Rezension über:

Katrin Löffler (Hg.): Wissen in Bewegung. Gelehrte Journale, Debatten und der Buchhandel der Aufklärung (= Beiträge zur Kommunikationsgeschichte; Bd. 33), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2020, 250 S., 9 s/w-Abb., 4 Tbl., ISBN 978-3-515-12592-5, EUR 52,00
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Rezension von:
Johannes Arndt
Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Arndt: Rezension von: Katrin Löffler (Hg.): Wissen in Bewegung. Gelehrte Journale, Debatten und der Buchhandel der Aufklärung, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2020, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 11 [15.11.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/11/34344.html


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Katrin Löffler (Hg.): Wissen in Bewegung

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Der vorliegende Sammelband vereinigt eine Einführung und 14 Beiträge, die auf eine Akademietagung im September 2018 in Leipzig zurückgehen. Die Absicht der Herausgeberin lag darin, das Potential einer Periodikagattung des 18. Jahrhunderts, der Gelehrten Zeitschriften, als Medium wissenschaftlich-akademischen Austauschs über Forschungserträge weiter zu erschließen. Hatte sich früher wissenschaftlicher Diskurs in der recht exklusiven Briefkorrespondenz zwischen Gelehrten abgespielt, bot das Zeitschriftenwesen seit dem späteren 17. Jahrhundert die Chance, dass eine größere Zahl von Fachleuten teilhaben und auf wissenschaftliche Anstöße mit eigenen Beiträgen reagieren konnte. Die Zeitschriften griffen ihrerseits auf frühere Briefkorrespondenzen zurück und edierten sie, meistens in Bezug auf breit anerkannte Gelehrte. Die von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und der UB Leipzig errichtete Forschungsdatenbank mit derartigen Gelehrten Zeitschriften soll ausgebaut werden, und die Bedeutung der Periodika soll mit den beteiligten Fachwissenschaften und der interessierten Öffentlichkeit weiter diskutiert werden. Die Gelehrten Zeitschriften waren bestrebt, die Gesamtheit des Wissens ihrer Zeit abzubilden: Krankheiten, kirchliche Phänomene, die Linnésche Klassifikation der Pflanzen, Überseegeschichte, politische Ereignisse und Sensationen, Reisen, Experimente mit elektrischem Strom, Salpetergewinnung und Seidenraupenzucht, selbst die Gefahren des Lesens wurden behandelt (22).

Vier Themenschwerpunkte bilden sich in vier Sektionen ab, die jeweils mehrere Beiträge beinhalten. Die erste Sektion handelt von "Journalproduktion und ihren Voraussetzungen". Wissenschaftliches Publizieren und die Voraussetzungen für die Herstellung von Rezensionszeitschriften sind von der Forschung noch wenig erhellt worden. Zahlreiche Details werden hier von Maximilian Görmar zur Frühphase der Acta Eruditorum und von Claire Gantet zum Rezeptionswirken Albrecht von Hallers ausgebreitet.

In der zweiten Sektion "Autoren, Verleger, Käufer: Gelehrte Journale und der Buchhandel" stehen die Fragen nach der Nutzung von Rezensionszeitschriften und dem kollektiven Aspekt der Buchherstellung im Vordergrund. Simon Portmann zeichnet den Diskurs über den illegalen Büchernachdruck in den Periodika während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach. Flemming Schock fragt nach Bibliotheken und deren Auktionen, soweit sie in den Gelehrten Journalen behandelt wurden. Katrin Löffler spürt den Methoden von Autoren nach, bereits verfasste Manuskripte an den Mann, das heißt an den Verleger, zu bringen und dazu die vergrößerte Öffentlichkeit zu nutzen, die die Journale boten.

Die dritte Sektion "Diskurse und Debatten: Gelehrte Journale und die Topographie des Wissens" fragt danach, in welchem Umfang es gelingen kann, die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte einzelner Autoren, Bücher und Themenzusammenhänge zu rekonstruieren. Andreas Müller sucht nach Bewertungskriterien von Rezensionen über Lexika, Kristina Küntzel-Witt behandelt den Topos "Sibirien" am Beispiel der Zweiten Kamtschatka-Expedition (1733-1743) in den Journalen, Thea Sumalvico die aufklärerische Debatte um die Taufe und den Taufexorzismus. Doris Gruber greift eine Kometenerscheinung von 1743/44 in denselben Periodika vor dem Hintergrund der schon früher in anderen Medien zu diesem Sensationsthema gebrachten Deutungen auf.

In der vierten und letzten Sektion geht es unter der Überschrift "Informieren, Kritisieren, Räsonieren: Strukturen und Praktiken Gelehrter Journale" um die Normen für die Kommunikation zwischen Gelehrten. Anett Lütteken stellt vor, wie gelehrte Reputation entstand und wie sie attackiert werden konnte, und untersucht dazu die Karriere von Johann Christoph Gottsched. Markus Christopher Müller geht ebenfalls von Gottsched aus und betrachtet die wechselseitige Beobachtung süddeutscher und mitteldeutscher Gelehrter Journale. Nora Fischer befragt die Entstehungsgeschichte der ersten Gelehrten Zeitschrift in Wien, die erst 1766, also recht spät, begann, und noch dazu als Anhang zum erfolgreichen Wienerischen Diarium. Arne Klawitter untersucht die Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur (1772-1781), die vom lippischen Lemgo aus ihre Leserschaft fast zehn Jahre lang mit Rezensionen von hoher Qualität erfreute. Alexander Stoeger stellt naturwissenschaftliche Fachzeitschriften um 1800 vor, wobei er die Galvanismusforschung als Beispiel für die Experimentalwissenschaften in den Mittelpunkt rückt.

Der sinnvoll konzipierte Sammelband leistet einen wünschenswerten Beitrag zur Entwicklung der deutschen Periodika in der Epoche der Hochaufklärung: Über der Basis der allgemeinen Zeitungen, dem "Erdgeschoss der Wissensgesellschaft", erhob sich das akademische Segment der Gelehrten Journale, die sich in ihrer Gesamtheit auch als "Beletage der Wissensgesellschaft" bezeichnen lassen. Von ihnen, die noch verschiedene Wissenschaften und Rezensionen umfassten, ging ein Ausdifferenzierungsprozess zu Spezialjournalen für Literatur, Theologie und Naturwissenschaften aus, bis später alle Fächer ihre Fachjournale aufwiesen. Für weitere Forschungen wäre wünschenswert, wenn der Blick über den hier dominierenden deutschen Sprachraum hinaus geweitet werden könnte - in mehreren Beiträgen wird das angetippt, der Mehraufwand der Recherchen in benachbarten Sprachen (besonders Französisch und Englisch, aber auch Niederländisch) wird aber immer noch viel zu selten in Kauf genommen. Erfreulicherweise hat die Herausgeberin dem Band ein Namensregister beigefügt und dazu alle verfügbaren Lebensdaten der genannten Personen abgebildet.

Johannes Arndt