Rezension über:

Christian Ingrao: The Promise of the East. Nazi Hopes and Genocide, 1939-43. Translated by Andrew Brown, Cambridge: polity 2019, xx + 312 S., ISBN 978-1-5095-2775-5, GBP 25,00
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Rezension von:
Alexa Stiller
Bern / Oxford
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Alexa Stiller: Rezension von: Christian Ingrao: The Promise of the East. Nazi Hopes and Genocide, 1939-43. Translated by Andrew Brown, Cambridge: polity 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 10 [15.10.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/10/34371.html


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Christian Ingrao: The Promise of the East

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Der französische Historiker Christian Ingrao widmet sich in seinem neuen Buch, das bereits 2016 auf Französisch erschienen ist, der Frage nach dem Zusammenhang von Vernichtungspolitik und der "rassistischen Gesellschaftsutopie" des Nationalsozialismus. Wie auch in seiner vorherigen Studie Hitler's Elite möchte Ingrao in dieser Untersuchung der Bedeutung von Emotionen im Handeln der Akteure nachspüren. In der Einleitung schreibt er: "Nazism - this, at least, is the hypothesis that animates this book - was indeed a matter of hatred and anxiety, the main emotions that led straight to the attempt to exterminate European Jewry, but it was also a question of hope, of joy, of fervour and Utopia: it involved building a new world, an alternative future - a Nazi future." (xix-xx) Der Ansatz klingt vielversprechend, doch horcht man bereits bei dem Wort "attempt" in Bezug auf den Massenmord auf. Derartige sprachliche Fauxpas ziehen sich leider durch das Buch. Doch bleiben wir vorerst bei der Beschreibung des Inhalts.

Um der Komplexität der Germanisierungspolitik und der Ostraumplanung - inklusive den damit verbundenen Vertreibungen von einheimischen Bevölkerungsgruppen sowie dem Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden - Herr zu werden, hat sich Ingrao für einen systematischen Zugriff entschieden. Einem ereignisgeschichtlichen "Prolog" folgt ein erster Teil zu den beteiligten Akteurinnen und Akteuren und Organisationen, wobei sich Ingrao auf das Reichssicherheitshauptamt (RSHA), den Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums (RKF) und das Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS (WVHA) konzentriert. Im zweiten Teil erläutert er die verschiedenen Planungen dieser drei Organisationen zur Realisierung der nationalsozialistischen "Utopie" in den östlichen Annexions- und Besatzungsgebieten. Der dritte Teil ist eine Fallstudie über das Zusammenwirken von Vernichtung und Germanisierung im Gebiet von Zamosc, gelegen im Distrikt Lublin des Generalgouvernements.

Die beiden Kapitel, in denen Christian Ingrao der Wirkung von Emotionen im Handeln der Planerinnen und Planer sowie Praktikerinnen und Praktiker nachgeht, sind die stärksten Passagen des Buches. Sehr deutlich arbeitet er heraus, dass die an den Umsiedlungen, Ansiedlungen und Betreuungen der "Volksdeutschen" beteiligten deutschen Frauen und Männer mit großer Leidenschaft ihrer Arbeit nachgingen, von der Passion erfüllt waren, diese "Volksdeutschen" zu unterstützen, und das Gefühl hatten, an einer wichtigen und bedeutenden Sache beteiligt zu sein. Auch die Leidenschaft der nationalsozialistischen Expertinnen und Experten bei ihrer Tätigkeit der Bevölkerungs- und Siedlungsplanung im "Osten" kann er greifbar machen - den Hass auf Jüdinnen, Juden, Polinnen und Polen ebenso wie die Freude am Planen einer überdimensionierten nationalsozialistischen Zukunft. Schade ist nur, dass er diese emotionsgeschichtliche Analyse in der vorliegenden Studie nicht durchgängiger und gründlicher betreibt.

Darüber hinaus liegt dem Buch die zentrale These zugrunde, dass Massengewalt/Genozid und Germanisierung "inextricably linked", sprich eng miteinander verbunden waren (15, 24). Da diese These nicht ganz neu ist, bleibt zu fragen, wie Ingrao sie en detail ausführt und belegt. Im Buch finden sich folgende Aussagen dazu: An einer Stelle argumentiert der Autor, dass die Planung der "solutions to the Jewish question" die "prerequisite for any Germanization" (45), an einer anderen, dass die "practice of genocide" ab Herbst 1941 eine "condition of Germanization" gewesen sei (115). Am Ende schlussfolgert Ingrao, dass in den Augen der Nationalsozialisten die "exhaustive extermination of European Judaism" (Übersetzungsfehler?) die "prerequisite" für die geplante Umsetzung des "imperial and utopian Nazi dream" der Siedlung im Osten dargestellt habe (225). Sowohl die Verfolgung als auch die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden betrachtet Ingrao also als "Vorbedingung" der NS-Siedlungsplanung und der Praxis der "Germanisierung". Doch wie präzisiert er diese These?

Einige der Argumente, die Ingrao im Weiteren präsentiert, entleiht er früheren Studien. So folgt er Götz Alys These, dass das Scheitern der Deportations- und Siedlungspläne im Wartheland zum Massenmord an der jüdischen Bevölkerung geführt habe. [1] Er übernimmt Karl-Heinz Roths Perspektive der Verwobenheit der Planungen des RSHA, des RKF und des WVHA sowie Roths Hervorhebung des "Fernplans" des RSHA (den Ingrao gleich zweimal ausführlich zitiert, S. 39 und 106). Auch Czesław Madajczyks These vom "Sonderlaboratorium" Zamosc als Beginn der Umsetzung des "Generalplans Ost" adaptiert er. [2]

Dabei reduziert Ingrao die Germanisierungs- und Siedlungsplanung auf die SS bzw. auf das RSHA, den RKF und das WVHA. Staatliche Planungsbehörden, Planungsstellen der NSDAP oder der Wehrmacht kommen bei ihm nicht oder nur am Rande vor. Die Ausarbeitung der nationalsozialistischen "Utopie" vom "Osten" (ohne räumliche Differenzierung) und die Vernichtungspolitik (jeweils Planung und Praxis) waren nach Ingrao alleinige Angelegenheiten der SS. Die Besonderheit des Distrikts Lublin, in dem das NS-Regime mit der "Aktion Reinhardt" einen millionenfachen Massenmord an Jüdinnen und Juden begann und parallel Polinnen und Polen vertrieb, um "Volksdeutsche" anzusiedeln, wird bei ihm durch den Fallbeispielcharakter für die NS-Besatzungsherrschaft implizit universalisiert.

Mit dieser zirkelschlussartigen These fällt Ingrao Jahrzehnte hinter die Forschung zurück. Lokale Unterschiede, Akteurinnen und Akteure sowie Initiativen spielen bei ihm keine Rolle. So verdeutlicht die Lektüre des Buches, dass seine zentrale These, der Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden sei eine Vorbedingung der "Germanisierung" und der geplanten Umsetzung der Siedlungsutopie gewesen, letztlich nichts anderes ist als ein neugewendeter Intentionalismus - mit einem Unterschied: nicht der Antisemitismus, sondern die SS-Siedlungsutopie stehen in Ingraos Lesart hinter der Intention der SS, alle Jüdinnen und Juden Europas zu ermorden. Diese Hauptthese kann Ingrao allerdings nicht stringent argumentativ unterfüttern. Das liegt unter anderem daran, dass er sich argumentativ in erster Linie der Thesen wichtiger funktionalistisch denkender Historiker wie Aly und Roth bedient. So changiert Ingrao zwischen intentionalistischen und funktionalistischen Interpretationen, offenbar ohne sich dessen bewusst zu sein.

Dass Ingrao seine zentrale These nicht präzisieren und ausreichend untermauern kann, liegt allerdings auch an weiteren Schwächen der Studie: Zahlenangaben sind falsch, selbst seine eigene Berechnung der vermeintlich 27.000 weiblichen und männlichen Akteure der Germanisierungspolitik weist einen Rechenfehler auf (48-52, insbesondere 241, Anmerkung 14). Namen und Ortsnamen sind falsch, Unterstellungsverhältnisse, Positionen und Verantwortungsbereiche einzelner Personen oder SS-Dienststellen sind inkorrekt angegeben, die unterschiedlichen "volksdeutschen" Umsiedlergruppen, aber auch die verschiedenen Eindeutschungsprogramme werden durcheinandergebracht, nicht nur deutsche Bezeichnungen, auch ganze Sätze aus Zitaten sind falsch übersetzt. Unverständlich ist jedoch insbesondere, wie einem Experten für NS-Geschichte der Lapsus unterlaufen kann, eine Quelle nach einer Holocaust-Leugner-Seite im Internet zu zitieren (254, Anmerkung 14). Nicht nur ein gründliches Lektorat und eine bessere Übersetzung wären dem Buch zuträglich gewesen, sondern auch eine tiefergehende Recherche und breitere Lektüre der vorhandenen Forschungsliteratur. So bleibt der Eindruck einer unausgegorenen These und einer mangelnden Durchdringung des Gegenstandes zurück.


Anmerkungen:

[1] Götz Aly: "Endlösung". Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, Frankfurt/M. 1995.

[2] Karl Heinz Roth: "Generalplan Ost" - "Gesamtplan Ost". Forschungsstand, Quellenprobleme, neue Ergebnisse, in: Mechthild Rössler / Sabine Schleiermacher (Hgg.): Der "Generalplan Ost". Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik, Berlin 1993, 25-117; Czesław Madajczyk (ed.): Zamojszczyzna - Sonderlaboratorium SS. Zbiór dokumentów polskich i niemieckich z okresu okupacji hitlerwoskiej, 2 Bde. Warschau 1977.

Alexa Stiller