Der aus einem umfangreicheren DFG-Projekt hervorgegangene, eindrucksvolle Band widmet sich am Beispiel der Stiftskirche Polling dem "Erfahrungsraum" der barocken Wallfahrtskirchen des süddeutschen Raumes. Die Richtung des Forschungsinteresses ist in diesem Stichwort präzise zusammengefasst: Die umfangreiche Studie leistet eine überaus gründliche und mit Bildmaterial reich dokumentierte Baubeschreibung. Worauf der Verfasser eigentlich zielt, ist jedoch die Rekonstruktion der Wallfahrtserfahrung des 17. und 18. Jahrhunderts im Zusammenspiel von genuin ästhetischer Qualität des Kirchenraums und überzeugender spiritueller Erfahrung derer, die ihn besuchten (vgl. 16). Über die bau- und bildkünstlerische Ausstattung hinaus interessiert sich Fürst für die "liturgische Praxis" eines "gnaden- und wunderreichen Orts" (ebd.), also für den Zusammenhang von Bauwerk, liturgischer Praxis und Predigt; in diesem Sinne plädiert er für eine "liturgisch informierte Deutungspraxis" (25), die schlichte Dichotomien von klerikaler Disziplinierung und vermeintlicher Volksfrömmigkeit hinter sich lässt.
Die Stiftskirche der Augustiner-Chorherren in Polling bietet sich gerade wegen ihrer komplexen Baugeschichte für eine solche differenzierte Analyse an: Die Barockisierung ihrer Hallenkirche des späten Mittelalters kann in ihrer Ostanlage gleichzeitig als Neubau gelten. Den umfangreichen Quellenbestand von handschriftlichen Archivalien und Wallfahrtspublizistik (Mirakelbücher, Führer, Heiltumsbücher, Festschriften, Predigten) wertet Fürst als Zeugnisse einer "rational argumentierenden Öffentlichkeitsarbeit" mit "grundsätzlichen Überlegungen zum Wallfahrtswesen", jenseits der Wallfahrtspriestern oft unterstellten Wundersucht und Apologetik (55).
Kapitel II. bietet eine ausführliche Analyse des Sakralbaus als Ganzem, eingebettet in eine detaillierte Geschichte des zentralen Gnadenbildes - das heilige Kreuz von Polling - und seiner Inszenierung. Das bayerische Herzogshaus, der augustinische Stiftsklerus und die Jesuiten-Universität Ingolstadt wirkten eng zusammen bei der Ausgestaltung des süddeutschen Wallfahrtswesens und seiner ekklesiologischen Dynamik. Das betrifft sowohl die Baukampagnen als solche als auch die theologische und liturgische Ausgestaltung der dort gefeierten liturgischen Praxis, für die jeweils sehr spezifische Lokalisierungen und repräsentative Einrichtungen ausgearbeitet wurden (Psallierchor für die Tagzeitenliturgie, Vorchor, Presbyterium und Hochaltar, Heiltümer und Altarbilder, Sakristei, Reliquienkammern und Kapellen, Grablegen und Stiftermemoria, Nebenaltäre, Stuckdekor, Mirakelbilder etc., schließlich ausführlich das Langhaus als "gerichteter Versammlungssaal" (167)). All das diente einer Neubestimmung des Verhältnisses von Konvent und Wallfahrtsöffentlichkeit (vgl. 89). Schon hier entfaltet sich äußerst fruchtbar die Grundentscheidung, alle Aspekte der kunstgeschichtlichen Analyse mit liturgie- und theologiegeschichtlichen Zeugnissen ins Gespräch zu bringen. Bedeutende Reliquienstiftungen (z.B. eine Reliquie eines spätantiken römischen Bischofs Anterus) als "spirituellem Kapital" (151) verbanden das Stift Polling nochmals enger sowohl mit dem bayerischen Herrscherhaus als auch mit dem päpstlichen Rom der post-tridentinischen Konfessionalisierung. Immer wieder zeigt Fürst die fluktuierende Dynamik, mit der alte und neue Heiltümer einander ablösten oder ergänzten (z.B. 156, 165) und sich das Stift Polling im 18. Jahrhundert von Verehrungspraktiken zu lösen begann, die im Zeitalter einer katholischen Frühaufklärung als nicht mehr passend empfunden wurden (vgl. 207-215). Die insgesamt "aufwendige Gestaltungsweise und ihre Motive" seien vor allem "aus der Perspektive der Wallfahrt zu begreifen", für "eine weitgehend bäuerlich geprägte Bevölkerung" in ihrer Wirkung "ebenso überraschend wie eindrucksvoll" (176), gerade auch in ihrem steten Rückbezug zur Münchner Hofkunst. Bemerkenswert dicht gelingt dem Verfasser die Zusammenführung aller Aspekte, die diesen komplexen Kirchenraum prägen: die Bedürfnisse des Konvents und der Wallfahrer, die eher asketische Ordenstradition und die frühneuzeitliche Prachtentfaltung, die Spannung von Reform und Beharrungsvermögen, schließlich theologisch und liturgisch die Repräsentation einer Heilsgeschichte voller Wunder und Gnadenerweise (vgl. 220 f.): "Der 'gnaden- und wunderreiche Ort' war ein Konzept, dessen hochgespannter Anspruch nicht nach Beschränkung und Abschluss verlangte, sondern nach fortschreitender Entwicklung." (225)
Kapitel III. widmet sich einem Spezifikum der Pollinger Stiftskirche, dem Wallfahrtschor mit seinem prominenten Doppelaltar. Es fehlt hier der Raum, die in drei Richtungen geführte subtile Analyse genauer zu kennzeichnen: erstens hinsichtlich der liturgischen Funktion, zweitens hinsichtlich der bildkünstlerischen Ausstattung, drittens hinsichtlich der wesentlichen bayerischen Vergleichsbeispiele in Andechs, Biberbach, Vilgertshofen und weiteren. Der Hochaltar als "Schaubühne der Festliturgie", und zwar als "Höhepunkt des Wallfahrtsgeschehens" an besonderen Festtagen am oberen Altar, vollzogen durch hochrangige Kleriker, erweist die wechselseitige Verwiesenheit von Ritual und bildkünstlerisch ausgestaltetem Raum, um "aussagekräftig zu werden und Überzeugung zu stiften" und dadurch ein "genau definiertes Verhältnis zwischen Priestertum und Kirchenvolk, zwischen Raum und handelnden Personen und zwischen Kunst- und Gnadenobjekten" zu stiften (288). Dass das alles weit mehr als Klerikalismus und Disziplinierung war, wird sehr plastisch.
Die wesentliche Botschaft der detailreichen Studie ist damit überbracht, aber Ulrich Fürst entfaltet dieses Grundmotiv seiner Analyse anschließend in weiteren, bislang wenig beachteten Konstellationen von Raum und religiöser Praxis: In Kapitel IV. beschreibt er detailliert die in Polling und in umgebenden Wallfahrtsklöstern stattfindenden Heiltumsweisungen, in Kapitel V. die Gestaltung und Funktion von Reliquienkapellen, wiederum mit zahlreichen Vergleichsbeispielen, in Kapitel VI. schließlich die Funktion von Wallfahrts- und Bruderschaftskirchen. Auch hier werden kirchen- und kulturhistorische Ansätze für eine Interpretation der Räume fruchtbar gemacht - und umgekehrt. Die Kategorien der Schönheit und der ubiquitären Präsenz des Heiligen werden als Kerne der avisierten spirituellen Erfahrung des Raumes sehr plastisch: eine "Entzündung der Herzen durch äusserliche Majestät" (549).
Das Kapitel VII. Resümee gibt noch einmal präzise an, worum es Ulrich Fürst mit diesem materialreichen Mammutwerk ging, für das sich Leserinnen und Leser einiges an Zeit einplanen sollten: Er will hinausführen "über lange etablierte formanalytische oder ikonographische Verfahren der Kunstgeschichte", aber auch über das, was er etwas polemisch "das Neo-Establishment des akademischen Bilddiskurses" nennt (549). Er kann eindrucksvoll zeigen: "Das Unerhörte göttlicher Intervention wurde nicht einer vagen Innerlichkeit überantwortet"; vielmehr war es "sinnliche Wahrnehmung", die ein "Heilsversprechen" vermittelte (552). Wer Kunstgeschichte betreibe, sei besonders gefordert, die "eigentliche Verbindung [...] zwischen ästhetisch-künstlerischen Gestaltungen und der nachdrücklich behaupteten und damals vielfach beglaubigten Wirkung des Numinosen in der Welt" zu beschreiben (ebd.).
Der Rezensent, Theologe und Historiker, der aus diesem Band viel gelernt hat, bietet für Projekte dieser Art gern Zusammenarbeit an.
Ulrich Fürst: Wallfahrtsarchitektur als Erfahrungsraum. Die Stiftskirche Heilig Kreuz in Polling im Szenario süddeutscher Gnadenstätten des Barock (= Studien zur christlichen Kunst; Bd. 13), Regensburg: Schnell & Steiner 2024, 607 S., 167 Farb-, 38 s/w-Abb., ISBN 978-3-7954-3877-7, EUR 79,00
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