Rezension über:

Chiara Maria Mauro: Archaic and Classical Harbours of the Greek World. The Aegean and Eastern Ionian Contexts, Oxford: Archaeopress 2019, VIII +116 S., zahlr. Abb., ISBN 978-1-78969-128-3, GBP 30,00
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Rezension von:
Jon Albers
Institut für archäologische Wissenschaften, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Jon Albers: Rezension von: Chiara Maria Mauro: Archaic and Classical Harbours of the Greek World. The Aegean and Eastern Ionian Contexts, Oxford: Archaeopress 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 7/8 [15.07.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/07/33370.html


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Chiara Maria Mauro: Archaic and Classical Harbours of the Greek World

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Wollte man sich bislang mit den antiken griechischen Häfen auseinandersetzen, kam man kaum um das umfangreiche Werk von Lehmann-Hartleben herum [1], das jedoch vorwiegend auf einer Recherche der antiken Literatur basiert und mittlerweile deutlich veraltet ist. Seither sind zahlreiche neue Erkenntnisse zu antiken Häfen im Rahmen archäologischer Feldforschungen bekannt geworden und kleinere komparative Studien erfolgt zumeist in Aufsatzform. [2] Während jedoch vor allem für die römische Archäologie in den letzten Jahren weitreichende Vorhaben gestartet wurden, bleiben größere Studien zu griechischen Häfen eine Randerscheinung. Mit der 2019 erschienenen Dissertation von Chiara Maria Mauro liegt nun endlich ein erster aktueller Versuch vor, den Kenntnisstand zu den ägäischen und kleinasiatischen Kontexten griechischer Häfen der archaischen und klassischen Zeit übergreifend zusammenzustellen und zu bearbeiten. Es freut umso mehr, dass für die gleiche Region praktisch zeitgleich auch eine Publikation zu den hellenistischen (und römischen) Häfen im Osten publiziert wurde [3], so dass zwei aktuelle diachrone Studien zu diesen zentralen Lebensbereichen der griechischen Welt vorliegen und für die antike Hafenforschung völlig neue Perspektiven eröffnen.

Mauro erklärt in der Einleitung zunächst drei Ziele ihres Buches: den Wert der Häfen zu erfassen, die Wissenslücken zur Entwicklung der Häfen in dieser Epoche zu schließen und der Leserschaft einen bibliographischen Handapparat zu den Funden und Befunden an die Hand zu geben. Dabei stehen wiederum drei Fragen im Vordergrund, nämlich jene nach der günstigsten Lage, der funktionalen Spannbreite von Hafenarchitekturen und der unterschiedlichen Gestalt der Häfen (VII).

Um diese Fragen zu klären ist die Arbeit nach der Einleitung in fünf Kapitel unterteilt: Auf eine aktuelle Forschungsgeschichte (1-8) und eine knappe Zusammenfassung der vorarchaischen Häfen des östlichen Mittelmeerraumes (9-24) folgen - den drei Fragestellungen entsprechend - Untersuchungen zu den geomorphologischen und topographischen Bedingungen (25-43), zur Hafengestaltung und der Hafenrandbebauung (44-65) sowie zur Zahl der Hafenbecken (66-76). Danach werden die Ergebnisse zusammengefasst (77-79). Ein als Tabelle gehaltener Katalog (80-101) und die Bibliographie (102-115) beschließen das Buch. Zahlreiche Bilder verdeutlichen die Argumentationen der Verfasserin, teils sind auch sehr nützliche schematische Pläne bezüglich des Verhältnisses von Windrichtung und Ankerplatz im Text enthalten.

Die einzelnen Ergebnisse sind nicht ganz neu, jedoch erstmals für diese spezifischen Kontexte derart zusammengestellt worden. Bezüglich der Geomorphologie stellt Mauro die Bedeutung des Schutzes für den Hafen heraus - und meint dies weniger militärisch als vielmehr gegenüber Wind, Strömung und Wellengang. Sie unterscheidet im Wesentlichen (und mit diversen Untertypen) zwischen Häfen an Landzungen, im Schutz von Inseln, in Buchten und Flussmündungen sowie der Kombinationen dieser Bedingungen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass keine Variante allein restlosen Schutz bietet, die griechischen Häfen bezüglich ihrer Ortswahl jedoch nach hoher Sicherheit und mittlerer bis schwacher Sicherheit zu unterscheiden sind.

Dies führt zur architektonischen Ausgestaltung, mittels der die schützende Funktion des Hafens verbessert werden kann und zu denen nun steinerne Konstruktionen zu zählen sind. Hier lassen sich unterschiedliche Maßnahmen fassen, etwa der Schutz mit ganzen Molen oder die Konstruktion von Wellenbrechern. Waren solche Schutzmaßnahmen die wichtigsten und wahrscheinlich auch frühesten Architekturen der antiken Häfen, lassen sich übergreifend eine ganze Reihe anderer Bauten im Umfeld der Häfen fassen, zu denen etwa die Anlegestellen oder Schiffshäuser zu zählen sind, die sich ab archaischer Zeit nachweisen lassen. [4] Weitere wichtige Strukturen dienten der Sichtbarkeit der Häfen vom Meer aus. Während hier Mauro berechtigterweise auf die Funktion von Tempeln im Umfeld der Häfen verweist, geht sie auch auf Leuchtfeuer ein, wie sie etwa am Piräus oder auf Thasos [5] nachgewiesen wurden. Bezüglich anderer mit den Häfen zu verbindenden Maßnahmen betont sie dann singuläre Anlagen, so etwa den Diolkos von Korinth oder die Skeuothek des Philon am Piräus. Insgesamt kommt sie zu dem Ergebnis, dass Städte mit einem hohen Fokus auf den maritimen Handel und große Flotten oder natürlich unsichere Häfen an wichtigen Handelslinien eine deutlich ausgebaute Hafeninfrastruktur besitzen. Obgleich diese Beobachtungen gut zusammengestellt sind, vermisst man dennoch, die über die reine Infrastruktur des Hafens hinausgehende Analyse der Umgebung der Häfen und hier vor allem der wirtschaftlich relevanten Bereiche. Zu nennen wären etwa die Anbindung an Verkaufsareale, wie die Agora oder zumindest die Diskussion von Lagerhäusern am Piräus. [6] Bezüglich der Frage nach der Gestalt der Hafenbecken bleibt Mauro jedoch in ersten Anfangsbeobachtungen hängen. Sie unterscheidet hier vorwiegend anhand der Anzahl der Hafenbecken bzw. Hafenbuchten einer Stadt, thematisiert eine unterschiedliche Funktion nur am Rande und stellt auch keine weitere Typologie in der Feinheit ihres Kapitels zu den geomorphologischen Bedingungen zusammen.

Der Band erweitert die Kenntnisse zu den antiken griechischen Häfen deutlich und beginnt damit eine zentrale Lücke der Stadtforschung zu füllen. Die Einführung in die Forschungsgeschichte ist sehr klar und bietet einen guten Einstieg in die Thematik. Vor allem ist hier zu betonen, dass die Verfasserin den Blick von Korinth und Athen auch auf andere Häfen lenkt und somit ein deutlich breiteres Spektrum bearbeitet als viele Texte zum Thema. Mauro lässt unterschiedliche Quellen in ihre Arbeit einfließen, so literarische, archäologische Befunde und ikonographische und legt eine in sich stimmige, jedoch deutlich zu kurze Publikation vor. Auch der Katalog ist zu knapp, aber dennoch äußerst nützlich. Die Abbildungen sind gut gewählt, oft jedoch von schlechter Qualität. Insgesamt hat man den Eindruck, dass die Arbeit nur an der Oberfläche kratzt. Wie bereits angemerkt, hätte man sich eine stärkere Thematisierung der wirtschaftlichen Funktionen, der unmittelbar benachbarten sakralen Stätten oder eine stärkere Diskussion unterschiedlicher Funktionen von mehreren Hafenbecken gewünscht, was auf derzeitiger Literaturbasis gut möglich gewesen wäre. Es lässt sich deshalb feststellen, dass der Band bedauerlicherweise hinter dem Potential des Themas zurückbleibt. Die übergeordnete und komparative Forschung zu den archaischen und klassischen griechischen Häfen im Osten ist also noch lange nicht abgeschlossen.


Anmerkungen:

[1] K. Lehmann-Hartleben: Die antiken Hafenanlagen des Mittelmeeres. Beiträge zur Geschichte des Städtebaus im Altertum, Leipzig 1923.

[2] Zum Beispiel: E. Greco: Porti della Magna Grecia. Topografia e storia, in: F. Prontera (a cura di): La Magna Grecia e il mare. Studi di storia marittima, Tarent 1996, 173-188.

[3] S. Feuser: Hafenstädte im östlichen Mittelmeerraum vom Hellenismus bis in die römische Kaiserzeit, Berlin / Boston 2020.

[4] D. Blackman / B. Rankov (eds.): Shipsheds of the Ancient Mediterranean, New York 2013.

[5] Y. Grandjean / F. Salviat / M. Wurch-Koželj (éds.): Guide de Thasos, Paris 2000, 157 f.

[6] G. Steinhauer: Ancient Piraeus. The City of Themistocles and Hippodamus, in: G. Steinhauer / M. G. Malikouti / B. Tsokopoulos (eds.): Piraeus, Centre of Shipping and Culture, Athens 2001, 83-87, 91.

Jon Albers