sehepunkte 26 (2026), Nr. 2

Joseph P. Huffman: Medieval Cologne

Der amerikanische Mediävist Joseph Huffman legt erstmals eine englischsprachige Darstellung der Geschichte Kölns von der römischen Kaiserzeit bis an die Schwelle zur Neuzeit vor. Bereits 2018 erschien der erste Band, der über 1000 Jahre von der römischen Kaiserzeit bis zum Ende des Investiturstreits umspannt; nun folgt die Fortsetzung für die Zeit von 1125 bis 1475, dem Jahr der Erhebung Kölns zur Freien Reichsstadt. Diese 350 Jahre bilden ohne Zweifel die am besten erforschte Ära der Geschichte Kölns.

Das Quellen- und Literaturverzeichnis spiegelt die Belesenheit des Autors wider, der nicht nur die Köln-spezifische Literatur sichtete und auswählte, sondern auch deutsch- und fremdsprachige Arbeiten zur Stadtgeschichte heranzog. Es entstand auf knapp 400 Seiten eine detaillierte, gleichwohl kompakte Darstellung der politischen Geschichte Kölns bis zur Reichsfreiheit, gefolgt von einem systematischen Teil von gut 260 Seiten zu Spitälern, zum Stadtraum und zu sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Schwerpunkten. Die rheinische Metropole stand, was die Aufmerksamkeit der anglophonen Historiker angeht, hinter italienischen oder französischen Städten des Kontinents zurück - gewiss auch, weil seit einem Jahrhundert deutsche Sprachkenntnisse im englischsprachigen Raum weniger verbreitet sind als französische und italienische. Huffmans Ziel ist es, Köln verstärkt auf die internationale Bühne der Forschung zu befördern.

Was die Lektüre zur wertvollen, ja notwendigen Ergänzung zur "kölschen" Forschung macht - namentlich den 3 Bänden der großen Kölner Stadtgeschichte, die das Mittelalter behandeln [1] -, ist die konsequente Einbindung Kölns in die europäische Politik und die mit dem "Blick von außen" ermittelten eigenen Schwerpunkte und Wertungen. So ist die stadtkölnische Historiographie geneigt, in der Abwesenheit des Erzbischofs nach der Schlacht von Worringen 1288 einen charakteristischen Faktor zu sehen. Doch waren die Stadtherren nach der für sie so fatalen Schlacht durchaus noch in der Stadt präsent und nicht ohne Einfluss.

Demgegenüber verweist Huffman auf die häufige Abwesenheit der Kölner Erzbischöfe bereits in ottonisch-salischer Zeit, als sie intensiv in die Reichspolitik eingebunden waren. Dies gab der entstehenden Stadtgemeinde viel Freiraum, sich zu erproben und eigene Strukturen und Organe zu entwickeln. Seit ottonischer Zeit investierten die Erzbischöfe zum eigenen Ruhm und dem ihres Sitzes durch Privilegien und Baumaßnahmen in die Infrastruktur Kölns, was von den Bewohnern aufgegriffen und fortgeführt wurde (Märkte und Hallen, Hafen).

Den ökonomischen Aufstieg und das rasante Wachstum der Stadt schreibt der Autor - trotz zahlreicher Konflikte - der Zusammenarbeit von Stadtherr und Kaufmannseliten zu, wie er am Beispiel der Stadtmauer erläutert. Obwohl die Bürger 1180 eigenmächtig Bauten auf erzbischöflichem Grund errichteten und mit Wall und Graben ein riesiges Areal als Territorium reklamierten, vermittelte Barbarossa eine Einigung auf Augenhöhe mit dem Erzbischof, in der dieser die Gebäude nachträglich billigte und die Gemeinde als legale Körperschaft anerkannte. Wie Huffman formuliert, lag nunmehr die Bischofsstadt innerhalb der Bürgerstadt, nicht umgekehrt (98 f.), ein Ergebnis des stürmischen Wachstums der Stadt im 12. Jahrhundert, vor allem in dessen letztem Drittel.

Bildete das 12. Jahrhundert die Grundlagen für die Vorrangstellung Kölns im späteren Mittelalter aus, so emanzipierte sich im 13. Jahrhundert die Gemeinde vom Stadtherrn. Dieses Jahrhundert steht im Zentrum der Darstellung Huffmans, der das Kölner Spielfeld mit seinen zahlreichen Akteuren prägnant in Szene setzt: Die Erzbischöfe und ihre politischen und verwandtschaftlichen Bindungen, die Bürger mit ihren Organen, aber auch mit ihren internen Faktionen und divergierenden Interessen, das Ende der Staufer und ihre epigonalen Nachfolger, und nicht zuletzt europäische Koalitionen. Hier fließen eigene Forschungen Huffmans ein, dessen Dissertation die Verbindungen Kölns mit England zum Thema hatte. Die englisch-angevinischen Verbindungen werden bei den politischen Schachzügen stets mitgedacht - zum Vorteil des Lesers, der aus Kölner Federn eher beiläufig erfährt, der Englandhandel sei "wichtig" gewesen und durch die englischen Herrscher privilegiert worden.

Tatsächlich gewährte Henry II. Plantagenet 1175 so weitreichende Rechte und Schutzzusagen, dass die Kölner Kaufleute in England keine Konkurrenz durch deutsche Städte hatten ("Cologne merchants would have no rivals in England among other German cities for another century", 94). Zu diesem Zeitpunkt war Henrys Tochter Mathilde bereits mit Heinrich dem Löwen verheiratet, und deren Sohn konnte sich im Thronstreit als König Otto IV. auf die Solidarität Kölns (das freilich auch staufische Parteigänger hatte) verlassen. Otto war ein in England erzogener angevinischer Prinz, Graf von Poitou und Neffe von Richard Löwenherz und Johann Ohneland. Köln war seine letzte Zuflucht nach der verlorenen Schlacht von Bouvines 1214, in der sich Philipp II. August und Otto IV. gegenüberstanden. Huffman stellt das erstaunliche Ergebnis heraus, dass die Kölner zwar auf der Verliererseite standen, gleichwohl aber gestärkt aus den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen und zahlreichen Wendungen des Thronstreits hervorgingen. Dies spricht für die geschickte Diplomatie der Kölner, die ihr politisches Gewicht als kaufmännische Beschaffer von Ressourcen und als Kreditgeber geschickt einzusetzen wussten und sich durch Widrigkeiten hindurchlavierten ("The Cologners had smartly navigated very troubled waters", 148). Während Stehkämper/Dietmar urteilen: "Kölns politisches Gewicht sollte unter dem Einfluss der welfischen Niederlage großen Schaden nehmen" (120), kommt Huffman zu einem völlig anderen Ergebnis: "The burghers still came out in the end with a more secure hold on their now traditional administrative and political autonomy", zumal die Stadt von Papst und Herrscher als "constituent legal entity" anerkannt war und sich berechtigt sah, eigenmächtig Bündnisse und Allianzen zu schmieden (147).

Diese Handlungsspielräume und die Bereitschaft zur politischer Gestaltung (der englische Begriff "agency" kann auf Deutsch nur umschrieben werden) verfolgt Huffman in den ständigen Auseinandersetzungen zwischen Erzbischof und Vertretern der Bürgerschaft, zwischen Herrschaft und Gemeinde (der englische Text wahrt diese deutschen Begriffe) und setzt auch hier eigene Akzente. Den endgültigen Bruch zwischen beiden ("The Great Pivot: Separation of Herrschaft and Gemeinde" ist Kapitel 9 überschrieben) setzt er bereits in die Zeit der Herrschaft Engelberts II. von Falkenberg (1261-1274) und nicht erst in die des Worringen-Verlierers Siegfried von Westerburg. Engelbert überspannte den Bogen durch überzogene Gewaltanwendung und durch Versuche, seinen Herrschaftsanspruch auch mittels Spaltung der führenden Familien durchzusetzen; die Vertreibung der Fraktion der "Weisen" und der endgültige Aufstieg der Overstolzen besiegelten jedoch sein Scheitern, das noch heute vor Augen geführt wird durch seine Grablege im Exil des Bonner Münsters, nicht im Kölner Dom.

Im systematischen Teil des Bandes ist das Kapitel über die Finanzierung und Verwaltung der Kölner Spitäler (von ca. 1200-1350) besonders hervorzuheben. Es geht auf eigene Forschungen des Autors zurück [2] und zeigt an einem zentralen Handlungsfeld, das Laien und Klerus, Arme und Wohlhabende verband, wie sich die wirtschaftlich-politische Elite Kölns miteinander vernetzte, in Bruderschaften organisierte und "Verwaltung" sowohl zentral als auch dezentral (nämlich auf der Ebene der Parochien) installierte. Für die Finanzierung der Spitäler waren Immobilien und auf Immobilien radizierte Renten entscheidend. Die massive Monetarisierung eines großen Teils der Kölner Immobilien durch Rentenkauf wird an diesem Beispiel eindrucksvoll vor Augen geführt.

Wie geschickt die Kölner als versierte Unterhändler und Financiers agierten, betont Huffman auch im Epilog. Selbst in komplizierten Gemengelagen verstanden es die Vertreter von Stadt und Kaufmannschaft, sich dem stadtherrlichen Zugriff auf ihren Wohlstand zu entziehen und gleichzeitig über Steuern und Kredite die Unternehmungen der Erzbischöfe zu finanzieren, um schlussendlich im Zuge von Friedensverhandlungen eigene Vorteile zu erkaufen. Das Erfolgsrezept der Kölner bestand in ihrer Fähigkeit zu hinhaltendem Widerstand und neuen Wegen ("resilience and innovation") und ihrem Geschick, sich Veränderungen zu stellen ("nimbleness of steering change", 317). In dieser Hinsicht waren die Erzbischöfe weniger erfolgreich, die selbst auf dem Weg zum Territorialherren etliche Veränderungen zu bewältigen hatten.

Man kann den Autor zu seiner Darstellung nur beglückwünschen und hoffen, dass sie viele Leser im englischsprachigen Raum findet und neues Interesse für den Gegenstand weckt. Im deutschsprachigen Raum ist der Blick auf Köln aus einer internationalen Perspektive aufschlussreich und weiterführend, und die künftige Forschung wird den Band mit Gewinn zur Hand nehmen. Angesichts der in Köln herrschenden vernebelten Selbstgenügsamkeit - in der die Renovierung der beiden Geschichtsmuseen (Stadtmuseum und Römisch-Germanisches) ohne Konzept auf den seligen St. Nimmerleinstag verschoben wurde, einzigartige historische Bausubstanz wie die Römermauer hinter Bauzäunen und Müll verlottert und dessen Stadtarchiv die Anschaffung von Literatur auf den geografischen Bereich des alten Landkreises Köln beschränkt hat (was könnte auch darüber hinaus von Bedeutung sein?!) - ist es zudem wichtig, eindringlich daran zu erinnern, dass Köln einst eine von römischen und mittelalterlichen Kaisern sowie von seinen Erzbischöfen privilegierte, von Klerus und Laien mit herausragenden Kirch- und Profanbauten gezierte und von seinen selbstbewusst agierenden Bürgern zu europäischem Ansehen geführte Handels- und Kulturmetropole war.


Anmerkungen:

[1] Geschichte der Stadt Köln, Bde. 2-4: Karl Ubl: Köln im Frühmittelalter. Die Entstehung einer heiligen Stadt 400-1100, Köln 2022; Hugo Stehkämper / Carl Dietmar: Köln im Hochmittelalter 1074/75-1288, Köln 2016; Wolfgang Herborn / Carl Dietmar: Köln im Spätmittelalter 1288-1512/13, Köln 2019.

[2] Deutsche Fassung: Joseph P. Huffman: "Caritas" und die Profitwirtschaft. Hospitalverwaltung und -stiftungspraktiken im mittelalterlichen Köln (circa 1200-1350), in: Geschichte in Köln 71 (2024), 11-53.

Rezension über:

Joseph P. Huffman: Medieval Cologne. From Rhineland Metropolis to European City (A.D. 1125-1475), Berlin: De Gruyter 2024, XII + 658 S., 22 Farb-Abb., ISBN 978-3-11-157086-0, EUR 109,95

Rezension von:
Letha Böhringer
Bonn
Empfohlene Zitierweise:
Letha Böhringer: Rezension von: Joseph P. Huffman: Medieval Cologne. From Rhineland Metropolis to European City (A.D. 1125-1475), Berlin: De Gruyter 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/02/39834.html


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