sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8

Volker Koop: Kai-Uwe von Hassel

Ein kurzer Blick in die Hassel-Biografie von Volker Koop genügt, um festzustellen: Eine wissenschaftliche Biografie hat der Leser nicht in der Hand, denn der Autor kommt mit 14 Seiten Anmerkungen sowie zwei Seiten Literatur- und Quellenverzeichnis aus. So muss man sein Werk als das nehmen und rezensieren, was es ist: als Sachbuch. Weil Koop nicht den Anspruch erhebt, eine wissenschaftliche Biografie vorzulegen, liegt darin auch kein Problem.

Vor kurzem hat Volker Ullrich in der Zeit darauf hingewiesen, dass an Werken, die keine Rücksicht auf die Bedürfnisse der Leser nehmen, allenfalls einige Spezialisten Gefallen finden können. [1] Die "Kultur des Erzählens" sei verloren gegangen, die "Distanz zwischen Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit" habe sich vergrößert. Dieser zugespitzten These muss man nicht uneingeschränkt zustimmen - und erst recht nicht seiner scharfen Kritik an der Ebert-Biografie von Walter Mühlhausen -, aber in einem Punkt ist die Einschätzung nicht verfehlt: Eine Biografie muss verständlich und gut geschrieben sein, sie sollte "erzählen" können, sich nicht in der Aneinanderreihung von Details erschöpfen und ein breiteres Publikum erreichen. Eine wissenschaftliche Abhandlung kann das leisten, aber durchaus auch die Form der Darstellung, wie Koop sie gewählt hat.

Gleichwohl hat Volker Koop nicht auf die Verwendung unveröffentlichter Quellen verzichtet. Er hat unter anderem Material aus dem Archiv der Konrad-Adenauer-Stiftung, dem Landesarchiv Schleswig-Holstein und dem Privatarchiv der Witwe von Kai-Uwe von Hassel herangezogen. Dieses Quellenstudium ist lobenswert, die Literaturauswahl ist jedoch nicht befriedigend, da sich kein einschlägiges Werk zur Geschichte der Bundesrepublik findet. Das ist nicht leicht zu verstehen, denn Koop lässt den historischen Kontext immer wieder in seine Darstellung einfließen. Grundsätzlich hat er den richtigen Weg eingeschlagen, woher er allerdings seine Informationen bezieht, bleibt unklar, zumal auch die Hassel-Biografie von Mark Speich, eine Bonner Dissertation aus dem Jahr 2001, keine Erwähnung findet.

Ohne Zweifel ist eine Biografie über Kai-Uwe von Hassel verdienstvoll. Hassel, der 1913 in Deutsch-Ostafrika geboren wurde und den Beruf des Tropenlandwirts anstrebte, hat eine ungewöhnliche Karriere absolviert. Der Politik stand er zunächst fern. Erst die Monate, die er 1945 in britischer Kriegsgefangenschaft verbrachte, haben den "Grundstein für den homo politicus" gelegt, wie Koop zeigen kann (23). In weniger als zehn Jahren stieg Hassel zum schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten auf (seit 1954). Ein Biograf muss diesen rasanten Sprung erklären können. Hassel vollzog seine Laufbahn offensichtlich im Gefolge von Friedrich Wilhelm Lübke, der im nördlichsten Bundesland seit 1951 das Amt des Regierungschefs bekleidete und zugleich Vorsitzender der schleswig-holsteinischen CDU war. Hier wäre eine ausführlichere Untersuchung hilfreich gewesen. Wie kam Hassel mit Lübke zusammen, welche seiner Fähigkeiten und Eigenschaften führten zu der Annahme, den noch recht jungen Mann - bei der Wahl zum Ministerpräsidenten war er gerade einmal 41 Jahre alt - mit Führungsfunktionen betrauen zu können?

In insgesamt zwölf Kapiteln stellt der Autor seinen "Helden" vor, wobei er chronologisch vorgeht, aber auch thematische Schwerpunkte setzt, die aus der Abfolge der Geschehnisse herausfallen (etwa das Kapitel über die europapolitischen Vorstellungen Hassels und das über sein Verhältnis zur CDU). Besonders gut gelungen sind die Abschnitte, in denen sich Koop mit dem Christen Kai-Uwe von Hassel beschäftigt, der mit der Gründung der Hermann-Ehlers-Stiftung das Gewicht des evangelischen Teils der Union stärken konnte, sich aber zugleich im Konflikt mit der evangelischen Kirche befand. Immer wieder kritisierte Hassel die Politisierung des kirchlichen Lebens, und er stand damit nicht allein. Auch anderen prominenten Politikern aus den Reihen der Union und der SPD war das politische Engagement der Kirchen, insbesondere der evangelischen Kirche, ein Dorn im Auge. Hier sei an Bundespräsident Karl Carstens und Bundeskanzler Helmut Schmidt erinnert.

Die Ausführungen zur Außenpolitik vermögen dagegen nicht voll zu überzeugen. Wenn Hassel die "Vision" einer europäischen Friedensordnung mit einem vereinigten Deutschland hatte (174), worin unterscheidet er sich dann von Willy Brandt? Die Darstellung zur sogenannten Nahost-Krise bricht abrupt ab (117-120). Dass die Bundesrepublik 1955 eine "gewisse" Souveränität erhielt (125), trifft den Sachverhalt nicht. Zu unkritisch ist Koop, wenn er darlegt, der Verteidigungsminister habe vor Schwierigkeiten gestanden, die er "überhaupt nicht lösen konnte" (132). Hier wäre eine differenzierte Antwort auf die Frage nötig gewesen, welchen Anteil Hassel an der Bundeswehr-Krise hatte.

Es ist Koop ein besonderes Anliegen, zu fragen, "was Kai-Uwe von Hassel bewirkt hat, was von ihm geblieben ist" (8). Das ist prinzipiell richtig, denn vielen Bundesbürgern dürfte sein Name gar nicht mehr oder kaum noch bekannt sein. Um der Bedeutung, die Hassel für die Geschichte der Bundesrepublik besitzt, gerecht zu werden, greift der Verfasser immer wieder zu der Methode, Äußerungen und Verhaltensweisen dieses Politikers als vorbildlich für die (damalige und) heutige Zeit herauszustellen. Dass uns frühere Politiker auch heute noch viel sagen können und ihrer Zeit zum Teil voraus waren, ist unbestritten. An dieser Stelle sei nur an Kurt Biedenkopf erinnert, der schon 1976 von der Notwendigkeit der "Neustrukturierung des sozialen Systems" sprach und dies als eines der "eigentlichen Probleme" des Landes beschrieb. [2] So war Hassels Engagement für die Dritte Welt durchaus modern und zukunftsweisend. Doch nicht jede Handlung des "Wert-Konservativen", als den Koop ihn charakterisiert (9), ist dazu angetan, positiv aufgenommen zu werden. Und nicht jede Aussage ist gleich ein Vermächtnis für die Nachwelt. Nur weil er für einen Bürokratieabbau plädierte, muss man sich heute nicht mehr an ihn erinnern.

In formaler Hinsicht fällt auf, dass Koop einige Flüchtigkeitsfehler unterlaufen sind; Personennamen sind davon ebenso betroffen wie Jahreszahlen. Hier nur einige Beispiele: Hermann Schmitt-Vockenhausen, nicht Jürgen Schmidt-Vockenhausen (Tafelteil, Bild 18); Liselotte, nicht Lieselotte Funcke (188); Richard Jaeger, nicht Jäger (189); Papst Pius VI. konnte Hassel nicht empfangen, er starb bereits 1799 (Tafelteil, Bild 26); der Nachfolger von Bundespräsident Heuss wurde 1959 gewählt, nicht 1961 (51); die Spiegel-Krise war ein Ereignis des Jahres 1962 (nicht 1956 und nicht 1963) (126); Nachfolger von Eugen Gerstenmaier als Bundestagspräsident wurde Hassel 1969 und nicht 1963 (Tafelteil, Bild 13); bis 1976 war Hassel Vizepräsident des Bundestags, nicht bis 1986 (312). Im Übrigen muss man, es sei dem Rezensenten nachgesehen, Henri (nicht Henry) Nannen nicht als "Legende" (175) bezeichnen.

Koops Verdienst liegt darin, an einen wichtigen schleswig-holsteinischen und bundesdeutschen Nachkriegspolitiker erinnert und einen Grundstein für die weitere Beschäftigung mit Kai-Uwe von Hassel gelegt zu haben, die - das zeigt sein Buch - sehr gewinnbringend sein kann.


Anmerkungen:

[1] Volker Ullrich: Die schwierige Königsdisziplin, in: Die Zeit vom 4.4.2007. 52.

[2] Archiv der Gegenwart vom 17.12.1976, 20665.

Rezension über:

Volker Koop: Kai-Uwe von Hassel. Eine politische Biographie, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2007, 318 S., 32 Abb., ISBN 978-3-412-10006-3, EUR 24,90

Rezension von:
Tim Szatkowski
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Tim Szatkowski: Rezension von: Volker Koop: Kai-Uwe von Hassel. Eine politische Biographie, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8 [15.07.2007], URL: https://www.sehepunkte.de/2007/07/12826.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.