Stefania Gerevini: Facing Crisis. Art as Politics in Fourteenth-Century Venice, Dumbarton Oaks, Washington, D.C.: Dumbarton Oaks Research Library & Collection 2024, XII + 240 S., zahlr. Farb-Abb., ISBN 978-0-88402-503-0, GBP 75,95
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Stefania Gerevini: Facing Crisis. Art as Politics in Fourteenth-Century Venice, Dumbarton Oaks, Washington, D.C.: Dumbarton Oaks Research Library & Collection 2024
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Das Venedig des 14. Jahrhunderts war reich und mächtig, eine Großmacht des Mittelalters - und hatte zugleich mit einer Vielzahl von grundlegenden Problemen zu kämpfen: da waren außenpolitisch der säkulare Konflikt mit dem großen Konkurrenten Genua um die Kontrolle des lukrativen Orient-Fernhandels und die immer wieder von Rückschlägen getroffenen Bemühungen, den eigenen Herrschaftsbereich sowohl im Westen auf der oberitalienischen terraferma als auch im Osten in Gestalt des stato da mar auszudehnen und dadurch die gefährdeten Handelswege zu sichern. Hinzu kamen Spannungen und Konflikte innerhalb der venezianischen Gesellschaft um den Zugang zu den politischen Entscheidungsgremien und die Ausgestaltung der Rolle des Dogen; schließlich, unversehens und mit der Urgewalt einer Naturkatastrophe wirkend, das Auftreten der großen Pestepidemie 1348, der wie in großen Teilen Europas, auch in Venedig schätzungsweise rund die Hälfte der Einwohner zum Opfer fiel.
Die hier anzuzeigende Studie untersucht, wie während der Regierungszeit des Andrea Dandolo (1343-1354), der zu der kleinen Gruppe wirklich bedeutender venezianischer Dogen gehört, auf diese vielfältigen Herausforderungen durch den Einsatz identitätsstiftender Kunstwerke im Kirchenraum reagiert wurde. Dass Andrea Dandolo (freilich keineswegs als "Einzeltäter" [1]) nicht nur als Auftraggeber von Kunstwerken auftrat, sondern auch einer in der Folgezeit eifrig rezipierten "Venetiarum cronica per extensum descripta annorum 46-1280 d. C. " sowie von Vertrags- und Gesetzessammlungen, die ebenfalls in der Folgezeit zu so etwas wie Standardwerken des venezianischen Selbstverständnisses werden sollten, legt die Verfasserin, ebenso wie grundsätzliche Hinweise zu Fragestellung, methodischem Ansatz und Aufbau ihrer Arbeit, in einem mit umfangreichen Literaturnachweisen solide fundierten Einführungskapitel ("Facing Crisis", 9-49) dar. Das Ziel der Untersuchung wird dabei gleich zu Beginn klar definiert: "[...] exploring how the visual and textual programs of the high altar, baptistery, and chapel of Sant'Isidoro manifested the complex fabric of Venetian public patronage and the dynamic social and political realities that undergirded it" (5).
Im zweiten Kapitel geht es um die Neugestaltung des Hauptaltars von San Marco durch die Ergänzung der aus Konstantinopel geraubten "Pala d'Oro" mit der 1345 von Paolo Veneziano und seiner Werkstatt geschaffenen "Pala feriale" für den liturgischen Alltagsgebrauch. Mit großer Akribie zeichnet die Studie die hier zu beobachtende Verbindung von historischen, liturgischen und theologischen Motiven nach, die Bedeutung der dargestellten Heiligen ebenso wie die Szenen aus deren Viten und kommt dabei zu dem Ergebnis: "Veneziano's pala feriale displays an emphasis on intense devotion, human suffering, and supernatural intervention that is unprecedented in San Marco, and that may be understood as a response to the increased need for reassurance at times of instability" (84). Dem wird man nicht widersprechen wollen, umso weniger, als die Anrufung himmlischer Protektion in Krisenzeiten bekanntlich zu den Kernmotiven mittelalterlicher Kunstproduktion gehört.
Nicht minder politisch aufgeladen sind die Botschaften, die das Ausstattungsprogramm der Kapelle des Heiligen Isidor aufweist, gewidmet einem Märtyrer des 3. nachchristlichen Jahrhunderts, dessen Reliquien der Legende zufolge unter dem Dogen Domenico Michiel (1117-1128) von der Insel Chios nach Venedig gebracht wurden. Dort gerieten sie jedoch, ebenso wie die Geschichte ihrer Translatio, in Vergessenheit, ehe sie dann während des Dandolo-Dogats in einer eigenen Kapelle der Verehrung der Gläubigen zugänglich gemacht wurden. "His heightened role in the fourteenth century embodies Venice's long-standing tradition of accumulation and promotion of Eastern holy bodies" (105). Und zwar mit einem höchst konkreten politischen Ziel. Die Kapelle für den Heiligen von der Insel Chios wurde nämlich just zu einem Zeitpunkt errichtet, da der große Konkurrent Venedigs um die Kontrolle des lukrativen Fernhandels mit der Levante, die Republik Genua, die Herrschaft über die Ägäisinsel übernommen hatte und sich zudem mit Venedig im Krieg befand. Durch den Kapellenneubau und die sinnfällige Inszenierung der Vita des Heiligen Isidor wurde mithin ein zweifaches Ziel verfolgt: "[...] Venice not only besought the favor and protection of yet another saint, but also implicitly challenged the legitimacy of Genoese authority over Chios, and by extension the eastern Mediterranean" (121).
Dem aufwendigsten und ambitioniertesten unter den während der Herrschaft Andrea Dandolos entstandenen Repräsentationsprojekten ist das dritte Hauptkapitel der Untersuchung gewidmet, nämlich der Neugestaltung der Taufkapelle von San Marco. Auch hier rekonstruiert die Autorin sorgfältig die theologischen und liturgischen Kontexte des Ausstattungsprogramms, auch hier gelingt es ihr, die Zusammenhänge zwischen theologischen und politischen Aussagen mit akribischer Präzision zu nachzuzeichnen. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts hatte die Ausbildung einer politischen Führungskaste, lange Zeit als "Serrata del gran consiglio" als punktuelles Ereignis wahrgenommen und erst von der jüngeren Forschung als längerfristiger Prozess erkannt, die venezianische Gesellschaft grundsätzlich verändert, und dieser Wandlungsprozess war naheliegenderweise keineswegs konfliktfrei verlaufen. "By its nature as a sacrament of induction into a community, baptism was profoundly entangled with these developments [...]. In turn, baptismal imagery represented an ideal means to reaffirm the importance of community and collective harmony in times of instability, while also addressing contemporary concerns about social difference and civil inclusion, exclusion and assimilation" (167 f.).
Das Buch schließt mit einem umfangreichen wissenschaftlichen Apparat mit Abkürzungsverzeichnis, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie kombiniertem Sach- und Personenregister. Die selbstgestellte Aufgabe, zu zeigen, dass "the significance of Dandolo's legal, historical, and administrative reforms in making the Venetian state, and in navigating Venice through crisis can hardly be overestimated" (30) erfüllt die (auch hervorragend bebilderte) Arbeit Stefania Gerevinis mit schöner Anschaulichkeit und gründlicher Benutzung der einschlägigen Forschungsliteratur. Sie liefert insofern einen lesenswerten Beitrag zur Funktionsweise des kulturellen Gedächtnisses in Venedig wie im spätmittelalterlichen Europa allgemein.
Anmerkungen:
[1] Vgl. die Erkenntnisse der in der (ansonsten akribischen) Bibliographie nicht aufgeführten wichtigen Studie von Rudolf Dellermann: Das Grabmal des Dogen Andrea Dandolo (1343-1354), in: Benjamin Paul (ed.): The Tombs of the Doges of Venice from the Beginning of the Serenissima to 1907, Rom 2016, 189-224, hier: 201: "Spätestens seit der Mitte des 14. Jahrhunderts war San Marco in einem komplexen Prozess zur 'Staatskirche' geworden, in der bestimmte Regierungsgremien direkt Einfluss nehmen konnten."
Arne Karsten