sehepunkte 26 (2026), Nr. 2

Peter Stewart: Gandharan Art and the Classical World

Der Verfasser des Buches, Peter Stewart, ist Professor of Ancient Art an der Universität Oxford, Direktor des Classical Art Research Centre und Fellow des Wolfson College. Seine Forschung hat ihren Schwerpunkt zunächst in der römischen Kunst und ihrer sozialen und kulturellen Dimension, woraus grundlegende Publikationen wie Statues in Roman Society (2003) und The Social History of Roman Art (2008) hervorgegangen sind, die Stewart als einen profilierten Vertreter einer sozial- und kulturgeschichtlich orientierten Kunstgeschichte der Antike ausweisen. Seine aktuellen Forschungsinteressen richten sich auf die Verbreitung griechisch-römischer Kunsttraditionen innerhalb des Römischen Reiches und bis nach Asien, womit er sich dezidiert den transkulturellen Verflechtungen antiker Kunst widmet.

Für das hier zu besprechende Buch ist insbesondere Stewarts Rolle als Leiter des Projekts Gandhara Connections am Oxford University Classical Art Research Centre von Bedeutung. Das zwischen 2016 und 2022 durchgeführte Projekt zielte darauf, die Erforschung der Gandhara-Kunst sowie ihrer Beziehungen zur griechisch-römischen Welt systematisch zu fördern und international zu vernetzen. In diesem Rahmen wurden fünf Workshops veranstaltet, deren Beiträge zeitnah publiziert und bewusst open access zugänglich gemacht wurden. Das vorliegende Buch profitiert in hohem Maße von den im Rahmen dieses Projekts geführten Diskussionen, in denen die Gandhara-Kunst im Austausch führender Spezialistinnen und Spezialisten konsequent aus vergleichender und transkultureller Perspektive betrachtet wurde.

Das Buch ist klar in drei Hauptkapitel gegliedert. Ihnen sind eine kurze programmatische Einleitung sowie ein knapper, aber sorgfältig zusammengestellter Apparat zu weiterführender Literatur und digitalen Ressourcen beigegeben, der die wichtigsten Publikationen zuverlässig erschließt. Aufbau und Anlage sind durchgängig auf das Ziel einer verlässlichen und zugleich reflektierten Einführung abgestimmt.

Das erste Kapitel, "What is Gandharan Art?", verortet Gandhara räumlich, chronologisch und kulturell und macht zugleich die Problematik des fragmentarischen archäologischen Befundes deutlich. Stewart erläutert hier die buddhistischen Funktionszusammenhänge der Gandhara-Kunst und ihre Rolle innerhalb von Klöstern und Heiligtümern. Die Darstellungen des Buddha, der Bodhisattvas und der narrativen Reliefs werden nicht typologisch behandelt, sondern als Teil eines visuell organisierten religiösen Kosmos begriffen. Bereits hier wird deutlich, dass die sogenannte "klassische" Prägung der Gandhara-Kunst nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern in ein komplexes Gefüge lokaler religiöser, sozialer und materieller Bedingungen eingebettet ist.

Das zweite Kapitel, "Greece, Rome and Gandhara", bildet den argumentativen Kern des Buches. Stewart zeigt hier, dass die ältere Bezeichnung der Gandhara-Kunst als "Graeco-Buddhist Art" im Kontext der britisch-kolonialen Entdeckung und Erforschung entstanden ist und nachhaltig die Auffassung geprägt hat, westliche Einflüsse seien ein wesentliches, definierendes Merkmal dieser Kunst. Die heutige Forschung dagegen versteht die Gandhara-Kunst vielmehr als "wholly Gandharan and Buddhist in its origins and function, albeit sometimes heavily influenced by external traditions" (37). Gandhara-Kunst erscheint damit als Ausdruck globaler künstlerischer Entwicklungen. Entsprechend sind die Bezüge zur griechisch-römischen Kunst weder als bloßes Erbe einer hellenistischen Vergangenheit noch als einfache Folge direkter Kontakte mit dem Römischen Reich zu interpretieren. Stattdessen argumentiert Stewart für selektive Aneignungs- und Übersetzungsprozesse, in denen formale und ikonographische Elemente der klassischen Kunst gezielt für die Darstellung spezifischer buddhistischer Themen nutzbar gemacht wurden.

Das abschließende dritte Kapitel, "Gandharan Art Today", zeigt, dass die Gandhara-Kunst heute auf ein ausgeprägt internationales Interesse stößt und zunehmend als kosmopolitische Tradition wahrgenommen wird. Zugleich widmet sich Stewart den Problemen der oftmals durch frühe Grabungsmethoden nicht mehr rekonstruierbaren Kontexte der Kunstwerke, den durch Raubgrabungen zusätzlich verunklärten Provenienzen sowie der fortschreitenden Zerstörung archäologischer Befunde. Auch Fragen der musealen Präsentation und der öffentlichen Wahrnehmung werden einbezogen.

Obwohl das Buch ausdrücklich als "short introduction" konzipiert ist und sich an einen breiteren studentischen wie auch nicht-akademischen Leserkreis richtet, bietet es zugleich eine der derzeit ausgewogensten und prägnantesten Darstellungen der Gandhara-Kunst. Dieser doppelte Anspruch wird überzeugend eingelöst, weil Stewart Forschungskontroversen durchgehend in konzentrierter Form und mit bemerkenswerter methodischer Nüchternheit behandelt. Statt unterschiedliche Positionen gegeneinander auszuspielen, legt er die jeweiligen Argumentationslinien offen, markiert Unsicherheiten der Quellenlage und verzichtet bewusst auf definitive Festlegungen. Gerade bei zentralen Fragen wie dem Ursprung der Buddha-Darstellung oder bei chronologischen Problemen zeigt sich diese zurückhaltende und zugleich transparente Darstellungsweise.

Im Zentrum steht die Abkehr von lange wirkmächtigen, forschungsgeschichtlich tief verankerten Vorstellungen einer primär von griechischen und römischen Vorbildern abgeleiteten Kunst. An ihre Stelle tritt ein Verständnis der Gandhara-Kunst als Ergebnis vielschichtiger Prozesse von Austausch, Aneignung und Übersetzung in einem weiten eurasischen Zusammenhang. Damit schließt Stewart an aktuelle Diskussionen zu Globalisierung in der Antike, kultureller Hybridität und Materialität an, ohne theoretische Konzepte programmatisch auszuformulieren.

Zu den zentralen Stärken des Buches zählen die konzeptionelle Klarheit, die sichere Beherrschung der einschlägigen Forschung sowie die ausgewogene Balance zwischen Einführung und analytischer Darstellung. Die Darstellung ist präzise, gut strukturiert und durchgängig gut illustriert, wodurch sie den behandelten Gegenstand anschaulich erschließt.

Die wenigen Grenzen des Bandes ergeben sich aus dem bewusst knappen Format, das keine vertieften Detaildiskussionen zulässt, zugleich aber die klare Schwerpunktsetzung auf das Verhältnis der Gandhara-Kunst zur klassischen Welt begünstigt.

Insgesamt erweist sich Gandharan Art and the Classical World. A Short Introduction als eine in jeder Hinsicht gelungene Einführung, deren Bedeutung weit über ihren Umfang hinausreicht. Sie verbindet analytische Dichte mit außerordentlicher Zugänglichkeit - nicht zuletzt durch ihre offene Publikationsform, den erschwinglichen Preis von knapp 23 Euro einschließlich PDF sowie die Möglichkeit, das Buch sowohl gedruckt als auch open access zu nutzen. Dass der Band inzwischen auch in chinesischer Übersetzung vorliegt und eine Ausgabe in Urdu in Vorbereitung ist, unterstreicht seine internationale Reichweite und Relevanz.

Gerade aufgrund seiner klaren Schwerpunktsetzung gehört das Buch in jede kunsthistorische und archäologische Bibliothek und dürfte nachhaltig dazu beitragen, die Gandhara-Kunst als integralen Bestandteil der antiken Kunst- und Kulturgeschichte zu verankern.

Rezension über:

Peter Stewart: Gandharan Art and the Classical World. A Short Introduction, Oxford: Archaeopress 2024, IV + 85 S., 60 Farb-Abb., ISBN 978-1-80327-694-6, GBP 19,99

Rezension von:
Gunvor Lindström
Deutsches Archäologisches Institut, Eurasien-Abteilung, Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Gunvor Lindström: Rezension von: Peter Stewart: Gandharan Art and the Classical World. A Short Introduction, Oxford: Archaeopress 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/02/39449.html


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