Rezension über:

Christina Heiduck: Kosmos und Kommunismus. Die Kosmonauten Miroslaw Hermaszewski und Sigmund Jähn als sozialistische Helden in der Volksrepublik Polen und der DDR (= Europäische Diktaturen und ihre Überwindung; Bd. 32), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2024, 380 S., ISBN 978-3-412-53084-6, EUR 49,00
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Rezension von:
Tilmann Siebeneichner
Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF)
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Tilmann Siebeneichner: Rezension von: Christina Heiduck: Kosmos und Kommunismus. Die Kosmonauten Miroslaw Hermaszewski und Sigmund Jähn als sozialistische Helden in der Volksrepublik Polen und der DDR, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2024, in: sehepunkte 25 (2025), Nr. 3 [15.03.2025], URL: https://www.sehepunkte.de
/2025/03/39735.html


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Christina Heiduck: Kosmos und Kommunismus

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Zum "ersten Deutschen im All", dem Vogtländer Sigmund Jähn, liegen vermutlich mehr Artikel und Interviews, Biografien und wissenschaftliche Untersuchungen vor als zu den übrigen elf deutschen Astronauten zusammen. Da scheint es nur angebracht und folgerichtig, sich einmal eingehend mit der Person Sigmund Jähn und den mit ihr verbundenen politischen wie gesellschaftlichen Konstruktions- und Rezeptionsprozessen auseinanderzusetzen.

Einen solchen Versuch unternimmt Christina Heiduck. Ihr Erkenntnisinteresse richtet sich einerseits "auf die theoretischen 'Konstruktionspläne'" und andererseits auf deren praktische Umsetzung durch Raumfahrer befreundeter sozialistischer Partnerländer, die ab 1978 im Rahmen des sowjetischen Interkosmos-Programms in den Weltraum aufbrachen. Die Raumfahrer betrachtet sie dabei "explizit durch die Analysebrille des Helden", um "ihre Funktionsweise als speziell sozialistische Helden zu verstehen". (23) Neben Jähn bezieht die Autorin deshalb auch den ersten Polen im All, Mirosław Hermaszewski, der wenige Wochen vor Jähn eine sowjetische Rakete besteigen durfte, in ihre Untersuchung mit ein, denn ihr geht es um die Frage, "zu welchem Zweck, wie und von wem die sozialistischen Kosmoshelden inszeniert wurden, was die Kosmonauten schlussendlich als Helden auszeichnete und wie sie als solche im Staatssozialismus agierten". (ebd.)

Zur Erörterung dieser Fragen entfaltet Heiduck ein ebenso systematisches wie schlüssiges Programm. Im Rückgriff insbesondere auf Maksim Gork'kij arbeitet sie im ersten Kapitel heraus, dass der Konstruktion sozialistischer Helden nach 1945 ein Paradoxon zugrunde lag: Als Prototyp des neuen Sowjetmenschen sollten sie "gleichzeitig gesellschaftliches Leitbild und Teil eines als egalitär angelegten Kollektivs sein". (46) Aufgehoben werden konnte dieses Paradoxon allein im politischen Bekenntnis zum Marxismus-Leninismus: "Wer sich der politischen Lehre annahm, dem konnte auch Heldentum zuteilwerden". (47) Heiducks Kosmos-Helden hatten also eine ausgesprochen politische Funktion, wie auch im zweiten Kapitel deutlich wird: Während der Zweck sozialistischer Helden darin bestand, durch ihr Beispiel breite Teile der Gesellschaft von der Überlegenheit des Staatssozialismus zu überzeugen und sie für diese Sache zu mobilisieren, sollten die Raumfahrer-Helden im globalen Systemwettstreit des Space Age den klassischen sozialistischen Arbeiter- und Sporthelden der unmittelbaren Nachkriegsjahre eine neue, zeitgemäßere Dimension erschließen.

Dass dabei nichts dem Zufall überlassen wurde, zeigt Heiduck in den folgenden Kapiteln, die gewissermaßen das Herzstück der Untersuchung bilden. Detailliert und ausführlich rekonstruiert die Verfasserin hier die Rekrutierung der künftigen Kosmoshelden und die Inszenierung ihrer Mission, sowohl im Vorfeld als auch - im Hinblick auf die ihnen zugedachte gesellschaftliche Mobilisierungsfunktion weitaus bedeutsamer - im Anschluss an ihre Heldentat. Obwohl die Inszenierung und Instrumentalisierung der staatssozialistischen Raumfahrer den gleichen Parametern folgte - nicht zuletzt hatte die Sowjetunion zu jedem Zeitpunkt und in allen Fragen das letzte Wort -, arbeitet Heiduck auch einige bemerkenswerte Unterschiede heraus: Während Jähn nach seiner Rückkehr zu Erde "bewies, dass die DDR und die Sowjetunion die richtige Entscheidung getroffen hatten, als sie ihn für den Raumflug ausgewählt hatten" (296), haderte Hermaszewski mit einer Rolle, "die ihn nicht als wagemutigen Piloten, sondern als Repräsentanten des Sozialismus zeichnete". (310) Anders als in der DDR sah sich der polnische Kosmonaut mit der Wahl des Krakauer Kardinals Karol Wojtyla zum Papst im Jahr seines Raumfluges von Anfang an ernsthafter Konkurrenz ausgesetzt: Als Personifikation der "katholisch-polnischen Nation" vermochte Papst Johannes Paul II. "die Pol*innen zu begeistern und entzog dem Kosmonauten die öffentliche Aufmerksamkeit". (316)

Während Heiduck in der patriotischen Gesinnung und einem unterdrückten Nationalstolz entscheidende Momente sieht, welche die staatssozialistische Inszenierung Hermaszewskis als polnischen Kosmoshelden fortwährend untergruben, bleiben vergleichbare Perspektivierungen im Hinblick auf die DDR trotz entsprechender Hinweise weitgehend unbeachtet. So widmete Jähn seine Tat dem unmittelbar bevorstehenden 30. Jahrestag der DDR, und die SED rückte ihn fortan in eine Reihe mit eindeutig national konnotierten Geistesgrößen wie Alexander von Humboldt oder Carl Friedrich Gauß. Die Rivalität zur Bundesrepublik, der es erst 1983 mit Ulf Merbold gelang, den ersten "richtigen Deutschen" - auch er ein gebürtiger Vogtländer - in den Weltraum zu befördern, ist Heiduck gerade einmal vier ihrer fast 400 Seiten wert.

Die Wahl Hermaszewski als analytischer Vergleichsfolie wirkt demgegenüber durchaus willkürlich. Das Verhältnis der beiden Länder zueinander war infolge der Neuordnung Europas nach 1945 angespannt, daran änderte auch das Interkosmos-Programm wenig. Zu hinterfragen bleibt nicht zuletzt das von Heiduck gewählte Konzept sozialistischer Helden als Grundlage ihrer Analyse, denn so sehr es geeignet ist, normative Orientierungen in Bezug auf individuelle Verpflichtung und gesellschaftlichen Fortschritt im Staatssozialismus der 1970er Jahre aufzuhellen, so wenig kann es erklären, warum Jähns Weltraumabenteuer auch nach dem Ende der DDR eine Heldengeschichte blieb, während Hermaszewski zu einem "Sündenbock" wurde, der "ungerechtfertigt für die Schuld anderer einstehen müsse und dessen Leistung [...] darüber vergessen werde". (331)

Dass Heiduck sich weitgehend den normativen Dimensionen ihrer Kosmoshelden widmet, lässt ihre Schlussfolgerungen mitunter etwas redundant erscheinen. Problematisch wird es, wenn sie diese propagandistischen Zeitbilder einfach reproduziert. So beschreibt sie im abschließenden sechsten Kapitel, wie Jähn 1983 durch die Erlangung eines Doktorgrades "seinem Heldennarrativ einen weiteren Punkt hinzu[fügte], indem er [...] vom Arbeiterkind nun sogar in die Sphären der Wissenschaft aufgestiegen war". Tatsächlich war Jähns Dissertation eine Propaganda-Offensive der SED, mit der man dem westdeutschen Anspruch, wenn schon nicht den ersten Deutschen, so doch mit dem studierten Physiker Merbold den ersten "richtigen" Wissenschaftler ins All schicken zu können, die Grundlage entziehen wollte. Legt diese Episode wiederum nahe, dass die Orientierung am "anderen Deutschland" bei aller Verbundenheit zum sozialistischen Lager einen zentralen Einfluss auf das Agieren der SED ausübte, der auch die Inszenierung des eigenen Kosmoshelden maßgeblich beeinflusste, zeigt sich zugleich, dass das eher systematisch ausgerichtete Konzept sozialistischer Helden für derartig spezifisch-zeithistorische Bezüge blind bleibt.

So legt Heiduck eine mehr oder weniger kritische Hagiografie vor, die für alle, die sich in Zukunft mit der Persona Sigmund Jähns auseinandersetzen wollen, unverzichtbar ist. Jedoch versäumt sie, ihre Befunde an zeithistorische Fragen, etwa zur asymmetrisch-verflochtenen Parallelgeschichte der beiden deutschen Staaten seit den 1970er Jahren oder zum europäischen Transformationsprozess seit den 1990er Jahren, rückzubinden und somit auch die Anschlussfähigkeit der in großen Teilen immer noch als randständig betrachteten Space History an vieldiskutierte Fragen der aktuellen Zeitgeschichtsforschung zu zeigen.

Tilmann Siebeneichner