Hartmut Berghoff / Manfred Grieger: Die Geschichte des Hauses Bahlsen. Keks - Krieg - Konsum 1911-1974, Göttingen: Wallstein 2024, 602 S., 67 z.T. farb. Abb., ISBN 978-3-8353-5773-0, EUR 29,00
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Die Auseinandersetzung der deutschen Unternehmen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit ist mittlerweile ordentlich vorangeschritten: Die meisten Großunternehmen haben ihre Geschichte aufarbeiten lassen und mit Joachim Scholtysecks Geschichte der Firma Henkel wurde diesbezüglich gerade eine wichtige Lücke geschlossen. [1] Inzwischen gibt es jedoch auch für viele mittelständische Unternehmen Arbeiten, die einen genaueren Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus werfen. [2] Dabei ist das gerade für Familienunternehmen oftmals nicht einfach, besteht doch stets die Gefahr, nicht nur das Unternehmen, sondern auch die eigene Familie in ein schlechtes Licht zu rücken.
Für diese Entwicklung dürfte unfreiwillig nicht zuletzt auch Verena Bahlsen verantwortlich sein. Die Ur-Urenkelin des Firmengründers Hermann Bahlsen versuchte sich 2019 die Vergangenheit der Firma mit typischen Argumenten vom Leib zu halten: Sie sei damals noch nicht geboren gewesen, und das Unternehmen habe seine Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen gut behandelt. Diese Aussagen provozierten einen Aufschrei in der Öffentlichkeit, waren in gewisser Weise aber auch aus der Zeit gefallen: Spätestens seit der Akte Quandt ist den Unternehmen eigentlich klar geworden, dass Abwiegeln keine sinnvolle Strategie im Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus darstellt. Ganz davon abgesehen, wie widersinnig die Behauptung ist, dass sich eine Firma, die während des Zweiten Weltkriegs mehrere hundert Zwangsarbeiter beschäftigte, nichts zu Schulden habe kommen lassen.
Das hier zu besprechende Buch behandelt die verzweigte Unternehmens- und Familiengeschichte des Hauses Bahlsen von 1911 bis 1974. Allerdings besteht ein erkennbarer Fokus auf der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Das Kapitel über die Jahre von 1939 bis 1945 nimmt fast 200 Seiten und damit mehr als ein Drittel des Buches ein. Nur kurz gestreift werden die frühen Jahre der 1889 durch Hermann Bahlsen gegründeten Hannoversche Cakes Fabrik H. Bahlsen. Ein wichtiger Schritt war 1911 die Inbetriebnahme einer neuen, modernen Fabrik und eines neuen Verwaltungsgebäudes, wonach wenig später die Umbenennung der Firma in H. Bahlsen Keksfabrik erfolgte. Damit setzt die eigentliche Darstellung ein.
Bis 1914 erlebte die Firma eine dynamische Expansion mit Keksen und anderen Dauergebäck- beziehungsweise Süßwaren, die mit rationellen Methoden hergestellt wurden. Der Erste Weltkrieg unterbrach diese positive Entwicklung und führte zu Engpässen bei Rohmaterialien und Arbeitskräften, während sich Bahlsen weigerte, die Massenproduktion von Zwieback für das Heer aufzunehmen. Die ab 1916 verfolgten Pläne für eine Idealfabrik konnten nicht umgesetzt werden, brachten das Unternehmen aber weiter in finanzielle Schieflage. Hermann Bahlsen verstarb bereits 1919 zu einer Zeit, als seine vier Söhne noch minderjährig waren bzw. bei Weitem noch nicht die Erfahrung besaßen, um ein Unternehmen zu führen. Das führte zu einer außergewöhnlichen Mischung zwischen Fremdmanagement und Führung durch die Familienmitglieder, wobei sich die Kräfteverhältnisse im Grunde erst nach dem Zweiten Weltkrieg eindeutig klären sollten. Außergewöhnlich war dabei das starke Gewicht von Frauen im Management, besonders von Martha Hohmeyer, die als Erzieherin der Bahlsen-Kinder in die Firma gekommen war, sowie von Anna-Dora Thieme, die bis zu ihrem Tod am Ende des Zweiten Weltkriegs einen großen Einfluss auf die Firmenstrategie ausübte.
Nachdem das Unternehmen während der 1920er Jahre einige Probleme hatte, bedeutete die Zeit des Nationalsozialismus und die wirtschaftliche Erholung eine neue Expansionszeit für Bahlsen. Die Söhne von Hermann Bahlsen reklamierten nach und nach eine stärkere Führungsverantwortung, was sich bereits 1931 in einem gravierenden Konflikt mit dem Fremdmanagement manifestierte, aus dem die Familie aber gestärkt hervorging. Bei steigendem Absatz setzte das Unternehmen weiterhin auf Werbung: 1936 etwa mit einer Postkarte, die der Firma von Adolf Hitlers Hoffotografen Heinrich Hoffmann angeboten worden war und die den "Führer" mit einer Keksverpackung von Bahlsen zeigte. Das sollte jedoch für einigen Ärger mit der NSDAP sorgen.
Während des Kriegs versuchte Bahlsen die Produktion zu halten, was sich aber mit fortlaufender Kriegsdauer als schwierig erwies. Nun musste die Firma zunehmend auf die Produktion von Nahrungsmitteln für die Wehrmacht ausweichen. Bereits 1940 beschäftigte die Firma französische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, in der Mehrzahl Frauen. Diese wurden anschließend vor allem durch Arbeiter und Arbeiterinnen aus Polen und seit 1942 der Ukraine ersetzt, deren Zahl sich bis 1944 auf über 800 summierte. Insgesamt kommen die Autoren zu der Einschätzung, dass die Zwangsarbeiter im Vergleich zu vielen Groß- und Rüstungsunternehmen besser behandelt wurden. Das interpretieren sie nicht zuletzt als Resultat der betrieblichen Anforderungen an Genauigkeit und hygienische Standards.
Ähnliche Ambivalenzen zeigen sich auch im Fall eines Treuhandbetriebs in Kiew, den Bahlsen vom Herbst 1941 bis zur Rückeroberung der Ukraine durch die Rote Armee übernahm. Auch wenn die Firma ihre Arbeiter und Arbeiterinnen vergleichsweise angemessen behandelte und einige davon sogar zum Anlernen nach Deutschland schickte, geriet die Firma doch in den direkten Umkreis der nationalsozialistischen Verbrechen in der besetzten Sowjetunion.
Nach dem Krieg gelang es schnell, die Produktion wieder zu etablieren und erneut auf einen Expansionskurs einzuschwenken. Das Unternehmen unter der Führung von Werner und Hans Bahlsen lebte zunächst vor allem von der Popularität seiner Produkte auf dem Binnenmarkt und der Durchsetzung neuer Konsumformen, beispielsweise von Snacks vor dem Fernseher. Sukzessive begann die Firma, ihr Marketing und ihre Vertriebsorganisation zu modernisieren, was eine wesentliche Voraussetzung dafür war, dass seit den späten 1960er Jahren eine Expansion ins Ausland erfolgte. Gleichwohl schlitterte die Firma zu Beginn der 1970er Jahre zunehmend in die Krise: Die Aufhebung der Preisbindung, der Bedeutungsgewinn von Discountern und dynamische Konkurrenten stellten Bahlsen vor große Herausforderungen. Gleichwohl zeichnete sich Bahlsen nach Ansicht der Autoren durch eine bemerkenswerte Resilienz aus.
Insgesamt liegt hier eine sehr gut recherchierte Geschichte eines Unternehmens auf breiter Quellengrundlage vor, die von zwei ausgewiesenen Experten in der Unternehmensgeschichte verfasst wurde. Berghoff und Grieger zeichnen die Geschichte eines bekannten Konsumgüterherstellers detailliert und mit nachvollziehbaren, gut begründeten Bewertungen nach und leisten dadurch einen wichtigen Beitrag zur Unternehmensgeschichte des Mittelstandes im Nationalsozialismus. Zu wirklich überraschenden Erkenntnissen kommen sie dabei allerdings nicht: Vielmehr zeigen sich bei Bahlsen ähnliche Entwicklungen wie etwa bei Dr. Oetker und anderen Konsumgüterherstellern, die auf der Basis fordistischer Methoden groß wurden, sich im Nationalsozialismus arrangierten bzw. mitmachten und nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst stark vom Nachholbedarf profitierten. [3] Seit den 1960er Jahren sahen sich diese Firmen gravierenden Modernisierungsanforderungen gegenüber, deren Bewältigung darüber entschied, ob man am Markt überlebte.
Bahlsen als ein typisches Unternehmen zu identifizieren, ist nur möglich, weil es mittlerweile einen tatsächlichen Forschungsstand zum Mittelstand im Nationalsozialismus gibt. Den Autoren gelingt es dabei durchweg, die Firmenentwicklung sinnvoll zu kontextualisieren und den Bezug zu vergleichbaren Unternehmen herzustellen. Der einzige Punkt, wo noch mehr Diskussionsbedarf bestanden hätte, ist der vergleichsweise hohe Anteil an Zwangsarbeit bei der Firma. Dieser resultierte offensichtlich aus den Schwierigkeiten, die eigene Belegschaft zu halten. Ob dies an der rüstungsrelevanten Konkurrenz vor Ort lag oder die mangelnde Einbindung in die relevanten Netzwerke hier eine Rolle spielte, bleibt jedoch offen.
Anmerkungen:
[1] Vgl. Joachim Scholtyseck: Henkel. Vom Waschmittelhersteller zum Weltunternehmen, München 2025.
[2] Vgl. Andrea Schneider-Braunberger / Philipp Meder: Verantwortung gegenüber der eigenen Geschichte. Eine Bestandsaufnahme der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit deutscher Unternehmen, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 69 (2024), 361-376.
[3] Jürgen Finger / Sven Keller / Andreas Wirsching: Dr. Oetker und der Nationalsozialismus. Geschichte eines Familienunternehmens 1933-1945, München 2013.
Roman Köster