Rezension über:

Wolfgang E. J. Weber: Luthers bleiche Erben. Kulturgeschichte der evangelischen Geistlichkeit des 17. Jahrhunderts, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2017, VII + 234 S., ISBN 978-3-11-054681-1, EUR 29,95
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Rezension von:
Stefan Dornheim
Institut für Geschichte, Technische Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Dornheim: Rezension von: Wolfgang E. J. Weber: Luthers bleiche Erben. Kulturgeschichte der evangelischen Geistlichkeit des 17. Jahrhunderts, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 12 [15.12.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/12/31549.html


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Wolfgang E. J. Weber: Luthers bleiche Erben

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Für die Herausbildung der Ideale und des Selbstverständnisses der evangelischen Geistlichkeit wurde die zentrale Rolle Luthers und seiner direkten Schüler im dramatischen Reformationsjahrhundert, insbesondere im Takt der Konfessionsjubiläen, wiederholt ausgiebig geschildert. Die kulturellen Wirkungen von Pietismus und Aufklärung fanden im Rahmen der Kulturgeschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts anhaltend ein reges Forschungsinteresse. Auch wenn inzwischen eine Reihe wichtiger sozialhistorischer und erinnerungsgeschichtlicher Befunde zur Geschichte der evangelischen Geistlichkeit in der Frühen Neuzeit erarbeitetet wurde, die auch für das 17. Jahrhundert gelten, so ist doch das sogenannte Zeitalter der lutherischen Orthodoxie von circa 1580 bis in die Jahre um 1700 von der protestantischen Kirchengeschichtsschreibung ebenso wie von der profanen Geschichtswissenschaft lange Zeit als verknöchertes, uninteressantes und wenig originelles Jahrhundert eher gemieden und meist nur am Rande gestreift worden. Diese Tendenz hat sich erst in jüngerer Zeit verändert, indem man erkannte, dass es im Zusammenhang mit den vielbetonten weitreichenden kulturellen Wirkungen der Reformation gerade des aktiven Einsatzes der nachfolgenden Generationen bedurfte, welche sich das reformatorische Erbe zeitgemäß aneigneten, festigten, tradierten und multiplizierten.

Diesen offenkundigen Forschungsbedarf nimmt die vorliegende Publikation zum Anlass, die im Druck überlieferte, kulturhistorisch bisher aber kaum rezipierte, vielfältige Publikationstätigkeit der evangelischen Geistlichkeit des 17. Jahrhunderts auszuwerten. Insbesondere die sogenannte Pfarrerspiegel-Literatur und vielfältige pastoraltheologisch ausgerichtete Titel aus der Praxis für die Praxis des Pfarramtes eröffnen dabei die Möglichkeit, ein facettenreiches und farbiges Bild von der Denk- und Lebenswelt der evangelischen Geistlichkeit jener Epoche zu zeichnen. Die Tatsache, dass es sich dabei naturgemäß um ein Mosaik zeitgenössischer Selbstbilder und Selbstwahrnehmungen handeln muss, nutzt der Autor für die Formulierung seiner erkenntnisleitenden Fragen. So fragt er etwa nach der Stellung der Pastoren zu den Verhältnissen und Bedingungen ihrer Zeit, nach ihrem Selbstverständnis als sich neu herausbildender sozialer Stand mit dem Evangelischen Pfarrhaus als seiner Basisinstitution, nach der Wahrnehmung spezifischer Pflichten, Aufgaben- und Problemfelder und der Mittel ihrer Bewältigung, nach Reflektionen über Versagen oder Neubestimmungen von Handlungsweisen, Zielen und Anschauungen.

Auf eine mittlere Befundebene zielend, welche nicht beabsichtigt, in die Vielfalt regionaler Spezifika einzutauchen, sondern die das kulturhistorische Profil des Zeitraumes zwischen 1580 und den Jahren um 1700 für das gesamte deutschsprachige Luthertum zu schärfen versucht, verdichtet der Autor seine Befunde anhand verschiedener Dimensionen und Problemlagen des Pfarrerberufes jener Zeit auf gedanklich stets präzise, dabei aber sprachlich erfrischend unverkrampfte, mitunter mutig pointierte Weise. Der Blick gilt dabei zunächst den Anfängen im 16. Jahrhundert zwischen reformatorischem Aufbruch und Ernüchterung, dann den Wegen in die Pfarrstelle zwischen Berufung und Eigeninteresse, nach dem pfarramtlichen Tätigkeitsspektrum, den mitunter vergeblichen Mühen im Kampf gegen Tanz, Unzucht, materiellen Eigennutz und die vielfältigen verheerenden Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Die Studie fragt nach der Wächter- und Mahnerfunktion der Geistlichkeit, welche sich im Verlauf des betrachteten Jahrhunderts zunehmend in Besoldungsabhängigkeit, Selbstdisziplinierung und Herrschaftszuarbeit gegenüber dem sich entwickelnden frühmodernen Staat verlor, bis das Luthertum schließlich als "Idealkonfession des Absolutismus" (121) wahrgenommen werden konnte. Geschildert werden nicht zuletzt die Krisenwahrnehmung und diverse Stimmen der (Selbst-)Kritik und daraus resultierende Aufbruch- und Reformbemühungen innerhalb des Pfarrstandes - auch solche radikaleren Zuschnitts, welche bereits die Übergänge zu aufkommenden pietistischen und aufklärerischen Konzeptionen des Pfarrerberufes andeuteten.

Der Autor versteht es, die Fülle des ausgewerteten Quellenmaterials geschickt zu komprimieren und für den Leser stringent und anregend zu präsentieren. Maßvoll eingestreute längere Originalzitate und Abbildungen zeitgenössischer Titelblätter helfen dabei, zugleich etwas vom Colorit der Epoche zu transportieren. Ein ausführliches Quellen-, Literatur- und Personenverzeichnis erschließt den knapp gehaltenen gelungenen Band und verweist auf die nötigen Hintergrundinformationen. So wird der Band seiner Intention durchaus gerecht, der in der bisherigen Kulturgeschichtsforschung eher verblassten Erbengeneration der lutherischen Reformation etwas Kontur und Farbe zurückzugeben.

Stefan Dornheim