Rezension über:

Gero Fedtke: Roter Orient. Muslimkommunisten und Bolschewiki in Turkestan (1917-1924) (= Peripherien; Bd. 5), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2019, 471 S., ISBN 978-3-412-51323-8, EUR 60,00
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Rezension von:
Ulrich Hofmeister
Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Hofmeister: Rezension von: Gero Fedtke: Roter Orient. Muslimkommunisten und Bolschewiki in Turkestan (1917-1924), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 9 [15.09.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/09/34108.html


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Gero Fedtke: Roter Orient

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"Roter Orient" war der Name eines Zugs, dessen Besatzung 1920 im Auftrag der Moskauer Zentralgewalt die Durchsetzung der sowjetischen Herrschaft in Zentralasien vorantreiben sollte. Gero Fedtke nimmt diesen Zug und das Vorgehen seiner Mannschaft gegen lokale Funktionäre als Ausgangspunkt einer detaillierten Studie über turkestanische muslimische Kommunisten in den Jahren zwischen dem Oktoberputsch 1917 und der nationalen Aufteilung Zentralasiens 1924.

Fedtkes Buch gehört zu einer ganzen Reihe von neueren Arbeiten, die die Etablierung der Sowjetmacht in Zentralasien behandeln und die dabei die Handlungsmacht der nichtrussischen Akteure betonen. [1] Im Gegensatz zu den meisten dieser Arbeiten steht jedoch bei Fedtke nicht die Nationsbildung im Mittelpunkt. Vielmehr zeichnet er ein Bild, in dem die Frage nach nationaler Zugehörigkeit nur ein Konfliktfeld unter vielen anderen darstellt. Dabei identifiziert Fedtke drei Hauptbruchlinien innerhalb der zentralasiatischen Gesellschaft, anhand derer er seine Protagonisten einordnet: erstens der Konflikt zwischen slawischen Siedlern und muslimischen Einheimischen, der laut Fedtke durchaus koloniale Züge aufwies, zweitens - vor allem unter den Einheimischen - die Polarisierung zwischen den Anhängern überkommener Werte und denen einer grundlegenden Modernisierung Zentralasiens, und drittens der Gegensatz zwischen Vertretern des Zentrums in Moskau und denen lokaler Interessen. Mithilfe dieser drei Bruchlinien, die sich teilweise überlagerten, teilweise aber auch quer zu einander lagen, positioniert Fedtke seine Akteure in den unterschiedlichen Konfliktfeldern. Dabei macht er aber auch deutlich, dass es zwischen diesen Gegensätzen auch Grauzonen gab, und dass einzelne Akteure die Seiten wechseln konnten.

Im Mittelpunkt von Fedtkes Buch stehen die "Muslimkommunisten" Turkestans, also einheimische Akteure, die sich als Kommunisten bezeichneten und so Anspruch auf Teilhabe an der Sowjetmacht stellten. Als ihre zunächst wichtigsten Gegenspieler identifiziert Fedtke die muslimischen "Traditionalisten", später dann die revolutionären Siedler, die der Autor als "Turkestancy" bezeichnet. Die Muslimkommunisten warben ebenso wie die Turkestancy um die Unterstützung der Bolschewiki im Zentrum, die Fedtke als vierte bedeutende Akteursgruppe identifiziert. Fedtke zeichnet minutiös nach, wie die Muslimkommunisten um Einfluss in den Machtinstitutionen von Partei und Staat kämpften. Dabei verzeichneten sie durchaus beachtliche Erfolge, solange ihre Bestrebungen nicht mit dem Führungsanspruch Moskaus kollidierten. Dass der Autor bei der Schilderung dieser Machtkämpfe den Überblick über die zahlreichen Institutionen von Partei und Sowjetstaat behält, ist durchaus beeindruckend. Fedtke navigiert durch Parteiorgane, Verwaltungs- und Regierungsstellen, Komitees, Kommissionen und Fraktionen, die einander überlagerten, miteinander konkurrierten oder sich gegenseitig für illegal erklärten, und von denen viele immer wieder mit denselben Personen besetzt waren.

Unter den Protagonisten des Buchs finden wir prominente Akteure wie Turar Ryskulov oder Mustafa Čokaev, die beide in der Forschung schon einige Aufmerksamkeit gefunden haben, aber auch zahlreiche Personen, die kurzfristig bedeutende Positionen in Turkestan innehatten, deren Spuren sich dann aber verlieren und die erst jetzt wieder aus der Vergessenheit geholt werden. Fedtke stützt sich dabei überwiegend auf russischsprachige Archivdokumente, also Sitzungsprotokolle, Berichte und Korrespondenzen, viele davon stammen von den Muslimkommunisten selbst. Da die Biografien der Beteiligten wegen der lückenhaften Quellen und späterer Mystifizierungen schwer nachzuvollziehen sind, konzentriert sich das Buch konsequent auf das politische Handeln der Protagonisten. Im Anhang werden aber die rekonstruierbaren Lebenswege von mehreren Dutzend Akteuren - zentralasiatischer wie europäischer Herkunft, jedoch ausschließlich Männer - in Kurzbiografien vorgestellt, womit der Autor künftigen Forschungen einen wertvollen Dienst erweist. Leider fehlen an dieser Stelle Literaturhinweise.

Das Buch behandelt schwerpunktmäßig die Jahre 1917 bis 1921 in Turkestan, die formal unabhängigen Gebiete Buchara und Chiva/Chorezm werden (zurecht) ausgeklammert. Der Studie liegt eine komplexe systematische Gliederung zugrunde, die sich nicht ganz leicht erschließt. Im Wesentlichen werden die politischen Kämpfe der Muslimkommunisten nach unterschiedlichen Gegnern und Fronten gegliedert. Das führt dazu, dass dieselben Ereignisse oft mehrfach aus unterschiedlicher Perspektive behandelt werden. Fedtkes zentrales Anliegen ist es dabei, die Handlungsmacht der muslimkommunistischen Akteure zu belegen. So zeigt er, dass die Reise Ryskulovs zu Lenin im Frühjahr 1920, die in der Literatur bisher als vernichtende Niederlage der Muslimkommunisten interpretiert worden ist, von den damaligen Akteuren durchaus als Erfolg Ryskulovs wahrgenommen wurde. Der Traum einer weitreichenden Eigenständigkeit Turkestans von Moskau ging zwar nicht in Erfüllung, doch den Muslimkommunisten gelang es, sich die Unterstützung des Zentrums gegen die Turkestancy, ihre slawischen Konkurrenten vor Ort, zu sichern. In der Folge konnten die Muslimkommunisten eine Landreform durchsetzen, die den Kirgisen und Kasachen zugutekam und die zulasten der slawischen Siedler ging. Für Fedtke ist das ein Beleg für den grundlegenden Unterschied zwischen zarischer und sowjetischer Herrschaft in Zentralasien und damit für den nichtkolonialen Charakter der Sowjetunion. Um die Machtverhältnisse in Sowjetisch-Zentralasien kategorisieren zu können, wäre es allerdings wohl aufschlussreicher gewesen, nicht nur das Zarenreich, sondern auch die westlichen Kolonialmächte zum Vergleich heranzuziehen. Gerade in Bezug auf die indigene Handlungsmacht wäre das Ergebnis dann möglicherweise nicht ganz so eindeutig ausgefallen.

In Bezug auf die nationale Aufteilung Zentralasiens 1924/25 stützt Fedtke aktuelle Forschungsergebnisse, die eine bewusste "Teile-und-Herrsche"-Strategie der Sowjetmacht widerlegen. Neu ist in diesem Zusammenhang seine Argumentation, dass Ryskulov das Projekt einer gesamt-turkestanischen Sowjetrepublik vor allem aus taktischen Erwägungen verfolgt habe, und nicht, weil er die turksprachigen Muslime Zentralasiens tatsächlich als gemeinsame Nation verstanden habe.

So gibt Fedtkes Studie nicht nur einen Einblick in die Machtstrukturen im frühsowjetischen Turkestan, sondern trägt auch zu einer Neubewertung der Bürgerkriegszeit in Zentralasien insgesamt bei. Dank der intensiven Auseinandersetzung mit den Quellen und seiner profunden Kenntnis der zentralasiatischen Gesellschaften kann Fedtke einige überkommene Vorstellungen widerlegen. Fedtke argumentiert differenziert und auf der Basis sorgfältiger Recherche, seine Ergebnisse präsentiert er flüssig und gut leserlich. Künftige Arbeiten zur Bürgerkriegszeit in Zentralasien werden um dieses Buch nicht herumkommen, so dass eine baldige Übersetzung ins Englische zu empfehlen ist.


Anmerkung:

[1] Siehe unter anderem Adrienne Lynn Edgar: Tribal Nation. The Making of Soviet Turkmenistan, Princeton 2004; Paul Bergne: The Birth of Tajikistan. National Identity and the Origins of the Republic, London 2007; Adeeb Khalid: Making Uzbekistan. Nation, Empire, and Revolution in the Early USSR, Ithaca / London 2015; Botakoz Kassymbekova: Despite Cultures. Early Soviet Rule in Tajikistan, Pittsburgh 2016.

Ulrich Hofmeister