Rezension über:

Jan Caeyers: Beethoven. Der einsame Revolutionär, 4. Auflage, München: C.H.Beck 2017, XII + 833 S., 47 s/w-Abb., 24 Notenbeispiele, ISBN 978-3-406-74941-4, EUR 25,00
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Christine Eichel: Der empfindsame Titan. Ludwig van Beethoven im Spiegel seiner wichtigsten Werke, München: Karl Blessing Verlag 2019, 432 S., ISBN 978-3-8966-7624-5, EUR 22,00
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Rezension von:
Tobias Janz
Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Fabian Kolb
Empfohlene Zitierweise:
Tobias Janz: Zu den Beethoven-Biografien von Jan Caeyers und Christine Eichel (Rezension), in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 3 [15.03.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/03/34024.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Ludwig van Beethoven (1770-1827)" in Ausgabe 21 (2021), Nr. 3

Zu den Beethoven-Biografien von Jan Caeyers und Christine Eichel

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Vielleicht ist es nicht Zeichen mangelnder Originalität, sondern sicheren Gespürs für marktgängige Produktnamen, dass die hier zu besprechenden Bücher Variationen derselben rhetorischen Figur im Titel führen. Die spannungsvolle Zusammenstellung irgendwie widersprüchlicher Zuschreibungen soll den ganzen Menschen Beethoven mit einem Schlag vor Augen führen, gleichzeitig variiert die Formel in beiden Formulierungen nur den fest etablierten Markenkern des leidenden Genies. Eine akademische Diskussion darüber, welches der beiden Oxymora das treffendere ist, ob es sich überhaupt um passende Charakterisierungen des historischen Beethoven oder nicht vielmehr um Stereotype der Rezeption handelt, ginge an Zweck und Funktion solcher Titel vorbei. Beliebig sind die gewählten Formulierungen allerdings nicht, denn Jan Caeyers' Biografie akzentuiert mehr den politischen und kulturellen Kontext von Beethovens Leben, während Christine Eichel die Gattung der Biografie als Auseinandersetzung mit den inneren Dramen des Menschen auffasst.

Caeyers' Beethoven erschien in erster Auflage bereits vor zwölf Jahren, wurde anlässlich des Jubiläumsjahres aber überarbeitet, aktualisiert und mit einem Geleitwort des neuen Präsidenten des Bonner Beethovenhauses, Daniel Hope, versehen. Man kann und soll in dem Buch so etwas wie die 'offizielle' Biografie zum 250. Geburtstag sehen. Zumindest ist es das umfang- und materialreichste Buch, das heute auf der Grundlage des Stands der Beethovenforschung umfassend über das Leben des Komponisten informiert. Es hat diese Position auch deshalb einnehmen können, weil die Musikwissenschaft dem Genre der Künstlerbiografie ausgerechnet im Falle Beethovens traditionell ausweicht, ein Phänomen, über das Carl Dahlhaus am Beginn seines Beethovenbuchs von 1987 schon nachgedacht hatte und das heute auf unterschiedliche Weise die Beethovenbücher von Martin Geck oder Hans Joachim Hinrichsen kennzeichnet. Paradigmatisch stehen sie einerseits für eine im schillerschen Sinne "sentimentalische" Herangehensweise, die den übermächtigen Beethovenmythos als Teil des Gegenstandes mit reflektiert und dabei den Rahmen der bloßen Biografie sprengt, andererseits für eine Auseinandersetzung mit dem Komponisten, die Gewinn aus einer historisch argumentierenden Negation traditioneller Beethoven-Mythologeme schlägt. Caeyers geht demgegenüber den Weg einer "naiven" Biografik, was angesichts der musikwissenschaftlichen Fixierung auf die Dekonstruktion des heroischen Beethovenbildes durchaus auch etwas angenehm Entspanntes hat.

Thema ist bei Caeyers vor allem das Leben und weniger das Werk. Ausführlich und manchmal mit einem Hang zum Anekdotischen wird erzählt, was man heute über Beethovens Lebensgeschichte weiß, eingebettet in Schilderungen des politischen und kulturgeschichtlichen Hintergrundes. Es ist der Versuch, in gelegentlich beinahe filmischem Realismus dem nahezukommen, was sich damals tatsächlich zugetragen hat. Wie im historischen Roman weiß der Erzähler viel, etwa, dass es bei Beethovens Ankunft in Wien am Samstag, den 10. November 1792 "zwar nicht besonders kalt [war], aber unter der dichten Wolkendecke [...] die Stadt ungemütlich, ja unwirtlich [wirkte]" (118). Geschickt mischt sich hier historisches Wissen mit subjektiven Assoziationen, bei denen bewusst offen gelassen wird, was davon einem historischen Zeugen, was dem Autor und was der Imaginationskraft des Lesers zuzuordnen wäre. Literarische Tricks wie diese helfen, den historischen Dokumenten und Quellen Leben einzuhauchen, und es wundert nicht, dass Caeyers' Biografie als Inspirationsquelle für Niki Steins Filmbiografie Louis van Beethoven genannt wird, die Ende 2020 im deutschen Fernsehen lief.

Ein auffallendes Mittel von Caeyers' historischem Realismus ist das Spielen mit kontrafaktischen Alternativerzählungen. Immer wieder führt er vor Augen, wie Beethovens Lebensgeschichte - und damit die Musikgeschichte - hätte verlaufen können, wenn sich die Dinge anders entwickelt hätten: wenn der Bonner Hof sich nicht in Richtung Wien orientiert hätte; wenn, entgegen der von Caeyers vertretenen Hypothese, Beethoven auf der Berlinreise 1796 nicht von einem Floh gebissen und mit dem Typhuserreger infiziert worden wäre (was dann die fatale Krankengeschichte des Komponisten in Gang setzte, 165); wenn Josephine Brunsvik Beethoven geheiratet hätte; wenn Beethoven nach London ausgewandert wäre. Solche kontrafaktischen Ausblicke sind nicht nur reizvolle Spielereien, vermitteln nicht nur ein Bewusstsein der Kontingenz von Geschichte, sie sollen der Erzählung auf ihre Weise auch Glaubwürdigkeit und Lebensnähe verleihen. Bezeichnenderweise tun sie das so, dass der verlegerische Buchtitel vom einsamen Revolutionär geradezu widerlegt wird, denn Beethoven erscheint hier nicht als heroischer Tatmensch, sondern als von historischen - und sogar biologischen - Zufällen im Leben hin und her geworfenes Individuum.

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema der unsterblichen Geliebten durch Caeyers' Biografie. Auch wenn er sich bemüht, andere Auffassungen zu Wort kommen zu lassen, folgt er vor allem doch der von Rita Steblin jüngst vertretenen These, Josephine Brunsvik sei die "unsterbliche Geliebte" und die große Liebe in Beethovens Leben gewesen. Dem schließen sich zahlreiche Kommentare zum Werk an, nicht nur dort, wo - wie beim Andante favori WoO 57 - der biografische Bezug belegt ist, sondern auch dort, wo man nur spekulieren kann wie im Falle der Sonaten op. 57 und op. 96 (vgl. 345 und 485) oder wo in der aktuellen Diskussion mit guten Gründen andere Positionen vertreten werden. Der Liederzyklus An die ferne Geliebte op. 98 ist für Caeyers eine persönliche künstlerische Auseinandersetzung mit dem Josephine-Komplex, wobei er die Auffassung (von Birgit Lodes) unterschlägt, es habe sich um eine Auftragsarbeit für den Fürsten Lobkowitz gehandelt und eigentlich sei dessen Frau gemeint. Gut möglich, dass beide Auffassungen im Sinne einer Doppelcodierung ihren wahren Kern haben. Wer das Beethovenjahr zum Anlass nimmt, biografische Neuerscheinungen miteinander zu vergleichen, macht an solchen Stellen aber die Feststellung, dass Biografen Entscheidungen treffen, dass Erzählungen perspektivisch gefärbte Darstellungen möglicher Vergangenheiten und keine Abbildungen der historischen Wirklichkeit sind.

Christine Eichel will in ihrem Buch sehr viel. Verglichen mit Caeyers hat ihre Monografie deutlicher den sentimentalischen Zug der akademischen Beethovenliteratur. Die Einleitung beginnt mit dem Blick auf das, was in den 200 Jahren seit Beethovens Tod aus seinem Erbe geworden ist. Eichel beobachtet gegenwärtig aber auch eine Tendenz zur Gleichgültigkeit und das Ziel ihrer Biografie ist es, dieses achselzuckende Zur-Kenntnis-Nehmen wieder in ein echtes Interesse an Beethoven zu verwandeln. Sie versucht, dies mit einer doppelten Kommunikationsstrategie zu erreichen, was allerdings zu einer eigentümlichen Spannung im Buch führt. Einerseits wird ganz offensichtlich ein Publikum angesprochen, das erst an den Gegenstand herangeführt werden muss und das mit Beethoven nur die allerbekanntesten Werktitel verbindet - Für Elise, Mondscheinsonate, Ode an die Freude. Andererseits rechnet die Autorin durchaus mit akademisch geschulten, bildungsaffinen Leserinnen und Lesern: Wer mit einem beiläufigen Verweis auf Präsenzkultur und Sinnkultur bei Hans Ulrich Gumbrecht (34) etwas anfangen kann, möchte vielleicht nicht allzu sehr an die Hand genommen werden. Oder doch?

Anders als Caeyers folgt Eichel nicht der Chronologie, sie erzählt von Beethovens Leben in sechs Kapiteln, die Beethovens "wichtigste Werke" ins Zentrum stellen: op. 27/2, op. 55, WoO 59, op. 67, op. 129, op. 125 - drei Symphonien, eine Klaviersonate und zwei kleine Klavierstücke. Diese wenn nicht wichtigsten, so doch populärsten Stücke Beethovens (über das Capriccio "Die Wut über den verlorenen Groschen" könnte man hier streiten, ein eigenes Kapitel erhält es wohl nur, weil sich so die Themen Geld und Humor gut einfädeln lassen) dienen gewissermaßen als Köder, um den Leser in durchaus anspruchsvolle Auseinandersetzungen mit Leben und Werk hineinzulocken. Die Strategie des ausgeworfenen Köders lässt sich bis in die Textstruktur hinein verfolgen, denn Eichel beginnt die Kapitel mit narrativen Sequenzen, die - betont auf dem Stilniveau eines Unterhaltungsromans - biografische Szenen in aller Lebendigkeit vor Augen führen sollen. Das Buch beginnt auf diese Weise unmittelbar mit dem Klavierduell zwischen Beethoven und dem Abbé Gelinek. Eichel erzählt im narrativen Präsens, sie scheut sich nicht, als wissende Erzählerin die subjektive Innenperspektive Beethovens einzunehmen: "Noch immer verharrt er unschlüssig vor dem Palais Kinsky. Warum hat er sich bloß auf dieses unwürdige Schauspiel eingelassen?" (11). Der Tonfall ist auch jenseits dieser fiktiven Füllsel locker, anschaulich, kommunikativ. "Eine revolutionär gestimmte Symphonie in der Herzkammer des Wiener Adels ist ein trojanisches Pferd in musikalischer Gestalt" (130) lautet ein charakteristischer Satz, dessen merkwürdige Türmung von Sprachbildern den Lesefluss nur vorübergehend bremst. Und die Autorin scheut auch vor greller Überzeichnung nicht zurück: Den Bruch mit dem Fürsten Lichnowsky, den Caeyers distanziert mit Hinweis auf finanzielle Engpässe des Mäzens einordnet, schildert Eichel als handfeste Verfolgungsjagd und Prügelei zwischen Fürst und Musiker im Stil eines Kostümfilms. Frei erfunden ist dies nicht, es gibt anekdotische Belege aus dritter Hand. Welches Gewicht man der Quellenkritik geben und was man dem Leser als historische Wirklichkeit präsentieren will, ist auch hier aber eine Frage der Entscheidung und der dahinterstehenden Interessen. Für Caeyers gehört die Szene ins Reich der Legende.

Was bei Caeyers (dem Mann?) die Josephine-Thematik ist, ist für Eichel (die Frau?) die familiäre Situation des jungen Beethoven. Während (der Belgier...) Caeyers der flämischen Familienvorgeschichte viel Raum gibt und sie in durchaus positivem Licht schildert, malt Eichel Beethovens Bonner Jugend in düsteren Farben. Schon der Großvater ist keine Figur, über die sie viel Gutes zu berichten weiß, vor allem aber Vater und Mutter werden als negative Faktoren für Beethovens Persönlichkeitsentwicklung gezeichnet: Johann als trinkender und prügelnder Vater, der seinen Sohn mit einer "schwarzen Pädagogik" quält, Maria Magdalena als depressive Mutter. Eichel wendet sich damit gegen Darstellungen wie die Eleonore Bünings, die die Bonner Jahre wenn nicht als Idyll, so doch jedenfalls nicht als grundsätzlich schwierigen Start ins Leben schildern. Eichel zieht aus ihrer Interpretation der familiären Situation weitgehende Schlussfolgerungen, die nicht nur die komplizierte Persönlichkeitsstruktur des Erwachsenen, sondern auch sein Werk und sogar medizinische Aspekte wie die wiederkehrenden Darmbeschwerden Beethovens betreffen. Bindungsunfähigkeit, ein selbst auferlegtes Heiratsverbot (203), mögliche homoerotische Neigungen, Unbotmäßigkeit und Nonkonformismus, Alkoholsucht, Unwertgefühle, Depression und Verwahrlosung - all das führt Eichel in Orientierung an der Psychologin Alice Miller (80ff.) auf frühkindliche negative Erfahrungen zurück. Die Improvisation am Klavier erscheint in dieser Perspektive als Ventil und musikalische Fluchtmöglichkeit des Kindes, und noch die Toleranz des erwachsenen Beethoven gegenüber falschen Noten begreift Eichel als Inversion des väterlichen Drills.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich hier ein traditionelles und ein moderneres Modell populärer Musikerbiografik gegenüberstehen - hier das realistisch gezeichnete historische Panorama auf breiter Quellenbasis, dort die zugespitzte psychologisierende Deutung. Die Musik ist in beiden Biografien eher ein Nebenthema, Caeyers' Darstellung merkt man an vielen Stellen den Erfahrungsschatz des Dirigenten an, während Eichels Äußerungen zur Musik bisweilen unter ihrer Neigung zu schrillen Zuspitzungen leiden. Dass Symphonien vor der Eroica einem "gewissen Determinismus" folgten (124), ist ebenso übertrieben wie die darauf folgende Feststellung, dass in der Eroica gar keine traditionelle Regel mehr gelte oder sich die Musik der fünften Symphonie durch "regellose Komplexität" (232) auszeichne. Aussagen wie diese sind auf unbekümmerte Weise oberflächlich. Wer es hinsichtlich der Musik genau wissen will, sollte deshalb besser zu den 'professionellen' Monografien von Geck oder Hinrichsen greifen. Wer gut lesbare und informative biografische Lektüre sucht, wird von beiden Büchern nicht enttäuscht sein. Eichels Buch ist das etwas wildere Gegenstück des seriöseren Caeyers.

Tobias Janz