sehepunkte 20 (2020), Nr. 12

Detlef Lehnert (Hg.): Revolution 1918/19 in Preußen

Anlässlich ihres 100. Jubiläums hat die Revolution von 1918/19 große publizistische Aufmerksamkeit erfahren. Damit einher ging eine Neubewertung, die das Ereignis aus seinem lange geführten Schattendasein holte und ihm einen angemessenen Platz in der deutschen Erinnerungskultur verschaffte. Dass dabei mitunter über das Ziel hinausgeschossen wurde, indem die Geschehnisse als der "wahre Beginn unserer Demokratie" [1] bezeichnet oder gar ein überschwängliches "Lob der Revolution" [2] angestimmt wurde, ändert nichts an der grundsätzlichen Berechtigung einer Rehabilitierung des Umsturzes von 1918/19. Einen Beitrag zur differenzierten Betrachtung des Revolutionsgeschehens liefert nun der von dem Berliner Politikwissenschaftler Detlef Lehnert herausgegebene Sammelband "Revolution 1918/19 in Preußen. Großstadtwege in die Demokratiegründung".

Wie im Untertitel angezeigt, haben die sieben Aufsätze des Buches (darunter ein einleitender Beitrag des Herausgebers) den Verlauf und die Wahrnehmung der Revolution in den größten preußischen Städten beziehungsweise Ballungsräumen zum Thema. Mit Aufsätzen zur Reichshauptstadt Berlin (Holger Czitrich-Stahl), zur schlesischen Metropole Breslau (Jörg Pache), zu den "SPD-Hochburgen" Hannover und Magdeburg (Detlef Lehnert), zu den Ruhrgebietsstädten Dortmund, Bochum und Gelsenkirchen (Wilfried Reininghaus), zur rheinisch-katholischen Metropole Köln (Peter Steinbach) sowie zum Wirtschafts- und Finanzzentrum Frankfurt am Main (Volker Stalmann) werden in dem Band - mit Ausnahme von Essen, Düsseldorf und (dem 1920 in Groß-Berlin aufgegangenen) Charlottenburg - die zehn größten Kommunen Preußens behandelt. Die hier untersuchte lokale Ebene ist von der Forschung bislang wenig beachtet worden, verdient aber eine nähere Betrachtung, da sich die zentralen Weichenstellungen der ersten Revolutionswochen vielfach unmittelbar auf Städte und Gemeinden auswirkten. So galt das neue Wahlrecht für Männer und Frauen ab 20 Jahren auf Anordnung der preußischen Regierung bereits bei den anstehenden Kommunalwahlen, die zumeist bis zum 2. März 1919 abgehalten wurden. Diese hätten "teilweise sogar nachhaltig mehr" zur Demokratisierung der Kommunalpolitik beigetragen "als die vorausgegangenen Revolutionsmonate selbst" (26), konstatiert Detlef Lehnert. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wurden die städtischen Strukturen nicht von linksradikalen Umsturzversuchen durch Rätebewegungen wie in München oder den Hansestädten Bremen und Hamburg erfasst. Vielmehr waren laut Lehnert die Kommunalorgane von den Trägern der Revolution als "Teil eines Verwaltungsgefüges" (35) wahrgenommen worden, dem primär organisatorische und existenziell wichtige Versorgungsaufgaben, etwa in Bezug auf die Lebensmittelverteilung, zufielen. Daher habe sich die revolutionäre Bewegung darauf konzentriert, den Verwaltungsapparat allein durch Personalergänzung - und eben nicht mittels eines umfassenden Austauschs der Spitzenpositionen - sowie durch Aufsicht seitens der Arbeiter- und Soldatenräte unter Kontrolle zu bringen. "Diese Selbstbeschränkung [...] ließ die Revolution 1918/19 in Preußen als fast durchweg sozialdemokratisch geprägt erscheinen" (35), so Lehnert.

Hinsichtlich der Quellen stützen sich die Beiträge in erster Linie auf eine Auswertung örtlicher Tageszeitungen unterschiedlicher politischer Couleur. Als dem mit einer Gesamtauflage von bis zu 25 Millionen Exemplaren pro Tag zentralen meinungsbildenden Leitmedium dieser Zeit räumen alle Autoren der Zeitung breiten Raum ein. Sie vermittle ein unvergleichlich authentisches und unmittelbares Abbild tagesaktueller Informationen und Meinungen. Ihre Bedeutung zeige sich nicht zuletzt daran, dass im Ringen um die Meinungshoheit "Pressehäuser und Druckereien [...] vielerorts die umkämpftesten Orte der Revolution" (30) gewesen seien. Zeitungen trugen maßgeblich zur Deutung von Gegenwart und Vergangenheit bei. In seinem einleitenden Beitrag hebt Detlef Lehnert den bemerkenswerten Befund hervor, dass sich in einigen der untersuchten Städte schon sehr früh die Dolchstoßlegende, mit der die erst wenige Wochen alte Revolution diskreditiert werden sollte, nachweisen lasse. So druckte etwa die katholische "Kölnische Volkszeitung" bereits am 26. November 1918 einen Leitartikel, in dem die Kriegsniederlage Deutschlands auf einen "tödlichen Dolchstoß aus den eigenen Reihen" (318) zurückgeführt wurde.

Alle Beiträge des Bandes behandeln jeweils chronologisch die unterschiedlichen Phasen der Revolution - von den letzten Kriegstagen Anfang November 1918 über das eigentliche Revolutionsgeschehen und die von den Arbeiter- und Soldatenräten geprägte Übergangsphase bis hin zur Wahl der Nationalversammlung am 19. Januar 1919 sowie zu den von blutigen Unruhen gezeichneten ersten Monate des Jahres 1919. Die Autoren arbeiten dabei auffällige Besonderheiten und etwaige Abweichungen der jeweiligen Stadt beziehungsweise Agglomeration gegenüber der Entwicklung auf Reichsebene heraus. So erschienen beispielsweise in Köln schon Mitte Dezember 1918 erste Artikel in der katholischen Presse, die unter dem Schlagwort "Los von Berlin" die Gründung einer "Rheinisch-Westfälischen Republik" befürworteten (330). Sie bildeten den Auftakt für den bis 1923 wiederholt aufflackernden rheinischen Separatismus, der sich nach den blutigen Ereignissen in Berlin und München 1919 noch verstärkte. Auch die Besetzung der Stadt inklusive des rechten Rheinufers durch britische Truppen habe dafür gesorgt, dass der Kölner Raum "von der Entwicklung des Reiches abgelöst" (310) erschien, wie Peter Steinbach feststellt. Ähnlich war die Situation in Frankfurt, das aufgrund seiner Lage in der entmilitarisierten "neutralen Zone" ebenfalls eine "vom übrigen Reich differierende Sonderentwicklung" (353) erlebte. So konnte sich der mit der örtlichen Stadtverordnetenversammlung konkurrierende Arbeiterrat bis zum Einmarsch der Regierungstruppen im September 1919 halten und als Exekutivorgan "tatsächliche Macht ausüben" (397). Detlef Lehnerts Urteil zufolge kann Frankfurt dennoch als diejenige Regionalmetropole angesehen werden, die am "ehesten [als] pars pro toto" (34) für die Gesamtentwicklung in Preußen stehe - mit einer SPD als führender Massenkraft und einem intakten linksliberalen Bürgertum.

Indem er mittels Tiefenbohrungen in ausgewählten Großstädten die bislang wenig beachtete kommunale Ebene in den Blick nimmt, bildet der Sammelband einen wertvollen Beitrag zum erweiterten Verständnis der umstürzenden Ereignisse der Jahre 1918/19. Er bietet sowohl regionalgeschichtlich an einzelnen Städten interessierten Lesern als auch den zur Revolution 1918/19 im Allgemeinen forschenden Historikern neue Einsichten. Um ein noch umfassenderes Zeitbild jener Umbruchsmonate zu gewinnen, wäre bei einigen der Beiträge eine stärkere Einbeziehung von Quellen jenseits der gedruckten Presse wünschenswert gewesen (etwa archivalische Quellen oder autobiografische Zeugnisse). Dieser Kritikpunkt schmälert jedoch nicht wesentlich den positiven Gesamteindruck eines quellengesättigten und flüssig geschriebenen Bandes.


Anmerkungen:

[1] Wolfgang Niess: Die Revolution von 1918/19. Der wahre Beginn unserer Demokratie, Berlin u. a. 2017.

[2] Lars-Broder Keil / Sven Felix Kellerhoff: Lob der Revolution. Die Geburt der Demokratie in Deutschland, Darmstadt 2018.

Rezension über:

Detlef Lehnert (Hg.): Revolution 1918/19 in Preußen. Großstadtwege in die Demokratiegründung (= Historische Demokratieforschung; Bd. 15), Berlin: Metropol 2019, 397 S., eine s/w-Abb., ISBN 978-3-86331-464-4, EUR 24,00

Rezension von:
Marcel Böhles
Deutsches Historisches Museum, Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Marcel Böhles: Rezension von: Detlef Lehnert (Hg.): Revolution 1918/19 in Preußen. Großstadtwege in die Demokratiegründung, Berlin: Metropol 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 12 [15.12.2020], URL: http://www.sehepunkte.de/2020/12/34038.html


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