Sabine Graf / Julia Kahleyß / Henning Steinführer (Hgg.): Archive in Niedersachsen und der Nationalsozialismus. Kontinuitäten und Brüche (= Veröffentlichungen des Niedersächsichen Landesarchivs; Bd. 9/327), Göttingen: Wallstein 2026, 758 S., 91 Abb., ISBN 978-3-8353-5803-4, EUR 48,00
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Mit dem Deutschen Archivtag in Stuttgart 2005 begann die Auseinandersetzung über die Rolle der Archive und ihres Personals im Nationalsozialismus. Weitere Tagungen mit anschließenden Publikationen zu Archiven in Preußen (2015), Bayern (2016) und Franken (2017) vertieften das Thema in regionaler Perspektive. [1] Niedersachsen und Bremen waren dann Gegenstand einer Tagung 2023 in Hannover, deren Ergebnisse hier zu besprechen sind. Die 22 in der Regel erheblich erweiterten Beiträge zur Tagung greifen die inzwischen eingeführten methodischen Zugriffe auf und konturieren die bisherigen Funde schärfer. Besonderes Gewicht wird auf die Kontinuitäten über 1945 hinaus gelegt.
Dem einführenden Überblick von Arnd Reitmeier über Forschungen zum Nationalsozialismus in Niedersachsen folgt die Sektion über Institutionen. Neben den Berichten über das Staatsarchiv Bremen (Jörn Brinkhus), das Staatsarchiv in Bückeburg (Stefan Brüdermann) und das Stadtarchiv Hannover (Karljosef Kreter) sind vier Beiträge hervorzuheben. Birgit Hoffmann vergleicht die Entwicklungen der landeskirchlichen Einrichtungen in Braunschweig und Hannover und macht dabei deutlich, wie unterschiedlich sie verliefen; das heutige Bundesland "Niedersachsen" war alles andere als homogen. Johannes Schwartz beschreibt die Praxis des NSDAP-Gauarchivs Südhannover-Braunschweig einschließlich der Beschlagnahme von Archiven der Freimaurerlogen. Christine van den Heuvel untersucht die staatliche Archivverwaltung nach 1945 unter ihrem ersten Leiter Rudolf Grieser. Wie ein Krimi liest sich die Geschichte des Zonalen Archivlagers Goslar von Martin Schürrer, das wegen des ausbrechenden Kalten Kriegs zu einem Politikum erster Ordnung wurde.
"Archivische Praxis" sind sechs Beiträge der folgenden Sektion überschrieben, in denen es jeweils um Schwerpunkte der Alltagsarbeit zwischen 1933 und 1945 ging: Christian Hoffmann untersucht die Friedensjahre bis 1933, Meike Buck (zum Staasarchiv Wolfenbüttel) und Maik Schmerbauch (zum Kirchenbucharchiv in Hildesheim) die Instrumentalisierung der Archive für die nationalsozialistische Rassenpolitik. Kerstin Rahn analysiert die Auslagerungen von Beständen 1942/43, Thomas Brakmann die Aneignung jüdischen Archivguts im Osnabrücker Sprengel. Michael Hermanns Beitrag gilt der Konkurrenz zwischen der "Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer" in Emden und dem Staatsarchiv in Aurich und lenkt damit den Blick auf die Öffentlichkeitsarbeit nach 1933.
"Archivpflege" ist ein "schillernder Begriff", wie Philipp Haas befand. Er sieht einen Ursprung in der Denkmalpflege, stellt Kontinuitäten und Diskontinuitäten seit etwa 1890 fest und endet mit "Niedergang und Wandel" bis zur Gegenwart. Fallstudien gelten dem Regierungsbezirk Stade (Thomas Bardelle) und dem Kreis Verden (Florian Dirks).
In der abschließenden Sektion werden "Akteure und personelle Netzwerke" in den Mittelpunkt gestellt. Brage Bei der Wieden geht den "Konstellationen" im Landeshauptarchiv Wolfenbüttel vom Direktor bis zu den Reinigungskräften nach. Das "Betriebsklima" (593) thematisiert auch der Beitrag von Hoffmann (353). Henning Steinführer porträtiert den Leiter des Staatsarchivs Braunschweig Werner Spieß, der 1944 amtsenthoben wurde und dessen Vita mahnt, pauschale Befunde zu vermeiden. Karrierechancen und -brüche lotet Julia Kahleyß am Beispiel des Stadtarchivs Wesermünde (Bremerhaven) aus. Thomas Vogther zeichnet anhand das Niedersachsenbild bei Georg Schnath in seinen populären Geschichtsdarstellungen nach 1945 nach. Die Kontinuitäten im Denken und Handeln lassen sich an seinem Beispiel gut verdeutlichen. Sabine Graf dokumentiert anhand der Entnazifizierung der wissenschaftlichen Archivare "personelle Netzwerke" nach Kriegsende. In ihr Sample fällt u.a. Georg Winter der spätere Präsident des Bundesarchivs. Ein perfides Beispiel für den Fortbestand alter Netzwerke liefert die Biografie von Erich Weise, dem ersten Leiter des Staatsarchivs Stade (Gudrun Fiedler). Ausgerechnet ihm, einem maßgeblich nach 1941 am Raub polnischen Archivguts beteiligten Archivar, wurde die Übernahme der Entnazifizierungsakten im Land Niedersachsen anvertraut.
Dietmar von Reeken kommentiert die Ergebnisse des Bandes. Er hält es für "nicht unproblematisch, dass sich auf der Tagung fast nur Archivare [und Archivarinnen] mit ihrer eigenen Geschichte und der ihrer Institutionen beschäftigen" (723). Mögliche Haltungen gegenüber der Vorgeschichte der eigenen Berufsgruppe deuten die meisten Autoren und Autorinnen an. Sie reichen von "Schämen oder Distanzieren" (Kreter, 153) bis zur nüchternen Feststellung "großer Variationsbreite lokal unterschiedlicher nationalsozialistischer Propaganda" (Schwartz, 215). Am zutreffenden Fazit einer "Distanz [in dieser Gruppe], sich kritisch mit der Geschichte des eigenen Berufsstandes [...] auseinanderzusetzen" (van den Heuvel, 217) kommt niemand vorbei, wenngleich durchaus Spielräume konstatiert werden. Sämtliche Beiträge liefern fundiertes und bestens recherchiertes Material zu den jeweils behandelten Aspekten. Die Berührungspunkte zur Ostforschung und zu Verstrickungen der Geschichtswissenschaften in den NS-Herrschaftsapparat liegen auf der Hand, am deutlichsten bei Weise (Fiedler, 692f.). Für Folgeforschungen gilt es Lücken zu schließen. Um über das Gebiet der heutigen Bundesrepublik flächendeckend befinden zu können, stehen in synchroner Betrachtung Studien zum heutigen Nordrhein-Westfalen (schon in diesem Band Hinweise auf Bernhard Vollmer, Johannes Bauermann und Erich Kittel) sowie zur SBZ/DDR aus. Diachron wäre es wichtig, die Befunde zu den Jahren nach 1933 zu ergänzen durch die Abkehr von der "Tabuisierung der unmittelbaren Vergangenheit" (van den Heuvel, 252), die unter Archivaren vermutlich in den 1970er und 1980er Jahren einsetzte. Und in der Tat wäre es sinnvoll, darin ist von Reeken zu folgen, wenn dies nicht nur Insider vornähmen.
Anmerkung:
[1] Robert Kretzschmar (Red.): Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus. 75. Deutscher Archivtag 2005 in Stuttgart; Sven Kriese (Hg.): Archivarbeit im und für den Nationalsozialismus. Die preußischen Staatsarchive vor und nach dem Nationalsozialismus, Berlin 2015; Die staatlichen Archive Bayerns in der Zeit des Nationalsozialismus, hg. von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Wien / Köln / Weimar 2019; Peter Fleischmann / Georg Seiderer (Hgg.): Archive und Archivare in Franken im Nationalsozialismus, Neustadt / Aisch 2019.
Wilfried Reininghaus