sehepunkte 26 (2026), Nr. 2

Thibaud Lanfranchi: ¿Defensores del pueblo romano?

Das römische Volkstribunat hat nicht nur die Entwicklung Roms am tiefsten bestimmt und nachhaltig geprägt; mit den Fragen, die seine Geschichte aufwirft, und mit seinem immer wieder angeeigneten Idealbild hat es zudem die kulturelle, intellektuelle und ideologisch-politische Geschichte Europas begleitet. Allein diese Feststellung macht die Relevanz einer umfassenden Geschichte des Tribunats für die historische Forschung im Allgemeinen deutlich. Umso auffälliger ist es, dass eine solche Gesamtdarstellung lange Zeit ausgeblieben ist: Abgesehen von Niccolinis Buch von 1932 haben sich die Forscher des vergangenen Jahrhunderts - hier sei zumindest auf Bleicken und Thommen verwiesen - zumeist auf einzelne chronologische Phasen oder spezifische Aspekte konzentriert. [1]

Diese ambitionierte Aufgabe hat sich Thibaud Lanfranchi nun angenommen, und zwar in einem Band, der 2022 in italienischer Sprache erschienen ist [2] und nun in spanischer Übersetzung vorliegt. Schwerlich hätte man einen für diese Aufgabe geeigneteren Kandidaten finden können: Zum besonderen Kenner des Themas qualifizieren ihn insbesondere seine gewichtige Monographie zum frühen Tribunat und dessen Rolle in der Ausformung der plebejisch-patrizischen Republik, [3] seine weiteren Untersuchungen zum Volkstribunat sowie seine Arbeiten zur römisch-republikanischen Gesetzgebung.

Das Buch ist in der überarbeiteten spanischen Fassung in neun Kapitel gegliedert. Es beginnt mit einer sorgfältigen Diskussion der historischen Ursprünge des Volkstribunats sowie mit den altbekannten methodischen Herausforderungen, die das Studium des antiken Rom zu einer idealen 'Schule' für die historische Methode und Forschung machen. Im Anschluss wird das politische Handeln der Tribunen im Kontext der Ständekämpfe behandelt; betont wird insbesondere die Schlüsselrolle des Tribunats bei der erfolgreichen Inklusion nicht-patrizischer Familien in die Führungsschicht sowie bei der politischen Integration der beiden Stände.

Im dritten Kapitel unterbricht der Autor die chronologische Darstellung, um das Tribunat institutionell und symbolisch-kulturell als besonderes Glied des republikanischen Amtssystems zu analysieren. Herausgearbeitet wird zudem der enge Zusammenhang zwischen den sozioökonomischen Problemen des 5. und 4. Jahrhunderts im Allgemeinen und dem politischen Handeln der Tribunen.

Darauf folgt die Darstellung der weiteren historischen Entwicklungen. Zuerst werden die Übergangsphase von der frühen zur mittleren Republik und die Konsolidierung der patrizisch-plebejischen Republik diskutiert. In den abschließenden Kapiteln VI-VIII widmet sich Lanfranchi der Rolle des Tribunats in den politischen Konstellationen des 2. und des 1. Jahrhunderts. In der spanischen Übersetzung wird das ursprüngliche Einzelkapitel zur spätrepublikanischen und augusteischen Zeit in zwei geteilt: Das siebte Kapitel fokussiert das 1. Jahrhundert und die Zeit Cäsars, das achte die augusteische Periode bis zum Verschwinden aussagekräftiger Zeugnisse zum Tribunat in der Kaiserzeit. Den Abschluss bildet ein Kapitel zur Rezeptionsgeschichte des Tribunats seit der Spätantike. Beleuchtet werden hier nicht nur ideologisch-politische Lesarten der historischen Entwicklung dieses Amtes in verschiedenen Schlüsselphasen des europäischen Denkens: Es wird auch skizziert, wie die Debatten um das Tribunat grundlegende Reflexionen über die römisch-republikanische Geschichte sowie über Natur und Funktion politischer Systeme im Allgemeinen angestoßen haben.

Dieses Buch beeindruckt durch die sichere Beherrschung der Materie, die kontinuierliche Einbindung aktueller Forschungsergebnisse (darunter neuere archäologische Befunde), die überschaubaren Zusammenfassungen langjährig debattierter geschichtlicher Prozesse sowie durch die gesunde Vorsicht des Autors bei Stellungnahmen und historischen Rekonstruktionen.

Die Schwerpunktsetzung zugunsten der frühen Geschichte des plebejischen Amtes war bereits in der italienischen Ausgabe deutlich; diese Betonung bleibt auch in der spanischen Fassung bestehen, wenngleich eine Vertiefung des spätrepublikanischen, augusteischen und kaiserzeitlichen Materials feststellbar ist. Dies ist nicht allein Ausdruck des zeitlichen Umfangs des frühen Roms oder der besonderen Expertise des Autors; dahinter scheint auch und vielmehr ein methodischer Leitgedanke zur Interpretation der Geschichte des Volkstribunats zu stecken, und zwar die Herauskristallisierung der tiefsten Originalität und Eigentümlichkeit dieser "creación política" (71, 88). Die politisch-institutionellen Entwicklungen des Amtes und die in den verschiedenen historischen Phasen übernommene Rolle bei der Umwandlung der res publica seien oft, sagen wir, von seinen Ursprüngen her bestimmt gewesen. Die Entstehungszeit und deren ideologisch-politischer Rahmen hätten als Referenzpunkt und Verankerung nachgewirkt und spätere Maßnahmen und Entwicklungen mehr oder weniger bewusst beeinflusst (vgl. 168). Selbst in der Zeit Sullas, in der sich das Volkstribunat "de una manera inusitada" veränderte, habe die Zeit der Ständekämpfe als Hintergrund und Referenz für die Eingriffe des Diktators fungiert: Sein Ziel sei gewesen, die institutionelle Stellung des plebejischen Amtes in die vor 366 bzw. 287 geltenden Konstellationen zurückzuführen (178f.).

Die Frage, ob Lanfranchis Rekonstruktion - vor allem in Bezug auf die späteren Phasen und die bewusste Nachwirkung früherer Prägungen in der späten Republik - in allen Details Bestand hat, sei hier als Einladung zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser stimulierenden Studie formuliert.

Wie bei allen anspruchsvollen Versuchen zur Zusammenfassung und Gesamtdarstellung komplexer geschichtlicher Prozesse und Themen gibt es Facetten oder Punkte, die wenig oder nur bedingt stichhaltig wirken - vom kleineren Einwand (so überzeugt mich Lanfranchis Wiedergabe und Deutung von Liv. 6,34,5-11 auf S. 79 nicht: Hier ist nicht von der Erscheinung der apparitores generell die Rede, sondern von einem spezifischen mos) bis hin zu Fragen grundsätzlicherer historischer Bedeutung.

Besonders relevant ist die Rekonstruktion des Kooperationsverhältnisses zwischen Senat und Tribunen, die in der Forschung im Allgemeinen - und auch hier - womöglich zu positiv akzentuiert wird. Die politischen Verhältnisse sollten meines Erachtens wohl nuancierter profiliert werden. Als Beispiel abgestimmter Zusammenarbeit verweist Lanfranchi etwa auf die Übertragung der Kriegsführung gegen Karthago an Scipio Aemilianus per Plebiszit (141). Hieraus von einer Zusammenarbeit von Senat und Tribunen zu sprechen, erscheint mir in der Tat zu rosig. Appian (Pun. 533-534), dem auch Lanfranchi folgt, berichtet, dass der Senat bereits bei den Konsulwahlen von 148 mit den Forderungen der Wähler Scipios und den Drohungen der Tribunen rechnen musste; als das geringere Übel bat er daher die Tribunen selbst darum, die lex annalis vorübergehend auszusetzen, damit Scipio gewählt werden konnte. [4] Später wiederum war es Appian zufolge ein Tribun - wohl, cela va sans dire, in Einvernehmen mit Scipio und dessen Anhängern -, der im Senat den entsprechenden Vorstoß zur Übertragung des Kommandos an Aemilianus machte und angeblich die Mehrheit dafür errang. Auf der konkret-politischen Ebene sehe ich deshalb eher Zwangsreaktion und Zusammenspiel unterschiedlicher Interessen als echte Zusammenarbeit und Kooperation.

Etwas unterkompliziert wirkt die Darstellung der politischen Gruppierungen in der späten Römischen Republik, wobei Lanfranchi von der althergebrachten Annahme einer "polarización de la nobilitas en dos facciones opuestas: los optimates y los populares" (164ff.) ausgeht. Auch wenn man, wie es noch üblich ist, an einer solchen schematischen Unterscheidung festhalten möchte, hätte man eine Begründung des zugrundeliegenden Deutungsmodells und seiner Stichhaltigkeit erwartet.

Die spanische Übersetzung bringt gegenüber der italienischen Ausgabe eine wichtige Änderung und einen entsprechenden Vorzug. Die italienische Fassung ist in einer Reihe erschienen, die ein breiteres Publikum anspricht; in diesem Rahmen musste der Autor zwangsläufig auf wissenschaftliche Komplexität und Form verzichten, insbesondere im Hinblick auf Originaltexte und Fachliteratur. Zugleich scheute er es aber aus guten Gründen nicht, auf Debatten und Fragestellungen hinzuweisen, auch dann, wo deren Verständnis jedoch gewisse Kenntnisse voraussetzte. Daraus entstand stellenweise eine unaufgelöste Spannung zwischen Vermittlungsanspruch und wissenschaftlicher Präzision und Vollständigkeit. In der jetzt vorliegenden Fassung hingegen ist eine bewusste Hinwendung zur Wissenschaftlichkeit erkennbar. Was Lanfranchi im Rahmen dieser Verlagsreihe der Universitäten Sevilla und Zaragoza vorlegt, ist eine ausgiebig dokumentierte und abgerundete wissenschaftliche Behandlung: Originalbelege werden bereitgestellt, Anmerkungen sind wesentlich erweitert. Wie auch der Verlagsort nahelegt, richtet sich der Band damit vorwiegend an ein (angehendes) fachkundiges Publikum - Studenten der Alten Geschichte und Altertumswissenschaften sowie an Einsteiger in die republikanische Epoche -, empfiehlt sich aber auch für Forscher, die an einer tiefgehenden intellektuellen Auseinandersetzung mit den behandelten Prozessen interessiert sind.

Formal zeichnet sich auch diese Ausgabe durch klare, nüchterne Sprache und einen nahezu fehlerfreien Text aus (aufgefallen ist mir nur ἱερός λόγος auf S. 118). Eine kleine nebensachliche Anmerkung: Auf die in der Forschung verbreitete Marotte, C. Flaminius (cos. 223, cos. II 217) als C. Flaminius Nepos zu nennen (vgl.132), sollte einfach verzichtet werden, da dieser einen solchen Beinamen nie getragen hat. [5]


Anmerkungen:

[1] G. Niccolini: Il tribunato della plebe, Mailand 1932; J. Bleicken: Das Volkstribunat der klassischen Republik, München 1955; L. Thommen: Das Volkstribunat der späten römischen Republik, Stuttgart 1989.

[2] Th. Lanfranchi: In nome del popolo romano? Storia del tribunato della plebe, Rom 2022.

[3] Th. Lanfranchi: Les tribuns de la plèbe et la formation de la République romaine, 494-287 avant J.-C., Rom 2015.

[4] Zur Bedeutung dieses Zuges siehe Chr. Meier: Ausgewählte Schriften I, Stuttgart 2024, 194.

[5] F. Càssola: I gruppi politici romani nel III secolo a. C., Rom 1962, 435.

Rezension über:

Thibaud Lanfranchi: ¿Defensores del pueblo romano? Historia del tribunado de la plebe (= LIBERA RES PVBLICA; No. 13), Sevilla: Editorial Universidad de Sevilla 2024, 286 S., ISBN 978-84-1340-902-3, EUR 28,00

Rezension von:
Manfredi Zanin
Universität Bielefeld
Empfohlene Zitierweise:
Manfredi Zanin: Rezension von: Thibaud Lanfranchi: ¿Defensores del pueblo romano? Historia del tribunado de la plebe, Sevilla: Editorial Universidad de Sevilla 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/02/39946.html


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