Christoph Schneider: Der Kalmenhof. NS-"Euthanasie" und ihre Nachgeschichte (= Schriftenreihe der Gedenkstätte Hadamar; Bd. 2), Paderborn: Brill / Ferdinand Schöningh 2024, XXXVIII + 310 S., ISBN 978-3-506-79169-6, EUR 56,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Philipp Kratz: Eine Stadt und die Schuld. Wiesbaden und die NS-Vergangenheit seit 1945, Göttingen: Wallstein 2019
Fritz Backhaus / Raphael Gross / Sabine Kößling et al. (Hgg.): Die Frankfurter Judengasse. Katalog zur Dauerausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt. Geschichte, Politik, Kultur, München: C.H.Beck 2016
Wolfgang Treue: Judengasse und christliche Stadt. Religion, Politik und Gesellschaft im frühneuzeitlichen Frankfurt am Main, Frankfurt/M.: Campus 2023
Thorsten Burger: Frankfurt am Main als jüdisches Migrationsziel zu Beginn der Frühen Neuzeit. Rechtliche, wirtschaftliche und soziale Bedingungen für das Leben in der Judengasse, Wiesbaden: Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen 2013
Der Kalmenhof war einst ein Heim für Kinder mit geistiger Behinderung, das als Einrichtung auch heute noch besteht. Im Nationalsozialismus war die 'Privat-Heilerziehungsanstalt für Schwachsinnige Kalmenhof' in Idstein im Taunus auf vielfache Weise in das nationalsozialistische Krankenmordprogramm eingebunden. Dazu zählte auch die so genannte 'Kinder-Euthanasie', in deren Rahmen Minderjährige nach Idstein im Rahmen des 'Reichsausschussverfahrens' geschickt und dort auch meist ermordet wurden. Obwohl der Kalmenhof als einer der ersten Orte, an denen solche Verbrechen an Kindern verübt wurden, Besuchern eine Ausstellung anbot, wusste man über die Opfer und das innere Prozedere der Mordaktion lange Zeit nur sehr wenig. Die Kranken- und Verwaltungsakten gelten als weitgehend vernichtet, und auch die im Kalmenhof-Prozess 1947 dokumentierten Opferschicksale bezogen sich nicht direkt auf die 'Kinderfachabteilung'.
In der herausragenden Darstellung des Frankfurter Kulturwissenschaftlers Christoph Schneider erschließen sich viele zuvor kaum oder nicht bekannte Sachverhalte. Da er sich, so der Untertitel, mit der NS-'Euthanasie' und ihrer Nachgeschichte befasst, werden die über 200 Sterilisierungen von Bewohnern nach dem Erbgesundheitsgesetz nicht betrachtet. Die ersten Morde geschahen schon ab Oktober 1939, so Schneider: "lange vor einer administrativen Einbindung in eine größere organisatorische Struktur wurden im Kalmenhof Patienten und Patientinnen getötet" (XXXIV). Diese Tötungen geschahen unter der Ägide des Arztes Hans Bodo Gorgass im Kontext des durch Verlegungen aus meist konfessionellen Anstalten völlig überfüllten Kalmenhofs, im Zusammenhang mit der Einrichtung eines Lazaretts der Wehrmacht und dem Beginn des Krieges.
Danach zeichnet Schneider die Verlegung von Stammbewohnern nach Hadamar und die Rolle des Kalmenhofs als einer Zwischenanstalt jener Gasmordstätte nach. Von den etwa 600 regulären Bewohnern wurden 235 nach Hadamar verlegt, ebenso wie 515 Bewohner, die in den Kalmenhof kamen, um dorthin weitertransportiert und ermordet zu werden. Weitere 309 Transferpatienten wurden nur aufgrund der plötzlichen Einstellung von 'T4' im August 1941 verschont. Gleichzeitig wurden auch Patienten in der Einrichtung Kalmenhof ermordet. Dieser Prozess wurde nach der Einstellung von 'T4' fortgesetzt und betraf insbesondere Patienten, deren Verlegung nach Hadamar durch die Einstellung unmöglich geworden war. Andere aus dieser Gruppe wurden in andere Einrichtungen verlegt.
Besonders informativ sind die Kapitel, die sich mit der 'Kindereuthanasie' befassen. Aus einer von dem Historiker Georg Lilienthal erstellten Statistik, die von Schneider leider nicht erwähnt wird, ergibt sich, dass es zwischen dem 1. Januar 1941 und Ende März 1945 insgesamt 815 Todesfälle gab. Davon starben 401 Personen vor ihrem 16. Geburtstag, und 444 Personen, die bei ihrem Tod noch nicht ihr 21. Lebensjahr erreicht hatten. [1] Das erste Opfer, so Schneider, könnte Elfriede Rauh aus Frankfurt gewesen sein, die am 10. April 1942 kurz vor ihrem ersten Geburtstag starb. Ermordet wurden die meisten Minderjährigen von einem eingespielten Mord-Duo, das routiniert und effizient vorging: die für die 'Kinderfachabteilung' zuständige Dr. Mathilde Weber unter Heranziehung einer Krankenschwester (zuerst Frieda Windmüller, dann Maria Müller). Wie Schneider überzeugend und im Detail darlegen kann, wurde der Reichsausschuss besonders in den Kriegsjahren 1943/1944 oft teilweise kaum noch informiert und auch auf die 'Behandlungsermächtigungen' verzichtet. Selektiert und zum Tod bestimmt wurde etwa in der Rheinischen Landesklinik für Jugendpsychiatrie in Bonn unter der Direktion von Hans Alois Schmitz. Der Kalmenhof spielte danach nur noch die Rolle eines Erfüllungsgehilfen, wenn es um die eigentliche Tötung ging.
Die restlichen Kapitel des Buches befassen sich mit der Topografie des Tatorts, einschließlich einer genauen Darstellung von jüngsten Ausgrabungen auf dem Anstaltsfriedhof, der Strafverfolgung der Täter und der Entwicklung zur Gedenkstätte seit den 1980er Jahren.
Abschließend noch eine Anmerkung über einen Sachverhalt, der kaum bekannt und auch von Schneider in seiner ansonsten rundherum gelungen Studie nicht thematisiert ist: Zwischen Hadamar, anderen Anstalten und dem Kalmenhof gab es eine Art Arbeitsteilung in Bezug auf Juden- und 'Euthanasie'-Mord. Dies betraf Minderjährige, die als 'minderwertig' im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie bzw. 'halbjüdisch' galten. Gemäß einer ab dem 1. Juni 1943 von der Jugendleiterin Loni Franz geführten Liste wurden Minderjährige, die als 'minderwertig' von anderen Anstalten oder aus Familien in den Kalmenhof verlegt und im Altenheim untergebracht worden waren, von dort aus zur Tötung in die 'Kinderfachabteilung' im Krankenhausgebäude geschickt. Davon ausgenommen waren aber zwei als 'Juden' bezeichnete Jungen: Willi Nickel und Heinz Habold. Sie wurden stattdessen in die gerade eingerichtete 'Mischlingsabteilung' in Hadamar verlegt, wo sie innerhalb weniger Monate ermordet wurden. [2]
Was den Themenbereich 'Euthanasie' betrifft, ist Schneiders Buch eines der besten, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. Es verdient eine breite Rezeption.
Anmerkungen:
[1] Georg Lilienthal: Der Anstaltsmord an Minderjährigen in Hessen-Nassau. Eine Gemeinschaftstat von Bezirksverband, "Reichsausschuss" und "T4"-Zentrale, in: Historia Hospitalium: Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte 31 (2018-19), 328-329.
[2] Siehe dazu Lutz Kaelber: Kalmenhof (Kinderfachabteilung), in: Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933 - 1945, Volume 5: Nazi Sites for Racial Persecution, Detention, Murder, and Resettlement of Non-Jews, ed. by Alexandra Lohse, Washington, D.C.: United States Holocaust Memorial Museum 2026.
Lutz Kaelber