Rezension über:

Doris H. Lehmann: Bildpolemischer Künstlerstreit. Von Leonbruno bis Hogarth, Merzhausen: ad picturam 2024, 398 S., Div. Farbabb., DOI: https://doi.org/10.11588/arthistoricum.1441, ISBN 978-3-942919-05-0, EUR 64,00
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Rezension von:
Ivo Raband
Kunstgeschichtliches Seminar, Universität Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Henry Kaap
Empfohlene Zitierweise:
Ivo Raband: Rezension von: Doris H. Lehmann: Bildpolemischer Künstlerstreit. Von Leonbruno bis Hogarth, Merzhausen: ad picturam 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/02/40381.html


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Doris H. Lehmann: Bildpolemischer Künstlerstreit

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Streitende Künstler gehören, genährt durch die Anekdoten ihrer Biografen, seit jeher zum klassischen Repertoire der Kunstgeschichte. Diese Episoden, wie sie zum Beispiel gerne für Gian Lorenzo Bernini und Francesco Borromini heraufbeschworen werden, ermöglichen einen mitunter humorvollen Umgang mit den aufbrausenden Emotionen der Kunstschaffenden und lassen diese nahbarer erscheinen. Doris H. Lehmann schlägt in ihrer vorliegenden Monografie zum Thema des Künstlerstreits eine neue Perspektive vor und versammelt 18 Einzelfallstudien aus dem Zeitraum von 1525 bis 1763. [1] Lehmann verpflichtet sich dabei auf "Streitfälle, die eine Rekonstruktion des Streitkontextes auf Basis von Dokumenten zulassen" (9). Die damit angestrebte "Revision der bis heute wirkmächtigen Legendenbildung" (9-10) ist eine Bereicherung für die Forschungsfelder der Künstlersozialgeschichte und der Profanikonographie.

Am Beispiel von Lorenzo Leonbrunos Allegorie der Fortuna (um 1525, Mailand, Brera) stellt Doris H. Lehmann einführend ihre Vorgehensweise vor. [2] An erster Stelle steht nicht der Streit, die Anekdote oder die Bildpolemik, sondern ein genaues visuelles Abtasten des Werkes selbst. Gerade in der in diesem Kapitel besprochenen Allegorie erweist sich dies als notwendig, wollen doch alle Figuren erst einzeln ikonographisch korrekt benannt und hergeleitet und dann in ihren Beziehungen zueinander besprochen werden. Parallel dazu eröffnet die Autorin das soziale Geflecht, in dem sich Leonbruno am Mantuaner Hof des Federico II. Gonzaga und dessen Mutter, Isabella d'Este, situiert. Anhand eines Briefes Leonbrunos an den Humanisten Mario Equicola zeigt die Autorin, dass sich der Künstler "gegen Spott und Verleumdung zur Wehr setzte" (27). Sie verflechtet im Folgenden diesen Quellenbefund mit der Fortuna-Allegorie und stellt diese in den Kontext der Ankunft Giulio Romanos in Mantua und dem weiteren Konfliktpartner Pietro Aretino, über dessen Einfluss als Fürsprecher Romanos bzw. Kritikers Leonbrunos Lehmann zwar keinen Quellenbefund vorlegen kann, wohl aber einen ikonographischen Verweis argumentiert. Denn, unter Bezugnahme auf den Schriftsteller Aretino, findet sich hier ein zentrales Unterkapitel zur Ikonographie des "satirischen Satyrn" (50-55), allerdings ohne hinweisgebende Zwischenüberschrift. Wichtige Ergebnisse Lehmanns bleiben so mitunter in den einzelnen Kapiteln versteckt, wie das von Leonbruno eingefügte Bilddetail des auf ein Daphne-Bäumchen urinierenden Satyrn, welches der Autorin letztlich als Verweis auf Aretino und zur Entschlüsselung der vorliegenden Situation dient. Glücklicherweise ist die Publikation auch im Open Access über die Plattform arthistoricum.net verfügbar, so dass die Möglichkeit der Volltextsuche die Arbeit mit dem reichen Material erleichtert. [3]

An das Beispiel Leonbruno schließen sich 17 Beiträge zu Lelio Orsi, Daniele da Volterra, Johannes Stradanus, Leone Leoni, Federico Zuccari (mit vier Werken), Alessandro Allori, Giovanni Baglione, Rembrandt van Rijn (mit zwei Beispielen), Pietro Testa, Salvator Rosa, Willem van Nijmegen, Giovanni Battista Piranesi und William Hogarth an. Anzumerken ist, dass die Fallstudien in ihrem Umfang unterschiedlich ausfallen. Wurden dem Gemälde Leonbrunos noch rund 40 Seiten gewidmet, um die Komplexität der Bildpolemik aufzuarbeiten, sind andere Abschnitte mitunter deutlich kürzer gefasst. Evident ist ebenso die kontinuierliche Reduktion des besprochenen Materials für die drei der Untersuchung zugrunde liegenden Jahrhunderte. Während für das 16. Jahrhundert zehn Fallstudien zu Buche schlagen, werden für das 17. Jahrhundert sechs besprochen, für das 18. Jahrhundert verbleiben mit den Kapiteln zu Piranesi und Hogarth lediglich zwei. Jede der Analysen, auch wenn sie aufgrund der geringeren Detailfülle der besprochenen Objekte und/oder der auffindbaren Dokumente mitunter nur knapp verhandelt werden, birgt neue Erkenntnisse zu Werk, Künstler und Ikonographie des Künstlerstreits.

Als besondere Wendung kann das letzte Kapitel zum "kunstliterarisch geformte[n] Bild vom streitenden Künstler" (279) eingeordnet werden. Lehmann geht hier bewusst auf die durch Anekdoten belegten Erzählungen des Künstlerstreits ein. In acht Vignetten stellt die Autorin die bekanntesten Anekdoten streitender Künstler zusammen und komplettiert damit ihre Untersuchung; dies sind in diesem Kapitel: Andrea Mantegna, Leonardo da Vinci, Michelangelo Buonarroti (fälschlicherweise als Buonarotti benannt), Benvenuto Cellini, Federico Zuccari, Gian Lorenzo Bernini, Francesco Borromini und Salvator Rosa. Der Rezensent möchte hierin einen Appell erkennen: Die Autorin hat mit ihren zuvor dargelegten Fallstudien aufgezeigt, dass Bildpolemiken und Künstlerstreit in den Kunstwerken und mithilfe von Quellenarbeit beschrieben und argumentativ unterstrichen werden können und die Kunstgeschichte sich der "gesteigerten Sensationslust" (318) der rein in Texten überlieferten Anekdoten entledigen darf. Vielmehr können es nun die hier versammelten Fallstudien sein, die unseren wissenschaftlichen Umgang mit streitenden Künstlern bereichern. Dieses Angebot sollten wir annehmen.

Der besondere Fokus auf eine Herausarbeitung einer Ikonographie des Künstlerstreits hat die Autorin dazu veranlasst, dem Buch elf Warburgsche Bildtafeln hinzuzufügen, die den Leser*innen vor allem als Inspiration für weiterführende eigene Forschung dienen sollen; erörtert werden diese "Bildpolemikformeln" im Fazit des Textes (321-322). Diesem Anspruch, Grundlagen für neue Forschung zu schaffen, kommt die Autorin in ihrem Fazit darin nach, dass an dieser Stelle des Buches anstatt einer reinen Wiederholung der Ergebnisse der Fallstudien vielmehr die methodischen Erkenntnisse synthetisiert und ikonographische Gemeinsamkeiten offengelegt werden. Wie die Autorin abschließend feststellt, hat "der Vergleich [der Fallstudien, I.R.] eine bislang nicht eigenständig als solche erkannte Ikonographie des Künstlerstreits sichtbar gemacht" (322). Doris H. Lehmann beweist somit eindrucksvoll, dass auf dem Gebiet der Ikonographieforschung nicht längst alle Felder bestellt sind und zeigt eindrücklich, dass ein genaues Hinschauen weiterhin zu den Kernkompetenzen der Kunstgeschichte zählt. Die vorliegende Monografie bietet somit ein Lese- und Denkvergnügen, ob im Speziellen für Forschungen zu den hier versammelten männlichen Künstlern oder im Allgemeinen zur Ikonographie des Streits und der Polemik in der Kunst der Frühen Neuzeit.


Anmerkungen:

[1] Das Buch entstand im Rahmen des DFG-geförderten Projekts Streitstrategien bildender Künstler in der Neuzeit, welches von 2011-2016 an der Universität Bonn durchgeführt wurde.

[2] Leonbrunos Allegorie wurde zuletzt ebenfalls von Jana Graul im Kontext des Künstlerneids diskutiert, siehe Jana Graul: Neid. Kunst, Moral und Kreativität in der Frühen Neuzeit, München 2022, 206.

[3] Der Open-Access-Volltext des hier rezensierten Buches findet sich unter https://doi.org/10.11588/arthistoricum.1441 (14.1.2026).

Ivo Raband