Rezension über:

Oliver Fieg (Hg.): Rastatt 1714 und der Traum vom Frieden (= Oberrheinische Studien; Bd. 39), Ostfildern: Thorbecke 2019, 222 S., 19 s/w-Abb., ISBN 978-3-7995-7836-3, EUR 34,00
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Rezension von:
Henrike Meyer zu Devern
Quakenbrück
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Henrike Meyer zu Devern: Rezension von: Oliver Fieg (Hg.): Rastatt 1714 und der Traum vom Frieden, Ostfildern: Thorbecke 2019, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 7/8 [15.07.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/07/33905.html


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Oliver Fieg (Hg.): Rastatt 1714 und der Traum vom Frieden

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Die vorliegende Aufsatzsammlung geht zurück auf eine Tagung anlässlich des 300. Jahrestags des Friedensvertrags von Rastatt im Mai 2014. Die Titelformulierung "Traum vom Frieden" impliziert, der Friede sei ersehnt worden, habe aber lange auf sich warten lassen oder sei gar nicht zustande gekommen. Tatsächlich schauen die Autorinnen und Autoren vom Friedensjahr 1714 vor und zurück, betrachten die letzten Kriegsjahre ebenso wie die Perspektive der Friedenszeit. In Rastatt wurde 1714 der Friedensvertrag zwischen den Bourbonen und den Habsburgern aufgesetzt, was noch wenige Monate zuvor in Utrecht 1713 von den Diplomaten nicht bewerkstelligt werden konnte; erst mit dem Frieden von Baden wurde der Traum vom Frieden im September 1714 dann vollständig Wirklichkeit. Will man für Rastatt als Forschungsgegenstand nach einer Besonderheit suchen, so ist augenfällig, dass hier nicht, wie in Utrecht oder Baden, ein multilateraler Kongress stattfand, sondern Verhandlungen nur zwischen zwei Bevollmächtigten geführt wurden.

Der Sammelband von Oliver Fieg geht aber nicht zur zeitlich über die eigentlichen Verhandlungen im Rastatter Schloss hinaus, sondern nimmt unter den unterschiedlichsten Gesichtspunkten auch die Region rund um Rastatt in den Blick. Die Besonderheiten der geografischen Lage an der Peripherie des Reiches und der Grenze zu Frankreich mit dem Rhein als bestimmendem Faktor gehören zum gemeinsamen Nenner der meisten Beiträge. Der Rhein ist wichtig als naturräumliche Gegebenheit, als geografische, strategische und politische Grenze und Ziel. Ihre Lage zwischen den Herrschaftsgebieten der verfeindeten Habsburger und Bourbonen und die Nachbarschaft zur neutralen Schweiz beeinflussten die Region und die Entscheidungsträger. Die Tagung war entsprechend in Sektionen organisiert, die sich diesen "Peripherien" Frankreichs und des Reichs widmeten. [1] Hingegen kommt das Inhaltsverzeichnis der Aufsatzsammlung ganz ohne Unterkategorien aus. Gerahmt werden die regionalgeschichtlichen Studien von zwei Beiträgen, die einen europäischen und einen internationalen Kontext aufzeigen. Anton Schindling stellt zunächst einleitend die Wechselwirkungen des Friedens mit der politischen Biographie Kaiser Karls VI. heraus und Jörg Fisch schließt den Tagungsband ab, indem er den Bogen vom Ewigen Frieden zum Weltfrieden schlägt.

Mehrere Beiträge arbeiten mit einem akteurszentrierten Ansatz. Max Plassmann untersucht die Handlungsentscheidungen Ludwig Wilhelms von Baden. Dabei wird deutlich, in welchen Kriterien und Denkmustern der Feldherr und in welchen der Reichsfürst zu finden ist. Markgraf Friedrich Magnus und sein Sohn Karl Wilhelm von Baden-Durlach werden als Fallbeispiele für Neutralitätsstrategien untersucht. Susan Richter legt dar, auf welche Weise es möglich war, um de facto für ein Territorium einen neutralen Status zu schaffen. Im umfangreichsten Beitrag skizziert Oliver Fieg die Biografie des französischen Feldherrn und Diplomaten Villars, der mit Prinz Eugen den Frieden im Rastatter Schloss verhandelt hat.

Dezidiert regionalgeschichtlich sind die Studien von Joachim Brüser zum Schwäbischen Kreis, von Michael Strauß zum Breisgau, von Claude Muller zum Elsass und Henning Murmann zur Kurpfalz. Der erstgenannte betrachtet die Kriegs- und Friedensziele Württembergs und des Schwäbischen Kreises. Bei den Ergebnissen der Friedensschlüsse muss hier wie auch bei Forschungen zu anderen Kreisen und mindermächtigen Territorien konstatiert werden, dass ihre Interessen hinter denen der gekrönten Häupter zurückstehen mussten. Die Regionalstudie zum Breisgau befasst sich mit den Kriegserfahrungen dieses Grenzgebiets. Erwartungsgemäß war die Region strategisch wichtig und heftig umkämpft. Es gab aber kaum "ungeregelte" gewaltsame Übergriffe, sondern ein funktionierendes Kontroll- und Disziplinierungssystem im Heerwesen. Henning Murmann zieht die konfessionellen Auseinandersetzungen in der Kurpfalz als Beispiel für das Geflecht an Rechten im Alten Reich heran. Verschiedene rechtliche Ebenen überlagerten einander und machten ständige Aushandlungsprozesse notwendig. Claude Muller zeigt für das Elsass, welche Stellung das Gebiet an der Peripherie Frankreichs für die dort eingesetzten Eliten hatte und mit welcher Sichtweise die Entscheidungsträger die Region betrachteten. Sven Externbrink stellt in seinem Beitrag den Rhein als Grenze und strategisches Ziel zwischen Frankreich und dem Reich vor. Er kann zeigen, dass der Fluss geopolitisch zwar von großer Bedeutung war, es aber keine systematische "Rheinpolitik" der französischen Könige gab. Die Beiträge von Ulrike Seeger und Carl-Jochen Müller ergänzen den Sammelband um architektonisch-kunsthistorische und literaturgeschichtliche Perspektiven.

So ist diese Aufsatzsammlung inhaltlich sehr facettenreich zusammengestellt. Sie beweist die Bedeutung regionalgeschichtlicher Studien für die Gesamtschau eines europäischen Ereignisses. Die Multiperspektivität, die die Historische Friedensforschung zum einen regional verortet und zum anderen Transferprozesse der Friedenssuche und Friedensstiftung in einem europäischen Kontext aufzeigt, bringt für Leserinnen und Leser in jedem Fall einen Gewinn. Zumal die Zahl der neueren Veröffentlichungen zum Frieden von Rastatt überschaubar ist und dieser Friedensschluss meist in der Reihe Utrecht - Rastatt - Baden zwar erwähnt, selten aber so gründlich und spezifisch erforscht wird. Darüber hinaus bietet dieser Band interessante Untersuchungsbeispiele und damit Anregungen für weitere Vergleichsuntersuchungen zu Regionen, deren Entscheidungsträgern und ihren Transferleistungen im überregionalen oder europäischen Kontext. Leider ist er redaktionell nicht mit letzter Sorgfalt bearbeitet und weist einige sprachliche und formale Fehler auf, was den Gesamteindruck schmälert. Inhaltlich überzeugen die Einzelstudien jedoch und beweisen, dass die Untersuchung von regionalen Fallbeispielen großes Potenzial hat, wenn es gelingt, sie mit weiteren Ebenen zu verflechten.


Anmerkung:

[1] Siehe Tagungsbericht: Brigitte Herrbach-Schmidt: Rastatt 1714 und der Traum vom Frieden, in: H-Soz-Kult, 11.04.2014, verfügbar unter: https://www.hsozkult.de/event/id/event-74627.

Henrike Meyer zu Devern