Rezension über:

Joachim Castan: Der Rote Baron. Die ganze Geschichte des Manfred von Richthofen, Stuttgart: Klett-Cotta 2007, 360 S., ISBN 978-3-608-94461-7, EUR 24,50
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Rezension von:
Günter Riederer
Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Günter Riederer: Rezension von: Joachim Castan: Der Rote Baron. Die ganze Geschichte des Manfred von Richthofen, Stuttgart: Klett-Cotta 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 5 [15.05.2008], URL: https://www.sehepunkte.de
/2008/05/13289.html


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Joachim Castan: Der Rote Baron

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Der Erste Weltkrieg als industrialisierter Massenkrieg produzierte strahlende, nervenstarke Helden. Sie dienten als Propagandawaffe und halfen, den komplexen Krieg zu vereinfachen. Im Zusammenhang mit dem Heldenmut und der Heldenverehrung im Ersten Weltkrieg kommt oft eine Technikfaszination zum Tragen. Einem dieser modernen Helden hat der Historiker und Dokumentarfilmer Joachim Castan eine umfängliche Biographie gewidmet.

In insgesamt zwölf Kapiteln wird die Geschichte von Manfred Freiherr von Richthofen erzählt, der bereits zu Lebzeiten als strahlender Kriegsheld verehrt wurde. Im ersten Kapitel legt der Autor ausführlich die Ziele und Absichten seiner Biografie dar: Er möchte herausfinden, welcher "Kern (...) in der Figur Richthofen" (15) steckt, er will "sein innerstes Wesen irgendwie verstehen" (18), und versucht auf diese Weise - nicht ohne bisherige Biographien "positivistische Faktengeschichte" (21) vorzuwerfen -, zum Mythos Richthofen vorzustoßen. Quellengrundlage des Buches ist die zahlreich vorhandene biographische Literatur. Castan greift auf die allseits bekannten autobiographischen Texte zurück, die allerdings manchmal wohl etwas zu breit zitiert werden (vgl. z.B. 87, 94f., 111f. usw. mit jeweils ganzseitigen Quellenzitaten). Darüber hinaus hat der Autor erstmals Zugang zum Familienarchiv der Richthofens erhalten.

Das Buch zeichnet sich durch eine konventionelle Vorgehensweise aus, die sich an der Chronologie des Lebens von Manfred Freiherr von Richthofen orientiert. Kapitel 2 schildert zunächst den familiären Hintergrund und seine Ausbildung zum Offizier, Kapitel 3 beschreibt Richthofens erste Kriegserlebnisse als Nachrichtenoffizier an der Westfront, Kapitel 4 stellt ausführlich Richthofens Eintritt in die Kaiserliche Fliegertruppe dar. Statt Mythenanalyse präsentiert uns der Autor über weite Strecken allerdings Psychohistorie. Höhepunkt dieser Art der Interpretation der Biografie Richthofens ist das siebte Kapitel, überschrieben mit "Richthofen - Jagdflieger mit Leib und Seele", in dem die Belastungen eines Kampfliegers ausführlich geschildert werden. Hier wird die zentrale These, die dann im Schlusskapitel ihren Höhepunkt in der Interpretation des Richthofenschen Handelns als Ausdruck des borderline-Syndroms findet (301), vorbereitet: Die Jagdfliegerei sei ihm zu einer "Form von euphorischem Rausch geworden - ohne dass er selbst die physiologischen Ursachen für diese Sucht kannte." (175) Es folgen Abschnitte über die mythische Heldenverehrung Richthofens bereits zu Lebzeiten (Kapitel 8) und die ausführliche Schilderung seines Abschusses (Kapitel 10). Kapitel 11 mit dem Titel "Postume Heldenkulte, 1919 bis heute" fällt sehr knapp aus (271-295), hätte man doch gerade hier analytisch tiefer schürfende Aufschlüsse im Sinne der selbst postulierten Fragestellung erwartet.

Den Gesamteindruck einer solide gearbeiteten Biographie trüben Eigenheiten in der Darstellung. Fast scheint es, als habe der Autor stilistisch seine Mitte nicht gefunden: Der gesamte Text schwankt unentschlossen zwischen einer falsch verstandenen populärwissenschaftlichen lockeren Schreibe und dem selbst gestellten wissenschaftlichen Anspruch. Dazu kommen strukturelle Besonderheiten: Die Sucht des Autors, alles und jeden in doppelte Anführungszeichen zu setzen, findet seinen komischen Höhepunkt auf S. 271, wo es über Göring heißt, er habe im Oktober 1922 "einen gewissen 'Adolf Hitler'" kennen gelernt und sei "in eine bis dahin unbekannte Partei, die 'NSDAP' hieß", eingetreten. Zudem ist die Ironie des Autors wohl selbst einer populärwissenschaftlich orientierten Biographie nicht angemessen. Bonmots wie "der pensionierte Ex-Kaiser Wilhelm II." (273) sind auch deswegen ein schlechter Witz, weil damit historische Realitäten verfälscht werden. Auffallend ist darüber hinaus die blumige Sprache: Schlachten pflegen in diesem Buch grundsätzlich zu "toben" (75, 84), und manche Formulierungen bewegen sich am Rande der Stilblüte ("Das langjährige Gewittergrollen über Europa entlud sich im August 1914 mit dem Ausbruch eines Krieges [...]." (43)). Geradezu erfrischend ist die Naivität, mit welcher der Autor, wenngleich laut Klappentext selbst Dokumentarfilmer und historischer Berater von Fernsehredaktionen, in Kapitel 12 bedauert, dass sich das Hollywood-Kino der 1970er Jahre nicht an den historischen Fakten der Figur Richthofen orientiert hat (291f.). Statt der Frage nachzugehen, inwieweit Richthofens "überschüssige Libido" (169) durch das innige Verhältnis zu seinem Mischlingshund "Moritz" aufgefangen wurde, hätte man sich gerade hier eine genauere Analyse der medialen Inszenierungen der Heldenfigur durch das Kino gewünscht.

Es bleibt am Schluss also ein zwiespältiger Eindruck: Trotz der hier vorliegenden ersten umfassenden Biografie, der - wie es im Untertitel heißt - "ganzen Geschichte" des Manfred Freiherr von Richthofen, bleibt noch viel Forschung im Detail zu leisten, um den Mythos um den wohl berühmtesten Jagdflieger des Ersten Weltkriegs genauer zu durchleuchten.

Günter Riederer