Rezension über:

Hans-Martin Kirn / Adolf Martin Ritter: Geschichte des Christentums IV,2. Pietismus und Aufklärung (= Theologische Wissenschaft. Sammelwerk für Studium und Beruf; Bd. 8.2), Stuttgart: W. Kohlhammer 2019, 373 S., 2 Kt., ISBN 978-3-17-033678-0, EUR 39,00
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Rezension von:
Thomas Hahn-Bruckart
Fachbereich Evangelische Theologie, Universität Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Christian Volkmar Witt
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Hahn-Bruckart: Rezension von: Hans-Martin Kirn / Adolf Martin Ritter: Geschichte des Christentums IV,2. Pietismus und Aufklärung, Stuttgart: W. Kohlhammer 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 12 [15.12.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/12/33329.html


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Hans-Martin Kirn / Adolf Martin Ritter: Geschichte des Christentums IV,2

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Der zweite Band der von Hans-Martin Kirn, Professor für Kirchgenschichte in Groningen, im Rahmen des Grundlagenwerks "Theologische Wissenschaft" verfassten, von Adolf Martin Ritter um einen abschließenden Teil erweiterten Darstellung der Kirchengeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts ist in Bezogenheit auf den ersten, dem "Konfessionellen Zeitalter" gewidmeten Band zu lesen [1], gleichwohl aber auch ohne denselben mit Gewinn und Freude an der Erkenntnis zu gebrauchen. Die auch die Struktur des Bandes vorgebenden Sinneinheiten des "Pietismus" und der "Aufklärung" sind dabei als miteinander verwobene Größen profiliert, die gemeinsam an den Dynamiken der Zeit partizipieren beziehungsweise wesentliche Momente derselben selbst hervorbringen.

"Pietismus" wird einführend begrifflich sowohl in seinem engeren als auch in seinem weiteren Sinn reflektiert und im Folgenden in seiner dem engeren Sinn entsprechenden zeitlichen Erstreckung dargestellt, ohne dass ein frömmigkeitstypologischer Zugang abgelehnt würde. Vielmehr ließen sich im Sinne einer "Strukturanalogie" (11) Relationen zu vorlaufenden und parallelen Phänomenen fassen, die etwa in Gestalt verstärkter Subjektivierung und Innerlichkeit sowohl auf die altprotestantische Orthodoxie als auch auf die Aufklärungsbewegung weisen. In der Vorstellung der Forschungsgeschichte dominiert die deutschsprachige Forschung, während auf die Internationalisierung eher summarisch verwiesen wird. Für seine Darstellung konzediert Kirn, dass im Rahmen des vorliegenden Bandes nur eine Orientierung über einzelne Gruppierungen und Richtungen gegeben werden könne, eine thematische Zusammenschau dagegen nicht möglich sei.

Die Darstellung reicht von Spener und den Anfängen des lutherischen Pietismus über Francke und den Hallischen Pietismus, Zinzendorf und die Brüdergemeine, den Württembergischen und reformierten Pietismus - hier auch die terminologische Schwierigkeit reflektierend - bis zum radikalen sowie separatistischen Pietismus. Dabei werden in den einzelnen Kapiteln anhand zentraler Gestalten anschaulich theologische Positionen, religiöse Praxis und Verhältnisbestimmungen zu den jeweiligen gesellschaftlichen Kontexten vorgenommen. So werden etwa die politischen Rahmenbedingungen in ihrer Differenz zwischen Preußen und Württemberg und die unterschiedlichen Konsequenzen, die sie für den Pietismus auch in seiner inneren Ausgestaltung und Positionalität hatten, transparent. Ausgesprochen gut gelungen ist auch, wie die zentralen Gestalten des württembergischen Pietismus in die Strömungen der Zeit und Folgezeit eingezeichnet werden. Überhaupt ist Kirns Darstellung von der steten und sehr instruktiven Reflexion des Verhältnisses zu Orthodoxie und Aufklärung gekennzeichnet. Auch werden "radikale" und "kirchliche" Elemente auf der Höhe aktueller Forschung in ihrem anfänglich häufigen Ineinander zur Sprache gebracht und "Radikalität" dadurch sowohl im Bereich der Entstehungs- als auch in der Verlaufs- und Wirkungsgeschichte pietistischer Strömungen verortet. Ein weiteres hervorzuhebendes Kennzeichen der Darstellung Kirns ist sein konsequenter Einbezug des Verhältnisses zum Judentum.

Der der "Aufklärung" gewidmete zweite Teil entfaltet auf beeindruckende Weise einen Überblick über die als "Bildungs- und Reformbewegung" (126) profilierte Aufklärung in Europa. Systematisierend werden Trägerschichten, Medien und Organisationsformen vorgestellt und in kurzen Skizzen die Propria des Verlaufs in einzelnen Ländern Europas gezeichnet. Ausführlich und anhand zentraler Gestalten werden Positionen der philosophischen Aufklärung dargestellt und dann in drei Durchgängen die Verläufe und Eigenheiten in Protestantismus, Katholizismus und Judentum entfaltet, sodass Profile und Dynamiken greifbar und deutlich werden. Es gelingt dem Vf. ausgezeichnet, sowohl grundlegende Kenntnisse als auch notwendige Feinheiten und Nuancierungen zu vermitteln und für die Durchlässigkeit gleichwohl sinnvoller Kategoriebildungen zu sensibilisieren.

Adolf Martin Ritter, emeritierter Professor für Alte Kirchengeschichte an der Universität Heidelberg, schließlich führt instruktiv - auch im Sinner allgemeiner Konfessionskunde und unter Reflexion einer für die Gegenwart sowohl wissenschaftlich als auch ökumenisch-theologisch verantwortbaren Terminologie - in das Feld der Orthodoxen Kirchen ein. Er unterteilt das Feld in die byzantisch-orthodoxen Kirchen, die von Byzanz getrennten Nationalkirchen und die mit Rom unierten Ostkirchen, wobei der konkrete Bezug zum 17. und 18. Jahrhundert in unterschiedlicher Intensität gegeben ist. Während die jeweils mit einem "Historischen Rückblick" - in dem grundlegende Entwicklungen, etwa der Beitrag des Mönchtums zur Kolonisierung Nordrusslands, verdeutlicht werden - beginnenden Kapitel zu den byzantischen Kirchen immer auch über das 17. und 18. Jahrhundert informieren, kommt diese Zeit in den Kapiteln zu den getrennten Nationalkirchen kaum zur Sprache. Für die unierten Kirchen wiederum treten diese Jahrhunderte wieder plastischer hervor, zumal sich Unionen zum Teil in dieser Zeit vollzogen haben.

Insgesamt liegt mit den beiden Bänden nun ein sehr anregendes und empfehlenswertes Überblickswerk vor, das sowohl einen Zugang zu den Entwicklungen des 17. und 18. Jahrhunderts schafft als auch durch seine vernetzende und an Dynamiken orientierte Gesamtschau Einsichten für bereits in der Materie Kundige bereithält.


Anmerkung:

[1] Vgl. - auch zur Einordnung desselben in das Gesamtwerk - Thomas Hahn-Bruckart: Rezension von: Hans-Martin Kirn: Geschichte des Christentums IV,1. Konfessionelles Zeitalter, Stuttgart: W. Kohlhammer 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 2 [15.02.2019], URL: http://www.sehepunkte.de/2019/02/31787.html (31.10.2020).

Thomas Hahn-Bruckart