Rezension über:

Kathleen Beger: Erziehung und "Unerziehung" in der Sowjetunion. Das Pionierlager Artek und die Archangelsker Arbeitskolonie im Vergleich (= Schnittstellen; Bd. 19), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020, 301 S., ISBN 978-3-525-31094-6, EUR 65,00
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Rezension von:
Monica Rüthers
Universität Hamburg
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Monica Rüthers: Rezension von: Kathleen Beger: Erziehung und "Unerziehung" in der Sowjetunion. Das Pionierlager Artek und die Archangelsker Arbeitskolonie im Vergleich, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 12 [15.12.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/12/34310.html


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Kathleen Beger: Erziehung und "Unerziehung" in der Sowjetunion

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Die Bolschewiki schöpften ihre Überzeugungskraft aus dem Versprechen einer leuchtenden Zukunft. In den Kindern verband sich die Gestalt des Heilsbringers mit derjenigen des sowjetischen Generationenprojekts, das Verzicht im Heute zugunsten dieser Zukunft für die Kinder forderte. Nach Krieg und Bürgerkrieg mussten fünf bis sieben Millionen obdachlose, vagabundierende Kinder, besprizorniki, in die sowjetische Gesellschaft integriert werden.

Kathleen Beger fragt in ihrer Dissertation danach, wie die Erziehung zum Neuen Menschen zwischen 1925 und 1960 angegangen wurde und untersucht zwei exemplarische Kinderlager als "kontrastive sozialgeschichtliche Mikrostudie" (8): Das 1925 eröffnete Ferienlager Artek auf der Krim und die als besonders streng berüchtigte Arbeitskolonie für minderjährige Delinquenten auf einer Insel im Dwina-Delta unweit von Archangelsk, die 1934 gegründet wurde.

Beide Einrichtungen verfolgten dasselbe Ziel, die Disziplinierung und Formung der Kinder zu Neuen Menschen. Dabei gingen sie allerdings von unterschiedlichen Ausgangspunkten aus: Nach Artek kamen nur ausgewählte Kinder und Jugendliche, die "Besten der Besten", während in der Arbeitskolonie delinquente Kinder landeten - selbst wenn es sich um kleine Diebstähle aus Hunger und Not handelte.

Kathleen Beger untersucht die beiden Lager als "totale Institutionen" (Erving Goffman) und Heterotopien (Michel Foucault). Sie waren zugleich außerhalb der Gesellschaft und ein Teil derselben, waren abgeschlossen und hatten Momente der Öffnung. In diesem Zusammenhang ist das Lager Abbild idealer gesellschaftlicher Ordnungen und Instrument zur Überwindung der Ambivalenz (Zygmunt Bauman).

Die Autorin konnte auf eine Reihe von einschlägigen Studien zu den Arbeitskolonien, zu Artek und zur Pädologie zurückgreifen. Archivbestände waren nur in Teilen zugänglich, zu Archangelsk im Regionalarchiv des Gebiets Archangelsk und in Moskauer staatlichen Archiven, zu Artek über die Digitalisate von Brill sowie in Archiven in der Ukraine.

Einleitend gibt die Verfasserin einen Überblick über die Kindheitsgeschichte der frühen Sowjetunion und stellt die Pädologie ausführlich vor, deren Bedeutung sie im äußerst lesenswerten ersten Kapitel aus einer allgemeinen Wissenschaftsgläubigkeit der Bolschewiki, aus Zukunftsoptimismus, Fortschrittsglauben und Maschinenkult heraus erklärt. Die Pädologie, die Wissenschaft vom Kind, fasste dieses als menschlichen Rohstoff auf, den es mit wissenschaftlichen Mitteln zu formen galt. In den frühen 1920er Jahren konkurrierten eugenische (z.B. Ivan Pavlovs Reflexologie), psychoanalytische und "defektologische" (heilpädagogische) Ansätze zur Schaffung eines "neuen Kindes". Die Pädologie neigte zur Diagnose von Abweichungen und zerfranste sich in Massen-Studien, die riesige Datenmengen erzeugten und auf Jahre ausgelegt waren - viel zu lang für die ungeduldigen Bolschewiken. Deshalb wurde sie Mitte der 1930er Jahre verboten.

Die obdachlosen Kinder waren zum Dauerproblem geworden, das sich durch den stalinistischen Terror, die Hungersnöte und die Deportationen noch verstärkte. Kinder repressierter Familien galten als Feinde des Staates. Die Politik den Waisen und obdachlosen Kindern gegenüber schwenkte um von Hilfe zu Strafe. Die behördlichen Zuständigkeiten verlagerten sich zum Innenministerium der UdSSR (NKVD, später MVD). Die Polizei wurde angewiesen, alle streunenden Kinder aufzugreifen und in Heime oder Kolonien zur Umerziehung der delinquenten Kinder zu überweisen.

Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht die Geschichte der beiden Lager. Das Lager Artek entstand 1925 aus Ideen der klassischen Arbeiterwohlfahrt als Erholungsheim für Kinder im Rahmen der Tuberkulosevorsorge. Die Krim als Sommerfrische der vorrevolutionären Oberschicht sollte nun zum Erholungsort der siegreichen Arbeiterklasse werden. Artek litt wie auch Archangelsk unter den sowjetischen Krisen und dem Zweiten Weltkrieg, entwickelte sich aber vor allem in der Zeit der Öffnung nach Stalins Tod zu einem internationalen Lager, in dem mit jugendlichen Gästen aus der ganzen Welt die Freundschaft der Völker zelebriert wurde. So wurde Artek im Gegensatz zu Archangelsk als Vorzeigelager in visuellen Medien und auch auf der internationalen Bühne äußerst sichtbar.

Das 1934 gegründete Lager Archangelsk war einem Industriebetrieb zugeordnet. Die berufliche Qualifizierung sollte aus delinquenten Kindern produktive Bürger machen. Diese Arbeitskolonie folgte einem besonders strengen Regime. Im Krieg fertigte sie Minen. Die Versorgungslage war prekär. Ab 1950 sollten sich die Verhältnisse verbessern, auch durch Instandsetzung der Lagergebäude. Nach 1953 wechselte die Zuständigkeit vom MVD zum Justizministerium, und im Zuge der Amnestien von 1959 wurde das Lager in eine Besserungsanstalt für Erwachsene umgewandelt. Momente der Öffnung waren Besuche von Inspektoren und Kontakte zu Angehörigen sowie Kultur- und Sportveranstaltungen.

Der thematisch gegliederte Vergleich der beiden Lager beleuchtet die Topografien, die Bedeutung von Gesundheit und Hygiene, informelle Hierarchien und Gewalt sowie Momente der Öffnung. Die Ideen der Pädologie prägten die Praxis in Artek wie in Archangelsk. Die Autorin zeigt, dass die periphere Lage ihre Versorgung mit materiellen und personellen Ressourcen erschwerte, dass in beiden Lagern in Krisenzeiten Hunger, Krankheiten und Ungeziefer um sich griffen, die Ordnung kollabierte und informelle Strukturen entstanden, in denen "Günstlings- und Misswirtschaft, Gewalt und Repression auf der Tagesordnung standen" (112). In beiden Lagern klafften Anspruch und Realität auseinander, was nicht zuletzt eine Überprüfung der Speisepläne zeigt. Die Autorin vertritt die titelgebende These, dass die Arbeitskolonien die Kinder entsozialisierten und spricht daher von "Unerziehung". Das begründet sie mit dem Kontakt der Kinder und Jugendlichen zu erwachsenen Häftlingen des GULag, mit mangelnden Bildungs- und Ausbildungsstrukturen und mit der Versorgungssituation, die kriminelle Praktiken begünstigte. In Artek hingegen reproduzierten sich die sowjetischen Funktionseliten, und das Programm der Talentförderung war so anspruchsvoll, dass viele Kinder damit überfordert waren und es zu Verweigerung kam.

Kathleen Beger ist trotz der bruchstückhaften Quellenlage eine Studie von hoher empirischer Qualität gelungen. Der ausgezeichnete erste Teil zu den sowjetischen Wissenschaften vom Kind und der Kinderpolitik verknüpft die relevanten Themenfelder der 1920er und 1930er Jahre und stellt den Übergang zu repressiven Praktiken eindrücklich dar. Der Vergleich bringt wertvolle Erkenntnisse, wenn die Versorgungslage, die Willkür und Übergriffe eben nicht nur die Arbeitskolonie, sondern in schwierigen Zeiten auch das sonnige Artek prägten und wenn auch die Arbeitskolonie ihre Momente der Öffnung kannte. Die Autorin stieß jedoch auch an die Grenzen ihrer Quellen und Möglichkeiten. Die inneren räumlichen Anordnungen der Lager und die sich darin materialisierenden Disziplinarräume (Foucault), in denen der Körper der Kontrolle unterworfen, fügsam gemacht und normiert wird, bleiben unbeleuchtet. Auch der Alltag in den Institutionen bleibt trotz der Hinweise auf Eigensinn und Verweigerung, auf die agency der Kinder und Jugendlichen, etwas blass. Kathleen Beger gelingt es jedoch, den Zöglingen eine Stimme zu geben. So setzt die Studie mit mehreren exemplarischen Protagonisten ein, und die Autorin führte mehrere Interviews mit ehemaligen Pionieren und Leiterinnen und Leitern aus Artek. Eindrücklich sind die Korrespondenzen von Angehörigen, beispielsweise einer Mutter, die sich für ihren in Archangelsk internierten Sohn einsetzte. Die individuellen Erfahrungen treten aber insgesamt hinter die gut gelungenen erziehungspolitischen Teile der Studie zurück.

Das letzte Kapitel zur Gegenwart und deren Umgang mit den Lagern ist der russischen Erinnerungspolitik und der Kindheit als Erinnerungsort gewidmet, aber weniger überzeugend analytisch durchdrungen. Als Erinnerungsort spielt Artek als Megasymbol der glücklichen sowjetischen Kindheit eine wichtige Rolle. Dass die Sowjetnostalgie in Verbindung mit der glücklichen Kindheit aktiviert wurde, ist gerade auch im Rahmen der Annexion der Krim durch Russland 2014 von hoher Aktualität. Haften bleibt die ausgezeichnete Analyse der sowjetischen Wissenschaften vom Kind und ihren Zielen.

Monica Rüthers