sehepunkte 26 (2026), Nr. 4

Andreas Heinz (Bearb.): Die liturgischen Werke Amalars von Metz/Trier (ca. 775 - ca. 850)

In der ehrwürdigen Reihe der Liturgiewissenschaftlichen Quellen und Forschungen (LQF) ist seit längerem - man möchte fast sagen: zur Rechtfertigung des Reihentitels - neben so vielen Forschungen in Form von Monografien und Sammelbänden wieder einmal ein Quellenband erschienen. Dass es sich nicht um eine kritische Edition, sondern um die Übersetzung eines fast 80 Jahre zuvor edierten Quellenkorpus [1] handelt, gehört in eine Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die mit einer gewissen Verspätung auch im deutschen Sprachraum zur vermehrten Publikation anspruchsvoller zweisprachiger Ausgaben oder Übersetzungen fremdsprachiger Quellentexte geführt hat.

Auch in den LQF ist dies nicht der erste Fall einer Quellenübersetzung. Vor zehn Jahren ist hier das Rationale divinorum officiorum des Wilhelm Duranti (Durandus) publiziert worden. [2] Handelte es sich bei diesem Werk um die seit dem Spätmittelalter verbreitetste Liturgieerklärung, die noch in der Neuzeit außerordentlich breit rezipiert worden ist, so kommt mit den Schriften Amalars der Beginn der reichhaltigen Literatur mittelalterlicher Liturgieauslegungen in den Blick.

Diese erklärten den christlichen Gottesdienst nicht historisch-genetisch, sondern allegorisch. Dabei folgten sie der Bibelauslegung, die mit einem (zumeist) vierfachen Schriftsinn rechnete. Die Verbindung zur biblischen Exegese ist bei Amalar besonders eng, weil er immer wieder die Bibel zur Erklärung der Liturgie heranzieht, und zwar häufig nicht in ihrem wörtlichen Sinn, sondern in allegorischer Auslegung. Mit der Bibelexegese teilt Amalars Liturgieerklärung eine weitere, den heutigen Leser zunächst irritierende Gemeinsamkeit: Mehrfach reiht sie alternative Interpretationen aneinander, ohne sich für eine zu entscheiden oder sie auch nur zu bevorzugen. Zugleich war Amalar ein durchaus kritischer Kopf. So entging ihm nicht, dass das, was im Frankenreich in den Ordines Romani als römische Liturgie überliefert wurde, nicht durchgängig mit der tatsächlichen stadtrömischen Praxis übereinstimmte.

Der Band bietet Amalars sämtliche liturgischen Werke in (ungefährer) chronologischer Ordnung. Er beginnt mit seinen einschlägigen Briefen und kürzeren Ausarbeitungen, die ihnen beigegeben waren (23-129). Mehr als die Hälfte des Bandes nimmt Amalars Hauptwerk, der Liber Officialis, ein (131-512), der wiederum in vier Bücher geteilt ist: 1. zum Kirchenjahr, 2. zu den Gewändern und Weihen der Kleriker, 3. zur Messfeier und 4. zum Stundengebet. Darauf folgt sein zweites großes Werk, eine Erklärung eines von ihm selbst nach stadtrömischen und fränkischen (Metzer) Vorlagen zusammengestellten Antiphonars (513-621). Die letzte Schrift (623-650), eine knappe Erklärung des Ordo Romanus, kann nicht mit Sicherheit Amalar zugewiesen werden.

So wirkmächtig die von ihm eingeführte allegorisierende Liturgieerklärung geworden ist, so vergleichsweise schlecht greifbar bleibt der Autor, der traditionell als 'Amalar von Metz' bezeichnet wird oder jedenfalls wurde. Es ist jedoch kein fehlgeleiteter Lokalpatriotismus, wenn der Herausgeber, langjähriger Inhaber des Lehrstuhls für Liturgiewissenschaft in Trier, ihn im Buchtitel etwas sperrig als Amalar "von Metz/Trier" benennt. Einen engeren biografischen Bezug zu Metz konnte die jüngere Forschung nämlich nicht verifizieren, während er für einige Jahre als (Erz-)Bischof in Trier belegt ist.

Darüber klärt die Einleitung (1-21) des Herausgebers auf und ordnet Amalars liturgische Schriften in den biografischen Kontext ein - soweit das möglich ist. Dies geschieht in ständiger Auseinandersetzung mit der Forschung, so dass der Leser hier auf deren aktuellen Stand gebracht wird. Für die Kommentierung der Übersetzung gilt dies nicht. Man gewinnt den Eindruck, dass der Herausgeber den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vorgezogen hat, was man im Blick auf sein vorgerücktes Alter durchaus nachvollziehen kann. Die Nachweise der Kirchenväterzitate greifen der kritischen Editionen folgend auf Mignes Patrologia Latina und Graeca zurück. Dank der inneren Zitation dürfte ihre Auffindung in den heute maßgeblichen Ausgaben jedoch keine Schwierigkeiten bereiten. Dort, wo solche Probleme auftreten könnten (bei den Ordines Romani und dem Sakramentar selbst), sind die Angaben aktualisiert.

Die Stellen der expliziten Zitate aus der Bibel sind dagegen nicht im Apparat nachgewiesen, sondern in Klammern in den Text gesetzt. Das entlastet den Apparat, behindert den Lesefluss aber nicht. Von Amalar nicht ausgewiesene Bibelzitate und biblische Anspielungen werden im Prinzip gar nicht nachgewiesen. Dass der Herausgeber hier nicht konsequent verfahren ist, so dass doch einzelne Nachweise im Text begegnen, wird man ihm nicht ankreiden wollen (offensichtlich folgt er auch darin seiner Vorlage). Die Psalmenzählung folgt im Text sinnvollerweise jener der lateinischen Bibel (Vulgata), im Bibelstellenverzeichnis wird aber zugleich die Zählung der hebräischen Bibel angegeben, der heute alle deutschen Übersetzungen folgen.

Nicht alle Entscheidungen des Herausgebers sind gleichermaßen glücklich. Befremdlich wirkt die durchgehende Dezimalgliederung, der die Gesamteinleitung, die Einleitungen zu den übersetzten Texten und die Übersetzungen selbst gleichermaßen unterworfen sind und die in einer Monografie angemessen wäre, aber nicht in einer Quellensammlung. Sie entspricht in ihrer Logik nur bedingt dem Aufbau des Bandes und eine Funktion scheint sie nicht zu besitzen. Die Querverweise nutzen sie jedenfalls nicht. Dafür produziert sie im Liber Officialis eigenartige Kolumnentitel wie: "3.8 Buch IV: Das Stundengebet".

Wirklich misslich ist jedoch der Verzicht auf ein detaillierteres Inhaltsverzeichnis, das bis auf die Kapitelebene hinuntergehen müsste. Noch besser wäre wohl ein gutes Register der liturgischen Betreffe und am besten natürlich beides. Wer sich über Amalars Auslegung eines bestimmten Aspekts der Messfeier, des Kirchenjahres oder des Stundengebets informieren möchte, wird sich kaum die Zeit nehmen, den umfangreichen Band ganz durchzulesen. Jetzt muss er aber mindestens in großen Partien die Kapitelüberschriften durchgehen - und kann immer noch nicht sicher sein, alles Einschlägige gefunden zu haben. Amalar war nämlich ein eher unsystematischer, ja unordentlicher Autor.

Dass die Übersetzung sich geschmeidig lese, wird man nicht behaupten können. Das liegt jedoch nicht am Übersetzer, sondern am assoziativ-sprunghaften und stark elliptischen Stil Amalars. Um das Verständnis zu erleichtern, sind häufiger in Klammern Wörter im Satzzusammenhang ergänzt oder erklärend eingefügt. Entsprechend sind ab und an lateinische Begriffe aus der Vorlage ebenfalls in Klammern beigegeben, so dass Amalars Terminologie nachvollziehbar wird. Dafür, dass er den Zugang zu diesem sperrigen Autor durch diese Übersetzung erleichtert hat, gebührt Andreas Heinz unser Dank, der alle geäußerten Kritikpunkte bei weitem überwiegt.


Anmerkungen:

[1] Jean Michel Hanssens (ed.): Amalarii episcopi Opera liturgica omnia. (= Studi e Testi, 138-140), Città del Vaticano 1948-1950.

[2] Vgl. die Rezension: https://www.sehepunkte.de/2017/06/29623.html

Rezension über:

Andreas Heinz (Bearb.): Die liturgischen Werke Amalars von Metz/Trier (ca. 775 - ca. 850) (= Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen; Bd. 119), Münster: Aschendorff 2025, XIX S., ISBN 978-3-402-11300-4, EUR 96,00

Rezension von:
Stephan Waldhoff
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Leibniz-Edition, Potsdam
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Waldhoff: Rezension von: Andreas Heinz (Bearb.): Die liturgischen Werke Amalars von Metz/Trier (ca. 775 - ca. 850), Münster: Aschendorff 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 4 [15.04.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/04/40802.html


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