sehepunkte 20 (2020), Nr. 11

Marta Ansilewska-Lehnstaedt: Pole jüdischer Herkunft

Im Fokus der Studie stehen die Identitätsbildungsprozesse jüdischer Kinder in Polen, die als Holocaustkinder die nationalsozialistischen Vernichtungspraktiken überlebten und noch zumindest bis nach der letzten Auswanderungswelle 1956 in Polen ansässig waren. Die Interviewten entstammten jüdischen Familien, die vor 1939 nicht religiös und akkulturiert in Polen lebten. 41 von ihnen, zum Zwecke der Verifizierung ergänzt um 12 Befragungen von aus Polen zwischen 1945 und 1970 emigrierten Kinderüberlebenden, befragte Marta Ansilewska-Lehnstaedt zwischen 2010 und 2016 mehr als 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust über ihre Erfahrungen. Von den Befragten wurden 30 Prozent zwischen 1926 und vor dem Kriegsausbruch und 70 Prozent zwischen Kriegsbeginn 1939 und Kriegsende 1945 geboren. In Kontakt zu den Zeitzeugen gelangte die Verfasserin über den Verband der Holocaustkinder in Polen. Zwei Drittel der Kinderüberlebenden "hatten bereits vor dem Interview ihre Lebensgeschichte niedergeschrieben" (36). Sie sind in den fünf auf Polnisch verfassten Bänden "Kinder des Holocaust sprechen" dokumentiert, die die Interviewerin zur Vorbereitung ihrer Gespräche einer akribischen Lektüre unterzogen hat. Die Interviews umschließen die Vorkriegsjahre in Polen, die Kriegszeit und den Holocaust sowie die erste Dekade nach dem Zweiten Weltkrieg. Folgende Fragen stellte die Verfasserin in den Mittelpunkt:

"1. Was bedeutete es, Ende der 1930er-Jahre in der Zweiten Polnischen Republik als assimiliertes jüdisches Kind aufzuwachsen? 2. Was hieß es, als jüdisches Kind im deutsch besetzten Polen zu leben? Inwiefern wurde die Identität durch Verfolgungserfahrungen geprägt? 3. Was bedeutete es für jüdische Kinder, auf der 'arischen Seite' die 'wahre' Herkunft verbergen zu müssen und sich unter einer angenommenen polnisch-katholischen Identität zu verstecken? 4. Was bedeutete es für die Kinderüberlebenden, mit umstrittenen, verdrängten Zugehörigkeiten nach 1945 weiterzuleben? Wie gingen sie mit ihrem Judentum um?" (17)

Mit ihrer Oral History-Unternehmung hat die Verfasserin einen neuen Quellenkorpus von "Autonarrative[n] [polnischer] jüdischer Kinderüberlebender" (12) erstellt, in dem "die von den Befragten im fortgeschrittenen Alter unternommenen Versuche" dokumentiert sind, "rückblickend die in der Kindheit gesammelten Erfahrungen in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren". (19) Dabei setzt sich Ansilewska-Lehnstaedt bewusst von den unmittelbar nach Kriegsende erfolgten mündlichen Befragungen seitens Mitgliedern der jüdischen Historischen Kommission ab, da die verschriftlicht vorliegenden Dokumente "oft ideologisch - zionistisch oder kommunistisch - gefärbt" (30) seien. Viele stellten - so der Eindruck der Verfasserin - die Kriegsverbrechen deutscher Besatzer deutlich heraus und hoben umgekehrt die Verdienste der Rotarmisten und des kommunistischen Systems hervor. Dem ist entgegenzuhalten, dass diese frühen Überlebensberichte noch nicht durch das Storytelling neu konstruiert sind; sie standen, den hier vorgetragenen Einwänden zum Trotz, in der unmittelbaren Nachkriegszeit primär für Opfererfahrung und Augenzeugenschaft [1].

Drei Hauptkapitel geben der Studie eine konzise inhaltliche Struktur. Das erste widmet sich den kindlichen Erinnerungen an die Vorkriegszeit im Hinblick auf ihre Bedeutung für das Leben der Kinder im weiteren Lebenslauf. Dabei kratzt die Verfasserin an dem Mythos einer "glücklichen Kindheit". Zudem erscheint der Zugriff, die elterliche Erziehung auch als Maßnahmen einer "Identitätspolitik" auszulegen, mitunter gewagt. Die befragten Kinder "wuchsen im assimilierten jüdischen Milieu" (112) auf. Für die Verfasserin bedeutet dies, dass die Eltern "die Identität ihrer Kinder vor allem in Anlehnung an die polnische Kultur und nicht an die jüdische, die sie vielfach als überflüssig und anachronistisch ansahen" (112), formten. Über die Vorkriegszeit erzählten die Kinder "umfangreich und gerne" (111) mit zahlreichen positiven Erinnerungsbildern. Der "Mythos der glücklichen Kindheit" (111 f.) hatte eine tröstende Funktion inne. Doch bleibt der Eindruck einer Überbewertung der Sozialisationskraft der Vorkriegszeit, da ein beträchtlicher Teil aus der Gruppe der vor 1939 geborenen Kinder diese nur wenige Jahre erlebte.

Die Erinnerungen der Kinderüberlebenden an die Kriegsjahre sind das Thema des zweiten zentralen Kapitels. Die Verfasserin extrahiert aus den mündlichen Erfahrungen die Auswirkungen der NS-Verfolgung auf das Alltagsleben und die psychosoziale Befindlichkeit der Kleinen. Die Verfasserin interessiert die "Auslegung der Identität in Grenzsituationen und unter sich ständig verändernden Lebensumständen - [...] vor der Umsiedlung ins Ghetto, im Ghetto und im Versteck auf der 'arischen' Seite" (15). Das Überleben auf der "arischen Seite" nach der Flucht aus dem Ghetto hing entscheidend von der Aneignung einer katholischen Identität ab, die die Chance des Überlebens erhöhte [2]. Ohne Kontakt zu ihren Eltern und abhängig von den katholischen Unterstützern, "entwickelten [die vor dem Kriegsausbruch geborenen Kinder] relativ schnell eine große Leidenschaft für den neuen Glauben" (285), die aber nach der Befreiung nachließ. Hingegen blieb die Mehrheit der nach 1939 geborenen Interviewten dem katholischen Glauben Zeit ihres Lebens verhaftet. Sie bezeichneten sich "als Polen jüdischer Abstammung, aber katholischen Glaubens" (285). Sowohl die vor als nach dem Kriegsausbruch Geborenen machten die nationalsozialistische Besatzungspolitik - und nicht ihre Beschützer - für die Zwangschristianisierung verantwortlich.

In ihren Erinnerungen an die Nachkriegsjahre 1945 bis 1956 - ihrer Analyse widmet sich die Verfasserin in ihrem zentralen dritten Kapitel - wird von den überlebenden Kindern zum Ausdruck gebracht, dass diese, abgesehen von denjenigen, die unmittelbar nach der Befreiung in jüdischen Kinderheimen aufgenommen wurden, nur wenige Kontakte zum Judentum hatten. Ihre Verfolgungserfahrungen wurden nicht zuletzt auf Druck der erwachsenen Retter verschwiegen. Hinzu kam die Pression, sich möglichst umfassend in die polnisch-katholische Mehrheitsgesellschaft zu integrieren: "Weil sie ihre jüdische Herkunft als Stigma erlebt hatten und weiter erlebten und Jüdischsein mit Ausgrenzung, Diffamierung, Verfolgung, Gewalt und Tod assoziierten, glaubten sie, sich auf dem Wege der Assimilation von diesem Stigma befreien [...] zu können, Selbstbewusstsein und gesellschaftliche Akzeptanz zu finden und nicht zuletzt Sicherheit und ein (neues) Gefühl der Zugehörigkeit zu gewinnen" (331). Hinzu kommt bei den nach 1939 Geborenen, dass sie bis auf Einzelfälle gar nicht wussten, dass sie Juden sind.

Zusammengefasst verwundert es wenig, dass von den 53 Interviewten nur drei zum Judentum zurückfanden. Zu sehr hatten die "Tabuisierung der Schoah und das Verschweigen der eigenen Wurzeln sowie [... die] vollständige Assimilation" (332) die Bindungen zum Judentum gekappt. Ob es aber bei der wichtigen Dokumentation und Analyse der individuellen als auch kollektiven Erfahrungsgeschichte polnischer Kinderüberlebender des Holocaust, die von Marta Ansilewska-Lehnstaedt in beeindruckender Weise geleistet wird, des übermächtigen kategorialen Banners der Identität bedurft hätte, bleibt eine zumindest offene Frage.

Eines ist bei dem Unterfangen von Marta Ansilewska-Lehnstaedt darüber hinaus sehr deutlich geworden: Der Transformationsprozess und die politisch-gesellschaftliche Liberalisierung in Osteuropa machten es erst ab den 1990er Jahren möglich, dass sich die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im hohen Alter mit der "Problematik des 'verlorenen Ichs'" (339) bzw. mit ihrer Doppelidentität auseinandersetzten. Die nun angeregte "Aufarbeitung der eigenen Geschichte war keineswegs nur eine Erleichterung, für viele bedeutete sie vielmehr eine große psychische Belastung" (346). Indem die Verfasserin mit ihren Interviews auf der einen Seite selbst Quellen für die historische Forschung generierte, leitete sie auf der anderen Seite den überaus schwierigen Prozess des Hinterfragens des Selbstverständnisses einer Doppelidentität als "Polen jüdischer Herkunft" bei den Holocaustkindern ein. Dass die mündliche Geschichtsschreibung hierbei stets eine große Verantwortung gegenüber ihren Protagonisten innehat, verdeutlicht eindrucksvoll die hier angezeigte Unternehmung.


Anmerkungen:

[1] Elisabeth Kohlhaas / Alfons Kenkmann: "Die Hitlerzeit hat die Seele des jüdischen Kindes zutiefst verändert". Interviews der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission in Polen mit Kindern nach dem Holocaust, 1944-1948, in: Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts 7 (2008), 385-400, hier 400.

[2] Vgl. hierzu die zahlreichen erfahrungsgeschichtlichen Beispiele (zum Teil derselben Protagonisten, die von der Verfasserin 60 Jahre später interviewt wurden) in den frühen Überlebensberichten der Jahre 1944 bis 1948 in: Alfons Kenkmann / Elisabeth Kohlhaas: Überlebenswege und Identitätsbrüche jüdischer Kinder in Polen im Zweiten Weltkrieg, in: Feliks Tych u. a. (Hgg.): Kinder über den Holocaust. Frühe Zeugnisse 1944-1948, Berlin 2008, 15-67, hier 20-22. Von der Autorin wurden die Ergebnisse dieses einschlägigen Editionsprojekts zu den polnischen Kinderüberlebenden leider nicht einbezogen.

Rezension über:

Marta Ansilewska-Lehnstaedt: Pole jüdischer Herkunft. Selbstdeutung polnischer Kinderüberlebender des Holocaust (= Studien zu Holocaust und Gewaltgeschichte; Bd. 2), Berlin: Metropol 2019, 389 S., 5 Tbl., ISBN 978-3-86331-479-8, EUR 24,00

Rezension von:
Alfons Kenkmann
Historisches Seminar, Universität Leipzig
Empfohlene Zitierweise:
Alfons Kenkmann: Rezension von: Marta Ansilewska-Lehnstaedt: Pole jüdischer Herkunft. Selbstdeutung polnischer Kinderüberlebender des Holocaust, Berlin: Metropol 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 11 [15.11.2020], URL: http://www.sehepunkte.de/2020/11/33911.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.