sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8

Sara Bangert: Entgrenzte Ähnlichkeit im Milieu des Surrealismus

Während die anglophone Forschung in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Dynamik entfaltet hat, bleibt die Beschäftigung mit dem Surrealismus in den deutschsprachigen Geisteswissenschaften vergleichsweise überschaubar. Besonders deutlich zeigt sich diese Diskrepanz in Themenfeldern, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen und politischen Aktualität verstärkt in den Fokus gerückt sind. Ökokritische und ökofeministische Ansätze etwa tragen neue Fragestellungen an den Surrealismus heran, während im Zeitalter Künstlicher Intelligenz die vor hundert Jahren entwickelten (halb-)automatischen Verfahren der Bewegung erneut Gegenstand intensiver Analysen werden.

Umso erfreulicher ist das Erscheinen von Sara Bangerts umfangreicher Studie zum Konzept der Ähnlichkeit im Surrealismus. Ausgangsbefund ist die "bemerkenswerte Produktivität" der Ähnlichkeit als "zentrales ästhetisch-epistemologisches (Meta)-Konzept" in der "ästhetischen Moderne". Damit verfolgt Bangert ein ambitioniertes Vorhaben. Sie möchte zeigen, dass im Surrealismus ein Ähnlichkeitsdenken fortlebt - oder genauer: rekonzeptualisiert wird -, das Foucault in Die Ordnung der Dinge (Les mots et les choses, französische Erstausgabe 1966), wenn nicht für obsolet erklärt, so doch epistemologisch marginalisiert habe. Damit reiht sich die Studie in eine Forschungstradition ein, die die Foucault'sche Dichotomie von Vormoderne und Moderne sowie die Opposition von Ähnlichkeit und Moderne grundsätzlich infrage gestellt hat.

Im Surrealismus, so Bangert, werden ältere Modelle des Ähnlichkeitsdenkens grundlegend transformiert. Ihre zentrale These lautet, dass die Moderne das Ähnlichkeitsdenken keineswegs überwunden habe. Vielmehr entstünden gerade im Surrealismus neue Formen einer produktiven, offenen und relationalen "entgrenzten" Ähnlichkeit. Der Surrealismus erscheint dabei weniger als eigentlicher Gegenstand der Untersuchung denn als heuristisches Feld, an dem sich neue Formen einer "entgrenzten" Ähnlichkeit exemplarisch beschreiben lassen. Zugespitzt wird der Surrealismus auf sein Potenzial hin befragt, ein erweitertes Modell von Ähnlichkeit sichtbar zu machen: "Zu gewinnen sind dabei Ansätze, die Ähnlichkeit nicht depotenzieren, indem sie sie auf eine simple Repräsentationsfunktion oder defiziente Schwundstufe von Identität festschreiben, sondern die sie gerade in der in ihrem ästhetischen Einsatz produktiven Unbestimmtheit nachvollziehen."

Der erste Teil der mehr als neunhundert Seiten umfassenden Studie widmet sich der Rekonstruktion der Genealogie des Ähnlichkeitsdenkens von der Antike bis zur Moderne. Anstatt der lange Zeit üblichen Reduktion von Ähnlichkeit auf Identität, Repräsentation und Wiedererkennbarkeit plädiert Bangert für einen erweiterten Begriff, der Offenheit, Relationalität und produktive Unbestimmtheit einschließt. Ähnlichkeit als Konzept erscheint dabei weniger als statische Übereinstimmung denn als Verfahren der Verknüpfung, Vermittlung und Erkenntnisbildung, das den surrealistischen Leitideen von Imagination, Assoziation, Traum und Analogie verwandt sei. Der Begriff wird damit erheblich erweitert und um bislang nicht mit ihm verbundene Dimensionen angereichert. Zugleich verliert er jedoch an definitorischer Trennschärfe, wenn es nämlich um "unähnliche Ähnlichkeit" geht. Gerade deshalb kommt den im zweiten Teil der Studie entwickelten Fallanalysen besondere Bedeutung zu, da sie die analytische Tragfähigkeit dieses erweiterten Begriffs unter Beweis stellen.

Im Zentrum stehen vier exemplarische Konfigurationen surrealistischen Ähnlichkeitsdenkens, die Bangert anhand der Schlüsselbegriffe Metapher, Metamorphose, Simulakrum sowie Mimikry entwickelt. André Breton erscheint als Theoretiker einer Metapher, die durch die Verbindung heterogener Elemente eine "unähnliche Ähnlichkeit" hervorbringt und sich damit jenseits von Vergleich, Identität und tertium comparationis bewegt. Gerade hier zeigt sich jedoch die Schwierigkeit von Bangerts erweitertem Ähnlichkeitsbegriff, da auch das Heterogene unter die Kategorie der Ähnlichkeit gefasst wird. Nicht weniger erklärungsbedürftig erscheint die Verbindung von Ähnlichkeit und Metamorphose, die Bangert am Beispiel von Max Ernsts Naturgeschichte entwickelt. Indem Ernst die mittels der Frottage erzeugten Strukturen hineinsehend ausdeute, spiele er "die Möglichkeiten der strukturmimetischen Berührungsähnlichkeit, der Archi-Ähnlichkeit und des Ähnlichkeitssehens gegen abbildliche Mimesis" aus. Der auf den ersten Blick paradoxe Zusammenhang von Ähnlichkeit und Metamorphose als ähnlichkeitsstiftendem Prozess ergibt sich dabei nicht aus formaler Übereinstimmung, sondern aus der Vorstellung kontinuierlicher Übergänge und Transformationen.

Magrittes Werk dient der Analyse des Simulakrums. Im Zentrum steht dabei die Auseinandersetzung mit Foucaults berühmter Magritte-Lektüre, die im Simulakrum den Triumph der Differenz über die Ähnlichkeit erkennt. Gegen diese Interpretation versteht Bangert Magrittes Unterscheidung zwischen similitude und ressemblance als Festhalten an einer erweiterten Form der Ähnlichkeit. Magrittes fortwährende Problematisierung der Beziehungen zwischen Bild und Sprache, Sichtbarem und Sagbarem sowie Realem und Imaginärem liest sie als Abkehr von repräsentationalen Bildkonzepten, nicht jedoch als Absage an die Ähnlichkeit selbst. Roger Caillois' Konzept der "diagonalen Wissenschaften" und "Logik des Imaginären" deutet Bangert viertens als Versuch, die Grenzen moderner Wissensordnungen zu überschreiten und verborgene Ähnlichkeiten zwischen biologischen, psychologischen, ethnologischen und ästhetischen Phänomenen freizulegen. In allen Fallstudien zeigt sich allerdings, dass die vier Schlüsselkonzepte nur bedingt voneinander abgrenzbar sind. Metapher, Metamorphose, Simulakrum und Mimikry treten keineswegs isoliert auf, sondern lassen sich in unterschiedlicher Gewichtung in sämtlichen untersuchten Texten und Bildern nachweisen.

Die Untersuchung ist deutlich im Umfeld literaturwissenschaftlicher Kulturtheorie zu verorten. Entsprechend stehen weniger einzelne Werke als vielmehr die an ihnen entwickelbaren epistemologischen Modelle im Vordergrund. Detaillierte Bild- und Textanalysen treten demgegenüber zurück. Darin liegt einerseits die Stärke der Studie. Ihre Originalität gewinnt sie weniger aus der Erschließung neuer Quellen oder unbekannter Werke als aus der theoretischen Neuordnung eines bereits intensiv erforschten Materials. Der Surrealismus erscheint dabei als privilegierter Ort der Rekonzeptualisierung von Ähnlichkeit. Zu fragen bleibt, weshalb Primärquellen zumeist nicht direkt nach den Original- oder Gesamtausgaben, sondern über Sekundärliteratur oder Übersetzungen zitiert werden. Angesichts des philologischen Anspruchs der Studie erscheint dies stellenweise inkonsequent. Wenn die Fallstudien weniger der historischen Rekonstruktion einzelner Werke als der Ausarbeitung und Veranschaulichung eines epistemologischen Modells dienen, liegt in dieser Öffnung auch die zentrale Herausforderung des Buches. Um die von Foucault diagnostizierte Verdrängung der Ähnlichkeit aus den modernen Wissensordnungen zu korrigieren, erweitert Bangert den Begriff der Ähnlichkeit weit über seine traditionelle Bindung an Repräsentation und Identität hinaus. Dadurch gewinnt er beträchtliche Reichweite und ermöglicht überraschende Verbindungen zwischen sehr unterschiedlichen Phänomenen. Zugleich stellt sich die Frage, ob ein derart entgrenzter Begriff seine analytische Trennschärfe vollständig bewahren kann.

Die Argumentation operiert mit einer Vielzahl von Relationierungen, begrifflichen Verschiebungen sowie eigens geprägten Formulierungen wie "Archi-Ähnlichkeit", "Berührungsähnlichkeit", "Ähnlichkeitssehen" oder "formgenetischer Verähnlichung". Solche Wortbildungen unterstreichen den theoretischen Anspruch der Studie, erschweren jedoch mitunter die begriffliche Orientierung. Nicht jede argumentative Verästelung führt zu einem entsprechenden Erkenntnisgewinn, und manche Passagen hätten von einer stärkeren Straffung profitiert. Gleichwohl handelt es sich hierbei weniger um einen Mangel denn um die Kehrseite eines äußerst ambitionierten Unternehmens. Mit Entgrenzte Ähnlichkeit im Milieu des Surrealismus legt Sara Bangert eine originelle Studie vor, die den Surrealismus aus einer ungewohnten Perspektive erschließt und zugleich einen wichtigen Beitrag zu aktuellen Diskussionen über Ähnlichkeit, Relation und ästhetische Erkenntnis leistet.

Rezension über:

Sara Bangert: Entgrenzte Ähnlichkeit im Milieu des Surrealismus. Konturen, Vorgeschichte und Konjunktur eines ästhetischen Konzepts (= Undisziplinierte Bücher; Bd. 8), Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2023, X + 937 S., 53 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-076778-0, EUR 89,95

Rezension von:
Julia Drost
Deutsches Forum für Kunstgeschichte, Paris
Empfohlene Zitierweise:
Julia Drost: Rezension von: Sara Bangert: Entgrenzte Ähnlichkeit im Milieu des Surrealismus. Konturen, Vorgeschichte und Konjunktur eines ästhetischen Konzepts, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2023, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/07/38485.html


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