Rezension über:

Theo Waigel: Ehrlichkeit ist eine Währung. Erinnerungen, 3. Auflage, München: Econ 2019, 344 S., 31 Abb., ISBN 978-3-430-21009-6, EUR 24,00
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Rezension von:
Thomas Schlemmer
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Schlemmer: Rezension von: Theo Waigel: Ehrlichkeit ist eine Währung. Erinnerungen, 3. Auflage, München: Econ 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 6 [15.06.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/06/33262.html


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Theo Waigel: Ehrlichkeit ist eine Währung

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Müsste man Theo Waigels Erinnerungen auf den Punkt bringen, so könnte man dies mit folgender Szene tun, die der Ehrenvorsitzende der CSU im Zuge seiner Ausführungen zur deutschen Einheit zum Besten gibt. Ein Parteifreund aus der schwäbischen Heimat habe auf einer seiner Reisen nach Afrika beobachtet, "wie ein Bub seinen kranken Bruder den Berg hinauftrug. Besorgt fragte er den schmächtigen Jungen: 'Ist das nicht eine zu große Last für dich?' Der antwortete schlicht: 'Es ist keine Last, es ist mein Bruder.'" Theo Waigel baute diese Episode in eine Parteitagsrede ein, um "den Geist" zu beschreiben, "mit dem wir den Menschen im Osten Deutschlands begegnen mussten". (137) Wenn man sein Buch gelesen hat, gewinnt diese kleine Geschichte erheblich an Gewicht, ja man kann sie in gewissem Sinne sogar als Schlüssel zu dieser Autobiographie verstehen, in der drei Erzählstränge deutlich hervortreten: Herkunft und Familie, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten, die in der Währungsunion gipfelnde Vertiefung der europäischen Integration.

Die Figuren der beiden Brüder stehen in diesem Sinne für Solidarität und (christliche) Verantwortung, sie stehen aber auch für eine einschneidende Erfahrung, die Theo Waigel in ganz jungen Jahren machen musste: den Verlust seines älteren Bruders, der Ende September 1944 als Soldat an der Westfront den Tod fand. "Mit Gustls Tod war die Welt plötzlich eine andere geworden. Die Eltern hatten sich verändert, waren traurig, bitter, verzweifelt." (23) Es ist kein Zufall, dass Theo Waigel seine Erinnerungen mit dem Tod des Bruders beginnt, aus dessen Feldpostbriefen er ausgiebig zitiert. Er nutzt die Gelegenheit, seine Kindheit im schwäbischen Dorf Oberrohr zu schildern, wo er im April 1939 das Licht der Welt erblickt hatte - eine Kindheit zwischen der engen Geborgenheit einer katholisch-ländlichen Idylle, den Schrecken von Krieg und NS-Herrschaft und den Chancen des Neubeginns von 1945/49, der ungeahnte Möglichkeiten eröffnete und auch den Sohn eines Maurerpoliers und Nebenerwerbslandwirts zunächst zum Abitur und dann zum Jura-Studium nach München und Würzburg führte.

Im Städtedreieck zwischen Neu-Ulm, Günzburg und Krumbach sammelte Waigel seine ersten politischen Erfahrungen. Wie so viele CSU-Politiker seiner Generation stieß er über die katholische Jugendarbeit zur Jungen Union, der er seit 1956 angehörte; vier Jahre später trat er der CSU bei. 1961, im Jahr des Mauerbaus, bestritt Waigel seinen ersten Bundestagswahlkampf als Kreisvorsitzender der Jungen Union in Krumbach; mit dem Moped und ohne Telefon, das sein Vater der hohen Kosten wegen keinesfalls anschaffen wollte. Die Bindungen an seine schwäbische Heimat und die Netzwerke, in die er hineinwuchs, gehören zu den Konstanten der politischen Biographie Theo Waigels. Dass es mit dem langjährigen bayerischen Wirtschaftsminister Anton Jaumann ein Landsmann aus dem Donau-Ries war, der Waigel "entdeckte" und zu seinem politischen Mentor avancierte, entbehrt so nicht einer gewissen Konsequenz.

Theo Waigel hat seine Erinnerungen in vier große Kapitel gegliedert, von denen die ersten drei zwar gleichsam zyklisch angelegt sind, aber auch das Ausgreifen seiner politischen Arbeit und die Verlagerung ihrer Schwerpunkte zeigen. Betitelt sind diese Kapitel mit den Überschriften "Bayern", "Deutschland" sowie "Europa und die Welt". Das erste Kapitel gehört neben der Geschichte vom Werden und Wachsen eines Politikers aus der schwäbischen Provinz vor allem der CSU mit den Stationen Landesvorsitzender der Jungen Union in Bayern (1971 bis 1975), Vorsitzender der Grundsatzkommission (1973 bis 1988), Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag (1982 bis 1989) und CSU-Vorsitzender (1988 bis 1999) als entscheidenden Stationen. Den Ton setzt hier insbesondere das Unterkapitel "Mut vor Götterthronen" über den von Franz Josef Strauß und Friedrich Zimmermann forcierten Beschluss der christsozialen Bundestagsabgeordneten nach der knapp verlorenen Bundestagswahl von 1976, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU nicht zu verlängern. Das hätte aber nicht mehr und nicht weniger als das Ende des seit 1949 erfolgreichen Gebietskartells der Unionsparteien bedeutet, also eine bundesweite Ausdehnung der CSU und einen bayerischen Landesverband der CDU. Zu den Landesgruppenmitgliedern, die gegen dieses riskante Vorhaben votierten, gehörte der junge Abgeordnete Theo Waigel, wohlwissend, dass er sich damit gegen den großen Vorsitzenden stellte. Diese gut dokumentierte Episode - Waigel machte sich stenografische Notizen - zeigt einen Politiker, der furchtlos für seine Überzeugungen einstand und der nicht bereit war, sich aus taktischen Rücksichten zu verbiegen. Hier tut Theo Waigel des Guten vermutlich etwas zuviel, aber bei aller Bewunderung für Strauß hielt er tatsächlich Distanz zu "FJS", und gerade diese Distanz ermöglichte es ihm, seit dem Regierungswechsel von 1982 zwischen dem neuen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem bayerischen Ministerpräsidenten zu vermitteln. Diese Distanz verbunden mit seinem bundespolitischen Gewicht als Vorsitzender der CSU-Landesgruppe war es auch, die ihn nach dem überraschenden Tod von Franz Josef Strauß für den CSU-Vorsitz prädestinierte und die es der bayerischen Unionspartei erlaubte, aus dem Schatten der Skandale zu treten, die mit seinem Namen verbunden waren.

Als Waigel im November 1988 zum CSU-Vorsitzenden gewählt wurde, öffneten sich neue Türen, und eine davon führte ins Kabinett von Helmut Kohl, in das er im April 1989 als Bundesfinanzminister eintrat. In diesem Amt, das er bis zur Wahlniederlage der Unionsparteien 1998 behalten sollte, gewann Waigel an Statur, und das hatte vor allem mit zwei Herausforderungen zu tun, denen er sich zu stellen hatte: der deutschen Einheit und ihren finanzpolitischen Folgen sowie der europäischen Währungsunion und der Einführung des Euro. Auch in der Rückschau ist der Autor cum grano salis mit sich im Reinen - die anhaltenden Debatten um fortbestehende Gräben zwischen West- und Ostdeutschland sowie über die offensichtlichen Strukturprobleme der Eurozone hätten freilich eingehendere Reflexionen verdient gehabt. Nicht im Reinen ist er mit Edmund Stoiber, dem er vorwirft, seine schwierige familiäre Situation 1993 im Kampf um die Nachfolge von Max Streibl im Amt des bayerischen Ministerpräsidenten skrupellos gegen ihn ausgenützt zu haben. In einer ansonsten versöhnlich gestimmten Lebensbilanz fällt dieses bittere Fazit auf.

Das letzte Kapitel, das mit dem Titel "Unvergessliche Begegnungen" überschrieben ist, liegt quer zu den anderen, führt zu seinen heimatlichen Wurzeln - Joseph Bernhart - oder politischen Anfängen - Anton Jaumann - zurück, lässt Vorbilder und Weggefährten wie Franz Josef Strauß, Helmut Kohl oder Wolfgang Schäuble Revue passieren und erinnert aus der Perspektive von einem, der "vom Dorf in die Welt" auszog, an "internationale Partner" (311) wie George Bush oder Michail Gorbatschow. Dieses Kapitel ist etwas ungeordnet geraten und gleicht zuweilen einer Sammlung von Anekdoten. Manche sind aber durchaus bemerkenswert: Als Franz Josef Strauß und Helmut Kohl auf der Autobahn zwischen München und Salzburg das Benzin ausging und sich der Ministerpräsident mit dem leeren Reservekanister wütend auf den Weg zur nächsten Tankstelle machte. Oder die bayerische Geheimwaffe - das Weißbier -, mit der sich Kollegen Finanzminister unschädlich machen ließen, die "zuvor eher durch Widerspruch aufgefallen" waren (318).

Es gibt sicher Publikationen, die detaillierter über die finanzpolitischen Weichenstellungen der deutschen Einheit oder über das Zustandekommen der europäischen Währungsunion Auskunft geben. Wer aber jenseits davon etwas über die Innenseite der großen Politik erfahren möchte, wird von Theo Waigel nicht enttäuscht, der abschließend seiner Partei den Rat gibt, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen, die Finger von den Verlockungen rechtspopulistischer Paradiesäpfel zu lassen und das Bündnis mit der CDU nicht aufs Spiel zu setzen. Was er wohl zum Kurs seines indirekten Nachfolgers im Amt des CSU-Vorsitzenden, Markus Söder, sagt?

Thomas Schlemmer