Rezension über:

Stuart Jenks / Justyna Wubs-Mrozewicz (eds.): Message in a Bottle. Merchants' Letters, Merchants' Marks and Conflict Management in 1533-34. A Source Edition (= SEUH. Studies in European Urban History (1100-1800); 57), Turnhout: Brepols 2022, 257 S., 2 Kt., 22 s/w-Abb., ISBN 978-2-503-59540-5, EUR 86,00
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Rezension von:
Heinrich Lang
Universität Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Heinrich Lang: Rezension von: Stuart Jenks / Justyna Wubs-Mrozewicz (eds.): Message in a Bottle. Merchants' Letters, Merchants' Marks and Conflict Management in 1533-34. A Source Edition, Turnhout: Brepols 2022, in: sehepunkte 24 (2024), Nr. 2 [15.02.2024], URL: https://www.sehepunkte.de
/2024/02/37216.html


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Stuart Jenks / Justyna Wubs-Mrozewicz (eds.): Message in a Bottle

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Kaufmannsbriefe gehören zu den interessantesten und wichtigsten Texten, die uns in die Geschichte des Handels, des Wirtschaftens und der Gesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit einführen. Dabei gibt es weitaus weniger schriftliches Material zur Hanse als zu den süddeutschen oder italienischen Handels- und Bankgesellschaften, das überdies erst in jüngerer Zeit wieder verstärkt Aufmerksamkeit erfahren hat.

Stuart Jenks und Justyna Wubs-Mrozewicz, beide mit ausgewiesener Expertise zur Hansegeschichte und den entsprechenden Fragestellungen, haben sich der höchst verdienstvollen Aufgabe angenommen, ein unbekanntes und ungenutztes Bündel von merkantilen Korrespondenzen gewissenhaft zu edieren und anschaulich einzuführen.

Der vorgelegte Bestand geht auf eine abenteuerliche, vermutlich aber ziemlich alltägliche Geschichte zurück: Am 19. August 1533 kaperten Freibeuter aus Lübeck das Schiff des Antwerpener Skippers Adrian Johnson im Ärmelkanal auf seiner Fahrt nach London. Im Zuge der nachfolgenden diplomatischen Verwicklungen und beim Versuch der beteiligten Kaufleute, ihre Waren zurückzuerhalten, produzierte man in Lübeck noch einigen Schriftverkehr, der zudem auch die Prisen von zwei spanischen sowie drei niederländischen Gefährten betraf und dem man die an Bord des Schiffs Johnsons befindlichen und für englische Korrespondenten, Firmen- und Familienangehörige bestimmten insgesamt 36 Schreiben beifügte. In dieser Form war die Dokumentenmappe ins Hansestädtisch Lübecker Archiv gewandert. Die Aufstellungen über die verlustig gegangenen Ladungen der Schiffe mussten eigens vom Herausgeberpaar herausgesucht werden.

Stuart Jenks und Justyna Wubs-Mrozewicz verfassen insgesamt drei Einleitungen, die ihren jeweiligen Interessen entsprechen. Auf diese Weise erfährt das Lesepublikum von den Vorfällen rund um den Handelsverkehr zwischen den Niederlanden mit Antwerpen und England, sowie über die Bedeutung Lübecks als politischer Standort für die Freibeuterei und die damit zusammenhängenden Konflikte, aber auch die Zusammensetzung der verschiedenartigen Ladungen, die angewandten Strategien zur Wiedererlangung geraubter Güter und die Briefe aus der Feder von Handelsfrauen bzw. an Ehegattinnen gerichtete Schriftstücke. Justyna Wubs-Mrozewicz legt einen besonderen Schwerpunkt in der dritten Einleitung auf die Verwendung und das Vorkommen von Handelsmarken.

Die mehr-perspektivischen Ausleuchtungen zur Einführung in die Edition sowie das eigentlich edierte Material liefern eine Fülle an Gesichtspunkten der Handelsgeschichte des Spätmittelalters. Vor allem aber zeigen die kaufmännischen Briefe Praktiken des Handels (wie Waren verpackt und gekennzeichnet wurden), Kommunikationsverfahren (wie Briefe versandt und an jemanden ausgeliefert wurden) und die Konstruktion praktischen Wissens (wie in Briefen Wissensbestände aufgebaut und kommuniziert wurden). Daneben eröffnen die Dokumente uns auch den Kosmos der Glaubenswelten der ökonomisch Handelnden des 16. Jahrhunderts (die intensive Beschäftigung mit Tod und Seelenheil eines Handelsmannes). In diesen Zusammenhängen soll auch verwiesen sein auf das komplexe Verhältnis zwischen Sprache im phraseologischen Sinne (die Formulierungsweisen, die Artikulation von Handelspraktiken im Nachvollzug und im Präskriptiven), auf den Gebrauch hybrider Zeichensysteme (die Handschriftlichkeit, die Handelsmarken, die Listenformen) und konkrete Inhalte (Informationsgehalt über Personen, Verfahrensweisen, Güter sowie Leistungen).

Die Herausgeberin und der Herausgeber stellen für die Briefe in Mittel-Niederdeutsch und Mittel-Niederländisch in zwei editorischen Richtliniennotizen ihre jeweilige Sicht auf Editionskriterien vor. Das vermag eher zu einer gewissen Verwirrung beitragen, zumal nicht alle Phänomene angesprochen werden.

Auffällig ist ebenso, was ein trauriges Phänomen ist und beileibe kein Alleinstellungsmerkmal der hier vorgestellten Arbeit, dass sich die verschiedenen Forschungs- und Editionstraditionen beredt anschweigen. Die wechselseitige Zur-Kenntnisnahme von Hanse-Forschung, den Forschungen zur süddeutschen Handelsgeschichte und zur romanisch-sprachigen Welt ist betrüblicherweise kaum anzuregen.

Abschließend sei erwähnt, dass die vorliegende Editionsarbeit ihre einleitenden Ausführungen - immerhin 67 von insgesamt 245 Seiten - mit zwei feinsäuberlich aufbereiteten Appendices (die Lokalisierung der Adressaten in London, aufschlussreiche Abbildungen) sowie zwei "intelligenten" Registern (das Personenregister bietet Personendaten, das Sachregister hat die Qualität eines Glossars) abrundet. Nicht nur wären allen editorischen Arbeiten dermaßen viele Hilfsmittel zu wünschen, auch möge das Buch breite Aufmerksamkeit finden.

Heinrich Lang