sehepunkte 8 (2008), Nr. 9

Mark W. Clark: Beyond catastrophe

Mit seiner Studie "Beyond catastrophe" trägt der US-amerikanische Historiker Mark W. Clark zur intellectual history der frühen Nachkriegszeit in Deutschland eine Darstellung bei, die zwar kaum methodisch, aber inhaltlich über ein innovatives Potenzial verfügt. Das schmale, aber ambitionierte Buch versucht für das Deutschland des ersten Jahrzehnts nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes exemplarisch das Wirken und den Einfluss desjenigen Teils der älteren Nachkriegsgeneration zu evaluieren, der sich vom Nationalsozialismus nicht hatte vereinnahmen lassen oder sich offen gegen ihn gestellt hatte.

Dazu greift sich Clark die bekannten Nachkriegsintellektuellen Friedrich Meinecke, Karl Jaspers, Thomas Mann und Bertolt Brecht heraus, denen er aufeinanderfolgend jeweils ein Kapitel des Hauptteils widmet. Somit lenkt er den Blick auf ein kleines Spektrum äußerst renommierter Gelehrter und Schriftsteller, die sich hinsichtlich ihrer Disziplinenzugehörigkeit und Einstellungen teilweise beträchtlich voneinander unterschieden. Zum einen nimmt Clark diese variantenreiche Zusammenstellung von Vertretern deutscher Kultur und Geisteswissenschaft aus dem östlich-sozialistischen und dem westlich-demokratischen Lager vor. Dieser deutsch-deutsche Bezug folgt einem Trend, der in der angelsächsischen Historiografie zur politischen Kultur in den deutschen Teilgebieten und Teilstaaten nach 1945 festzustellen ist. [1] Zum anderen weisen die Ausführungen zu den - von Lernprozessen gekennzeichneten - Biografien der Exponenten des traditionellen Bildungsbürgertums auch auf die ganz eigenen Spezifika ihrer politisch-kulturellen Haltungen hin.

Nach längeren biografischen Rückblenden konzentriert sich Clark auf die Wirkungsgeschichte der vier Kulturträger in den Jahren von 1945 bis 1955. Ihre Deutungsangebote der jüngsten Vergangenheit und ihre Zeitdiagnosen legt er differenziert dar, indem er die in ihnen noch enthaltenen Aspekte einer latenten Distanz zur politisch-kulturellen Moderne aufzeigt und zugleich die Neuorientierungen ihres geistig-kulturellen und politischen Standorts deutlich zu machen versucht. Ausführlich beschreibt Clark, wie abträglich die Bedingungen im Deutschland der Nachkriegszeit für ihre Erneuerungsbemühungen waren. Auf der Hand liegt zunächst, dass sich diese Angehörigen der Kulturelite, die nach öffentlicher Aufarbeitung der Vergangenheit strebten, innerhalb der deutschen Nachkriegsgesellschaft in einer Minderheitenposition befanden.

Im schmalen Zeitfenster der Besatzungsherrschaft sei die Aufnahmebereitschaft für ihre Stellungnahmen und kulturpolitischen Auftritte noch am größten gewesen. Als der Gedanke der "reeducation" ab 1948 in den Hintergrund trat, habe die politische und kulturelle Öffentlichkeit auf ihre Stimmen jedoch zunehmend abweisend reagiert (168): In dieser Phase der "Modernisierung unter konservativen Auspizien" [2], so argumentiert Clark, hätten die weltanschaulichen Programmatiken und die strategischen Ziele des Kalten Krieges einer Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit im Wege gestanden. Außerdem habe sich in West- und Ostdeutschland die Aufmerksamkeit der Alliierten, der ersten deutschen Politikerriege und der Bevölkerung vorrangig auf den politisch-institutionellen und den wirtschaftlichen Wiederaufbau gerichtet.

Im Gegensatz dazu sei die Erneuerung und Revitalisierung der kulturellen Fundamente nach dem "Zivilisationsbruch" [3] das zentrale Anliegen der von Clark untersuchten Intellektuellen gewesen. Ihre Deutungen der jüngsten Vergangenheit hätten darin übereingestimmt, dass sie eine kulturelle Krise des Westens im Allgemeinen und Deutschlands im Speziellen als den tieferen Grund für die Ermöglichung des "Dritten Reiches" ansahen. Mit diesem kulturgeschichtlichen Erklärungsparadigma hätten sie, auch in selbstkritischer Absicht, besonders den gebildeten Kreisen eine schwere Mitschuld am Aufstieg der Nationalsozialisten zugewiesen.

Ihr Interpretationsmodell der kulturellen Krise beurteilt Clark differenziert. Einerseits habe sie dieses in die Gefahr gebracht, die NS-Vergangenheit sowie die immensen zeitgenössischen Herausforderungen der Nachkriegszeit zu abstrahieren und zu entpolitisieren. Andererseits begreift er ihre Herangehensweise an die Vergangenheit und die Bildung einer neuen Identität als ein politisch höchst relevantes Handlungsmuster, das auf einen umfassenden Transformationsprozess abzielte.

Es geht Clark nicht so sehr um die Aufdeckung der vorhandenen Blindstellen und Schwächen ihrer Deutungen deutscher Geschichte und kulturpolitischer Denkmodelle. Stattdessen legt er den Schwerpunkt auf den Beitrag dieser älteren Intellektuellengeneration zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und Neuverortung der Deutschen nach 1945. Gegenüber der bisherigen Forschungsliteratur, die sich primär den rückwärtsgewandt abendländischen und eskapistischen Einstellungen oder den unzutreffenden Geschichtsbildern im durchaus regen Nachkriegsdiskurs von Publizisten, Schriftstellern und Gelehrten zuwendet, stellt Clark dabei eher die fruchtbaren Aspekte ihres gesellschaftspolitischen Wirkens in den Vordergrund.

Kritisch anzumerken ist zur Monografie von Clark in erster Linie, dass sie sich im Rahmen einer theoretisch wenig reflektierten älteren Form der Ideengeschichtsschreibung bewegt. Der Leser mag den klaren methodischen Zugriff vermissen und immer wieder mangelt es an der genaueren Einordnung des Wirkens der Intellektuellen in ihr Umfeld und in die historische Gesamtkonstellation. So blendet Clark den Kontext der Vergangenheitspolitiken weitgehend aus. Auch hätte man sich zur Bewertung der Schriften gerade von Meinecke und Jaspers gewünscht, dass der Autor zum Vergleich etwa die frühen NS-Studien der in die USA emigrierten Juristen und Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel und Franz Neumann herangezogen hätte.

Clark ist bestrebt, das Wirken der unterschiedlichen Intellektuellen und die Reichweite ihres unmittelbaren Einflusses näher zu bestimmen. Dabei fällt allerdings das Quellenmaterial, mit dem er arbeitet und auf das er seine Befunde stützt, nicht gerade breit aus. Manch analytische Unschärfe verhindert gleichwohl nicht, dass Clark im Resümee mit einer neuen Forschungshypothese aufwartet, die das Interesse an dieser Studie weckt und zur weiteren Beschäftigung mit der Thematik anregt. Die vier aus der NS-Zeit unbelastet hervorgegangenen älteren Intellektuellen hätten quasi als Pioniere der Idee der kulturellen Erneuerung erste Voraussetzungen für den Einstellungswandel kommender Generationen geschaffen. Den jüngeren Trägergruppen dieses Wandels sei es später gelungen, aufbauend auf dem Engagement, den Fragen und den Denkansätzen der hier untersuchten Vorgänger, allmählich eine Veränderung der kulturellen und politischen Orientierung der deutschen Gesellschaft in Gang zu setzen (173-176). Die zukünftige Forschung sollte dies eingehend prüfen.


Anmerkungen:

[1] Ebenfalls findet sich dieser Trend bei: Jeffrey Herf: Divided memory. The Nazi past in the two Germanys, Cambridge/Mass. u.a. 1997; Michael Geyer / Konrad H. Jarausch: Shattered past. Reconstructing German histories, Princeton 2003.

[2] Christoph Kleßmann: Ein stolzes Schiff und krächzende Möwen. Die Geschichte der Bundesrepublik und ihre Kritiker, in: Geschichte und Gesellschaft 11 (1985), 476-494, 485.

[3] Dan Diner (Hg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt/M. 1988.

Rezension über:

Mark W. Clark: Beyond catastrophe. German intellectuals and cultural renewal after World War II, 1945-1955, Lanham, MD: Lexington Books 2006, 197 S., ISBN 978-0-7391-1506-0, USD 25,95

Rezension von:
Eva Bürger
Seminar für Zeitgeschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Empfohlene Zitierweise:
Eva Bürger: Rezension von: Mark W. Clark: Beyond catastrophe. German intellectuals and cultural renewal after World War II, 1945-1955, Lanham, MD: Lexington Books 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 9 [15.09.2008], URL: https://www.sehepunkte.de/2008/09/14702.html


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