sehepunkte 26 (2026), Nr. 2

Moritz Heitmann: Historische Orientierung in der Vereinigungsgesellschaft

"Dieses Land immer noch zwei Teile [sic!]. Lasst das mal ändern, ist doch scheisse!" [1] Mit Blick auf die deutsch-deutsche Wiedervereinigung ist trotz eines inzwischen mehr als dreißig Jahre andauernden Orientierungsbedürfnisses eine ausgeprägte Orientierungslosigkeit feststellbar. Sie zeigt sich nicht nur in zeithistorischen Debatten zur "Vereinigungsgesellschaft" [2], sondern auch in aktuellen popkulturellen Referenzen - wie vom Autor des vorliegenden Bandes treffend erkannt. (1f.) So entwirft der Rapper Marteria (Jahrgang 1982), wie im einleitend zitierten Song, regelmäßig Orientierungsangebote mit Appellcharakter für sich und seine Zuhörenden.

Schon die pop- und geschichtskulturelle Präsenz des Themas macht die Relevanz des vorliegenden Bandes "Historische Orientierung in der Vereinigungsgesellschaft" deutlich, der in der Reihe "Geschichtskultur und historisches Lernen" erschienen ist. Die besondere Stärke des Werkes offenbart sich allerdings in dessen spezifischem Zuschnitt. Denn Moritz Heitmann gelingt es mit wissenschaftlichem Feingefühl eine für den geschichtsdidaktischen Forschungszusammenhang besonders eklatante Leerstelle im bestehenden Forschungsdiskurs auszumachen: "[W]ie [verarbeiten] Kinder und Jugendliche selbst die Umbrüche der Vereinigungsgesellschaft unter Rückgriff auf die deutsch-deutsche Geschichte"? (58; Hervorhebungen im Original) Konkret fragt der Autor danach, wie Kinder und Jugendliche Historische Orientierung entwickeln, also wie sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sinnhaft miteinander verknüpfen. Zweitens untersucht er, wie sich diese Historische Orientierung im Kontext der deutschen Vereinigungsgesellschaft nach 1989/90 konkret ausprägt.(6f.) Damit stellt Heitmann den Thesen Jörn Rüsens [3] folgend das hochabstrakte Konzept der "Historischen Orientierung in Erfahrungen des Umbruchs" (59) in das Zentrum seiner Arbeit. Dieses operationalisiert er auf einer profunden Theoretisierung fußend notwendigerweise über Erkenntnisinteressen und formulierte Werturteile (78) als empirisch rekonstruierbare Dimensionen. Denn die Grundlage der vorliegenden Studie bilden 179 Preisträgerarbeiten zur Ausschreibung "Ost-West-West-Ost-Geschichte(n)" des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten aus dem Jahr 1994/95. Mit dieser Ausschreibung habe der Geschichtswettbewerb, vom Autor überzeugend als Institution der Geschichtskultur modelliert (8, 91f.), versucht, damals kursierende Deutungsangebote in der breiteren Gesellschaft zu verankern. (5) Durch die inhaltlich und methodisch reflektierte Wahl dieser speziellen Materialgrundlage erweitert Heitmann mit seiner Studie die zuletzt wachsende Zahl empirischer Forschungen zu den Produkten des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten um ein essenzielles Element. [4]

Der Beantwortung seiner Leitfragen widmet sich Heitmann in sieben Teilkapiteln. Nach einer das Erkenntnisinteresse geschickt problematisierenden und kontextualisierenden Einleitung bereitet Moritz Heitmann im zweiten Kapitel konzise die relevanten, vorliegenden Forschungsdiskurse auf. Dabei kann er unter anderem zeigen, dass die Vereinigungsgesellschaft als ein durch Umbrüche und konkurrierende Bewältigungsstrategien geprägter Deutungsraum ist, in dem geschichtspolitische Narrative asymmetrische Machtverhältnisse reproduzieren.(57) Nach überzeugenden Ausführungen zu den hier einleitend bereits dargestellten theoretischen Grundlagen (Kapitel 3), widmet sich das Kapitel 4 dem methodischen Design seiner Studie, welches sich durch einen dreifachen Zugriff aus historisch-kritischer Analyse des "Agendasettings" (133) in den Ausschreibungsmaterialien, deskriptiv statistischer Auswertung der "Grundgesamtheit aller Wettbewerbsbeiträge" der untersuchten Ausschreibung (111) und inhaltsanalytischer Erhebung der Historischen Orientierung der Teilnehmenden auszeichnet. (97) Innovativ ist dabei insbesondere, dass Werturteile und Erkenntnisinteressen in einem deduktiv-induktiven Verfahren aus den narrativen Strukturen, Argumentationen und Perspektivierungen der Texte rekonstruiert und so als empirisch erschließbare Dimensionen Historischer Orientierung analysiert werden. (107f.) Entsprechend aufschlussreich und überzeugend sind die in Kapitel 5 auch grafisch aufbereiteten Erkenntnisse der Studie, aus denen Heitmann einerseits sieben heuristisch ergiebige Urteilstypen (243) und - in Zusammenführung mit den erhobenen Erkenntnisinteressen der Teilnehmenden - vier übergeordnete Orientierungsmuster in der Verarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte (244-247) herausarbeitet. Die Urteilstypen bündeln wiederkehrende Wertungen der deutsch-deutschen Geschichte und der Vereinigungsgesellschaft. Sie reichen von negativ-abgrenzenden Deutungen (zum Beispiel Betonung der Krisenhaftigkeit) bis hin zu retrospektiv-normativen Bewertungen, in denen die DDR meist als Negativfolie fungiert. Dabei bestehe unter den Teilnehmenden ein Grundkonsens in einer kritischen Auseinandersetzung mit der DDR bei gleichzeitiger impliziter Aufwertung der Gegenwart der vereinigten Bundesrepublik. Davon ausgehend arbeitet er drei abweichende Muster heraus: ein Differenz-, ein Beziehungsgeschichts- sowie ein Erfahrungsgeschichtsmuster (246). Den besonderen Wert dieser Typen- und Musterbildung weist Heitmann selbst in der Zusammenführung der Erkenntnisse der drei Untersuchungsebenen nach, wenn er zeigt, dass sie allgemeine Einsichten in "verbreitete Historische Orientierungsmuster von Kindern und Jugendlichen in der Vereinigungsgesellschaft erlauben." (251) In der anschließenden Diskussion wird herausgestellt (Kapitel 6), dass Historische Orientierung von Kindern und Jugendlichen in der Vereinigungsgesellschaft nicht linear oder einheitlich verläuft, sondern sich als pluraler, fragmentierter Prozess entfaltet, der zwischen biografischen Erfahrungen, schulischen Narrativen und gesellschaftlichen Diskursen oszilliert. Dabei dominieren westdeutsche Deutungsrahmen; moralisch klare Urteile über die DDR gehen nicht selten mit einer begrenzten historischen Kontextualisierung einher.

Gerade aufgrund der analytischen Schärfe solcher Erkenntnisse bewegt sich der Band sprachlich stellenweise auf einem sehr hohen Abstraktionsniveau, was die Zugänglichkeit einschränken kann. Zudem hätte eine Bündelung der spezifischen Limitationen - statt ihrer wiederholten, in die Diskussion eingebetteten Thematisierung (beispielsweise 261, 265f.) - die Orientierung zusätzlich erhöht. Diese Kritikpunkte fallen jedoch kaum ins Gewicht. Denn die Studie liefert nicht nur für den fachwissenschaftlichen Diskurs zur Vereinigungsgesellschaft bereichernde Beiträge. Vielmehr macht sie auch konkrete Sinnbildungen von Schülerinnen und Schülern sichtbar und bereitet durch die Muster- und Typenbildung sowie die gelungenen Theoretisierungen zum geschichtsdidaktischen Konzept der Historischen Orientierung zukünftige Erhebungen in Forschung und Praxis vor. Dem vorliegenden Band ist daher nicht nur eine breite Rezeption in Universitäten, sondern auch durch Kolleginnen und Kollegen an Schulen zu wünschen. Es könnte ihre alltägliche Gestaltung von auf Historische Orientierung zielenden Lehr-Lern-Prozessen wesentlich bereichern.


Anmerkungen:

[1] Marteria: Scheiss Ossi, Warner Music Group 2022.

[2] Vergleiche Thomas Großbölting / Christoph Lorke: Vereinigungsgesellschaft. Deutschland seit 1990, in: Deutschland seit 1990. Wege in die Vereinigungsgesellschaft, hg. von dies, Stuttgart 2017, 9-30.

[3] Vergleiche Jörn Rüsen: Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft, Köln / Weimar / Wien 2013, 41f.

[4] Vergleiche Lukas Greven: Mehr als "Reisen in die Vergangenheit". Forschendes Lernen im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, 1973-2013. Bielefeld 2024.

Rezension über:

Moritz Heitmann: Historische Orientierung in der Vereinigungsgesellschaft. Eine Studie zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 1994/1995 (= Geschichtskultur und historisches Lernen; Bd. 24), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2024, XIV + 325 S., ISBN 978-3-643-15515-3, EUR 34,90

Rezension von:
Lukas Greven
Didaktik der Gesellschaftswissenschaften, RWTH Aachen
Empfohlene Zitierweise:
Lukas Greven: Rezension von: Moritz Heitmann: Historische Orientierung in der Vereinigungsgesellschaft. Eine Studie zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 1994/1995, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/02/39560.html


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