr. 7/8

Jan Grabowski: Na posterunku. Udział polskiej policji granatowej i kryminalnej w Zagładzie Żydów

Der Holocaust wurde in den letzten drei Dekaden überwiegend als ein deutscher Genozid an den europäischen Juden verstanden und erforscht. Dabei gerieten jedoch zwei wichtige Aspekte immer wieder aus dem Blick. Erstens wurde übersehen, dass faschistische und nationalistische Bewegungen wie die Organisation Ukrainischer Nationalisten die Ermordung der Juden und anderer ethnischer Gruppen in ihren Ländern bereits vor dem Zweiten Krieg planten. Zweitens übersahen im Zuge der Aufarbeitung des Holocaust in Deutschland viele Historikerinnen und Historiker, dass die Täter der Shoah aus verschiedenen Ländern kamen und sich in verschiedenen Sprachen verständigten. Der ebenso renommierte wie mutige Historiker Jan Grabowski setzt an diesem Punkt an und schließt mit seiner neuen Studie eine Forschungslücke. Damit leistet er einen Beitrag zur transnationalen Täter- und Kollaborationsforschung, die sich immer mehr auf die Nationalsozialismus-, Besatzungs- und Holocaustforschung auswirkt.

Grabowskis Buch ist ein kurzes Zitat aus Emanuel Ringelblums Studie über den Judenmord im Generalgouvernement vorangestellt: "Die uniformierte Polizei spielte eine traurige Rolle bei den Deportationen. An ihren Händen klebt das Blut Hunderttausender polnischer Juden, die mit ihrer Hilfe gefangen und zu den 'Todeswagons' geführt wurden." Der Historiker Ringelblum wusste genau, was er schrieb. Er beobachtete den Holocaust, dokumentierte ihn umfassend und analysierte ihn scharfsinnig. Wenige Wochen, nachdem Ringelblum die markanten Worte über die polnische Polizei geschrieben hatte, wurde er mit seiner Familie und über 30 anderen Personen von deutschen und polnischen Polizisten in einem Versteck in Warschau aufgespürt, festgenommen und anschließend erschossen.

Grabowskis Monographie über die polnische Polizei, die auch als die blaue Polizei (policja garanatowa) bekannt war, ist in acht Kapitel unterteilt, die folgende Themen und Zeitabschnitte behandeln: September 1939, die Zeit vom Herbst 1940 bis Herbst 1941 und vom Herbst 1941 bis Sommer 1942, die Deportationen 1942, die Judenjagden 1942 bis 1945, die Aktivitäten der polnischen Polizisten in Warschau und die Rettung der Juden durch Angehörige der polnischen Polizei. Ein Kapitel der Studie analysiert die polnische Kriminalpolizei, die für das Aufspüren und die Verhaftung Ringelblums und Tausender weiterer Juden verantwortlich war.

Grabowski lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass die polnische Polizei sowohl ihre deutschen Kollegen umfassend unterstützte als auch Juden aus eigener Initiative ermordete und die deutsche Besatzung dazu nutzte, sich zu bereichern und ihr Land sowohl von den Juden als auch von Sinti und Roma zu "befreien". Dabei sollte jedoch darauf hingewiesen werden, dass neben den polnischen Polizisten auch weitere Gruppen wie die Dorfvorsteher, Bürgermeister oder Feuerwehrleute mit den deutschen Besatzern bei der Verfolgung und Ermordung der Juden umfassend kollaborierten. Alle zusammen trugen sie dazu bei, dass im Generalgouvernement nur wenige Tausend Juden überlebten und über zwei Millionen ermordet werden konnten.

Die Zahl der polnischen Polizisten im Generalgouvernement stieg zwischen September 1939 und Frühjahr 1944 von 10.000 auf etwa 17.000, die Kriminalpolizei ausgenommen. Viele polnische Polizisten hatten bereits vor dem Krieg bei der Polizei gearbeitet und sahen in der Regel kein Problem darin, Generalgouverneur Hans Frank anstelle des polnischen Staates zu dienen. Es ist nicht genau bekannt, ob der Antisemitismus unter polnischen Polizisten stärker als unter anderen Berufsgruppen wie Lokführern oder Studenten und Professoren verbreitet war, die vor dem Krieg Juden an den Universitäten verfolgten, verprügelten und diskriminierten. Vermutlich ist die Annahme nicht ganz falsch, dass die polnische Polizei den Durschnitt der polnisch-christlichen Gesellschaft abbildete. Dabei sollte jedoch nicht übersehen werden, dass den Polizisten aufgrund ihrer spezifischen Tätigkeit die Anwendung von Gewalt leichter fiel als allen anderen Berufs- und Tätergruppen.

Wie die Studie zeigt, übernahmen polnische Polizisten sehr viele Aufgaben beim Judenmord. Neben der Hilfe bei der Überwachung der Ghettos, der Durchführung von Erschießungen und der Unterstützung der SS bei Deportationen waren sie für das Aufspüren der Juden verantwortlich, die sich in Städten oder auf dem Land versteckten. Polnische Polizisten führten einige Aufgaben auf Befehl deutscher Vorgesetzen aus, andere waren das Resultat ihres eigenen Pflichtbewusstseins oder ihrer eigenen Weltanschauung. Eine wichtige Tätigkeit, die polnische Polizisten übernahmen, bestand darin, Juden zu identifizieren, die für die Besatzer nicht zu erkennen waren. Deutsche Besatzer, die nicht Polnisch sprachen und mit dem Land nicht vertraut waren, wussten in der Regel nicht, ob eine verdächtige Person Jude oder Christ war. Nur Muttersprachler, die mit der Kultur und Gegebenheiten des Landes vertraut waren, konnten es erkennen.

Neben der umfangreichen Dokumentation und der scharfsinnigen Analyse der Beteiligung polnischer Polizisten am Judenmord weist Grabowskis Studie zwei weitere Stärken auf. Erstens zeigt sie, dass grundsätzlich kein Widerspruch zwischen dem Engagement im antideutschen Widerstand und der Beteiligung am Judenmord bestand, weil Antisemitismus in der polnischen Widerstandsbewegung verbreitet war. Zweitens zeigt sie, dass nur wenige polnische Polizisten Juden retteten oder ihnen halfen. Aufgrund der brutalen deutschen Besatzungspolitik, des grassierenden Antisemitismus und der umfangreichen Kollaboration war die Rettung von Juden im Generalgouvernement schwierig und in einer nicht auf eigenen Profit bedachten Form selten.

Zusammenfassend sollte hervorgehoben werden, dass Jan Grabowskis Studie über die polnische Polizei im Generalgouvernement ähnlich wie Omer Bartovs Buch über Buczacz [1] für die Nationalsozialismus-, Besatzungs- und Holocaustforschung sowie für die transnationale Täter- und Kollaborationsforschung von großer Bedeutung ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Historikerinnen und Historikern besitzt Grabowski, dessen Vater Ryszard Abrahamer den Judenmord im Generalgouvernement unter anderem dank der Annahme des Namens "Grabowski" überleben konnte, die seltene Gabe, die wichtigen Aspekte der Geschichte des Holocaust kritisch und vielfältig zu beleuchten. Dadurch gelingt es ihm, die Shoah im besetzten Polen in ihrer grausamen Komplexität darzustellen und vielfach vergessene Tätergruppen ebenso sichtbar werden zu lassen wie ihre Opfer. Es ist zu hoffen, dass Grabowskis Monographie ins Deutsche übersetzt wird.


Anmerkung:

[1] Omer Bartov: Anatomy of a Genocide. The Life and Death of a Town Called Buczacz, New York 2018.

Rezension über:

Jan Grabowski: Na posterunku. Udział polskiej policji granatowej i kryminalnej w Zagładzie Żydów. [Auf der Wache. Die Beteiligung der polnischen Ordnungs- und Kriminalpolizei am Judenmord], Warschau: Wydawnictwo Czarne 2020, 429 S., ISBN 978-83-8049-986-7

Rezension von:
Grzegorz Rossoliński-Liebe
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Grzegorz Rossoliński-Liebe: Rezension von: Jan Grabowski: Na posterunku. Udział polskiej policji granatowej i kryminalnej w Zagładzie Żydów. [Auf der Wache. Die Beteiligung der polnischen Ordnungs- und Kriminalpolizei am Judenmord], Warschau: Wydawnictwo Czarne 2020, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 7/8 [15.07.2020], URL: http://www.sehepunkte.de/2020/07/34012.html


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