Rezension über:

The Postclassicisms Collective: Postclassicism, Chicago: University of Chicago Press 2020, XIII + 236 S., 4 s/w-Abb., ISBN 978-0-226-67228-1, USD 32,50
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Rezension von:
Jonas Grethlein
Seminar für Klassische Philologie, Universität Heidelberg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Jonas Grethlein: Rezension von: The Postclassicisms Collective: Postclassicism, Chicago: University of Chicago Press 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 3 [15.03.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/03/35021.html


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The Postclassicisms Collective: Postclassicism

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Postclassicisms ist ein Manifest. Das zeigt sich bereits an der besonderen Form der Autorschaft: Neun namhafte Altertumswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die Mehrheit aus der Gräzistik, haben den Band als Kollektiv verfasst: Alastair Blanshard, Simon Goldhill, Constanze Güthenke, Brooke Holmes, Miriam Leonard, Glenn Most, James Porter, Phiroze Vasunia und Tim Whitmarsh. Auch wenn der Philologe bisweilen die individuelle écriture des einen oder der anderen zu erkennen meint, bezeugt der in allen Kapiteln einheitliche Stil die kollektive Autorschaft. Der Anspruch des Bands ist hoch (3): "This book is an experiment in rethinking classics by introducing new critical concepts".

Dieser Anspruch wird breit entfaltet in einem Vorwort und einer Einleitung des als Einleitung titulierten ersten Teil des Buchs. In diesem ersten Teil stellt das Autorenkollektiv drei 'concepts' vor, die grundlegend für die Neuorientierung der Disziplin Classics seien: Erstens 'Value', der affektiv-ästhetische Wert, den Altertumswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler ihrem Untersuchungsgegenstand geben. Die Texte und Artefakte aus der griechisch-römischen Antike sind nicht mehr 'klassisch', aber sie haben einen Wert für uns, den es zu bestimmen gelte.

Zweitens 'Time': Gegen die genealogische Anbindung der Gegenwart an die Antike im Konservatismus oder revolutionäre Absetzbewegungen setzen die Autorinnen und Autoren vor allem das Konzept der 'untimeliness', mit dem sie im Bewusstsein, wie sehr ihre eigene Position in vielerlei Hinsicht durch ihre Zeit bedingt ist, die Antike betrachten wollen.

Drittens 'Responsibility': Altertumswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler haben, so das Kollektiv, eine Verantwortung sowohl gegenüber dem antiken Material als auch gegenüber ihrer eigenen Gesellschaft. Sie müssten ihre Untersuchungsgegenstände für die Öffentlichkeit kuratieren, dadurch würde auch der Wert der Antike für die Gegenwart bestimmt.

Bilden 'Value', 'Time' und 'Responsibility' das konzeptionelle Korsett des Buchs, sind die im zweiten, längeren Teil verhandelten Konzepte aus 'taktischen' Gründen gewählt (x): "We have sought concepts that would take us to sites of maximum contestation in the field while ideally opening up unexpected perspectives on the questions and problems at stake": 'Agency', 'Discipline', 'God', 'Human', 'Knowing', 'Materiality', 'Situatedness', 'Untimeliness', 'World'.

Die zentrale Frage des Bands ist, wenn auch nicht neu, so doch wichtig: Welchen gesellschaftspolitischen Wert können die Altertumswissenschaften für sich beanspruchen, nachdem die griechisch-römische Antike in Europa und Nordamerika ihre kulturelle Schlüsselrolle verloren hat? Im Begriff der 'Postclassicisms', stellenweise auch im Singular gebraucht, kristallisiert sich der enge Bezug des Programms zum 'Classicism'. Zum einen will das Autorenkollektiv 'Classics' nicht auf eine historische Kontextualisierung antiker Texte und Artefakte beschränkt sehen; es teilt die Neigung vieler angloamerikanischer Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die politische Relevanz des eigenen Tuns hoch zu veranschlagen. Zum anderen stehen die liberalen Werte, welche die Autorinnen und Autoren reflexionslos voraussetzen, im Widerspruch zum 'Classicism' der elitären, weißen Männer, welche die Antike nutzten, um ihre soziopolitische Stellung zu legitimieren.

Erstaunlich ist, dass ein Band, der 'Value' und 'Time' gemeinsam mit 'Responsibility' zu den Koordinaten für eine Neuausrichtung der Altertumswissenschaften erklärt, die Diskussionen des Historismus ignoriert. 'Historicism' ist im Index ein Unterlemma unter dem Eintrag 'historiography', auf bizarre Weise eingeklemmt zwischen 'great man history' und 'homohistory'. Wenn das Autorenkollektiv den Historismus erwähnt, dann reduziert es ihn auf die historische Kontextualisierung und die enzyklopädische Erschließung des antiken Materials. Aber Droysen, Dilthey, Meinecke und andere Gelehrte haben über Geschichtlichkeit in einer Tiefe reflektiert, vor der die Gedanken des Kollektivs über 'situatedness' und 'world' flach wirken. In ähnlicher Weise hätten die Betrachtungen zur Wertfrage in den Altertumswissenschaften von einer Auseinandersetzung mit Max Webers einschlägigen Schriften profitiert, wahrhaftig kein Arkanum der deutschen Wissenschaftsgeschichte ...

Keinen Gefallen tut sich das Autorenkollektiv mit seiner hypertrophen Rhetorik. Das Vorwort, die Einleitung mit der Einleitung zur Einleitung und ein "Postscript: on Collaborating" bauen die ganz große Bühne auf, die dann nicht gefüllt werden kann. Einige Beiträge sind anregend, etwa der Versuch, im Lichte antiker Reflexionen über die Spannung nachzudenken, die zwischen der poststrukturalistischen und materialistischen Entthronung des Subjekts und der Notwendigkeit von Verantwortlichkeit für eine Ethik entstanden ist (47-64). Auch die Überlegungen zum Verhältnis des Menschen zu anderen Entitäten zeigen, wie antikes Material auf die Gegenwart konzentrierten Theorien, hier dem Posthumanismus, eine historische Perspektive eröffnen kann (100-112). Doch greifen die Autoren auch hier auf Arbeiten zurück, die ohne das Label der Post-Classicisms entstehen konnten.

Das Autorenkollektiv beschreibt präzise den Platz der Altertumswissenschaften in der Gegenwart, viele seiner Überlegungen sind treffend und dürften den meisten Altertumswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern sofort einleuchten. Aber eingeführt als "an experiment in rethinking classics by introducing new critical concepts" sind sie enttäuschend. Braucht das Fach die Aufforderung, auch spätantike christliche Texte zu lesen (85) und komparatistisch zu arbeiten (195)?

Stellenweise liest sich das Buch wie ein Drittmittelantrag; die Dichte an Plattitüden ist hoch, hier ein paar Kostproben:

"It is only by situating ourselves in our dynamic and many-layered presents that the past can have any value at all" (44); "The techniques of philology [...] are important because they transport us out of the myopia of the present into genuinely other thought worlds with the capacity to help us inhabit the present in ways more conducive to our own flourishing and that of others" (64; auch Gadamer scheint auf dem Index des Autorenkollektivs zu stehen); "'Situatedness' recognizes that criticism takes shape not as the calm critical gaze of the scholar at a distanced object but as an engaged, self-implicating, and responsible activity within these triangulated matrices" (159); "What is needed now is a postphilology for the post-age" (188).

Im Postscript beschreiben die Autoren wortreich den Prozess des gemeinsamen Schreibens und vermuten, eine solche Form der Kooperation sei essentiell, um die Kräfte der Antike für ein besseres Verständnis der Gegenwart zu mobilisieren (204). Der Rezensent bekennt, dass er diese Aufgabe für sehr wichtig hält, aber von allen neun Autoren des Kollektivs bereits individuell verfasste Abhandlungen gelesen hat, die ihm erhellender als dieser Band schienen.

Jonas Grethlein