Florian Wöller / Ueli Zahnd (eds.): Dominican Culture, Dominican Theology. The Order of Preachers and Its Spheres of Action (1215 - ca. 1600) (= Archa Verbi. Subsidia; Vol. 24), Münster: Aschendorff 2025, 437 S., ISBN 978-3-402-10333-3, EUR 81,00
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Amy Appleford: Learning to Die in London, 1380-1540, Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2014
Marie-Hélène Rousseau: Saving the Souls of Medieval London. Perpetual Chantries at St Paul's Cathedral (c. 1200-1548), Aldershot: Ashgate 2011
Julian Luxford (ed.): The Capital's Charterhouses and the Record of English Carthusianism, Turnhout: Brepols 2023
Die in diesem Band gesammelten 24 Aufsätze gehen auf zwei Konferenzen zurück, die sich nicht nur inhaltlich unterschieden, sondern auch unter ganz verschiedenen Umständen stattfanden, einmal 2016 in Basel, als die Bibliothek des dortigen Dominikanerklosters im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, und dann 2021 virtuell in Kopenhagen, als die Themenstellung sich viel allgemeiner auf Kultur und Theologie des Predigerordens erstreckte.
In ihrer Einführung betonen die Herausgeber die innovative Kraft des neuartigen Ordens und bieten eine wertvolle Übersicht neuerer Literatur. Jan Hendryk de Boer (23-41) hebt die Bedeutung der Dominikaner für Papst Johannes XXII. hervor, dem Mitglieder des Ordens in verschiedenen Funktionen dienten, kann daraus aber keine Schlussfolgerungen zum Verhältnis der Gemeinschaft zum Papst ziehen, da auch Angehörige anderer Orden an der Kurie mit wichtigen Aufgaben betraut waren. Marcel Bubert (43-58) fragt nach dem Rollenbild dominikanischer Inquisitoren und untersucht dazu Schriften von Nicolau Eimeric und Bernard Gui, der eine Spezialisierung der für diese Aufgabe ausgesuchten Brüder propagierte, da es den gelehrten Theologen an sozialer Kompetenz fehle, und sie nicht in der Lage seien, die Schliche der Häretiker zu entdecken. Nicolau Eimeric forderte als Gelehrter, Prediger und Inquisitor auch eine Spezialisierung in der letztgenannten Rolle und wollte die Autorität der Inquisition auch auf Juden und Muslime ausdehnen.
Isabel Iribarren (59-77) stellt die Kontroverse vor, die durch die Antrittsvorlesung des Dominikaners Juan de Monzón entstand, der 1387 in Paris die Lehre von der unbefleckten Empfängnis Marias für häretisch erklärte, eine Aussage, die von der Universität Paris verurteilt wurde. Besonders problematisch dabei sei die Rückbeziehung Monzóns auf Thomas von Aquin gewesen, der mit seiner Anschauung, dass Maria vor der Existenz ihrer Seele gar nicht habe geheiligt sein können, diese Sichtweise unterstützte, denn nur die Seele oder ein rationales Wesen konnten einen solchen Status erlangen. Seit der Heiligsprechung des Doctor Angelicus 1323 war die Universität allerdings gehalten, die Autorität des Aquinaten zu verteidigen. Deshalb versuchte später Jean Gerson nachzuweisen, dass Monzón die Aussagen des Thomas falsch interpretiert habe. Die Dominikaner, die 1388 die Universität Paris hatten verlassen müssen, durften 1403 zurückkehren.
Ulrike Treusch (79-90) stellt den Fall des Dominikaners Matthäus Grabow vor, der sich gegen Semireligiose und besonders gegen die Brüder vom Gemeinsamen Leben ausgesprochen hatte und daraufhin mit der von Gert Groote initiierten Bewegung in Konflikt geriet. Der Streit kam am Ende des Konzils von Konstanz zur Sprache, als sich Pierre d'Ailly und Jean Gerson gegen die Schlussfolgerungen Grabows wandten, woraufhin er 1419 verurteilt und seine Schriften verbrannt wurden. Christian Troelsgård (93-108) kontextualisiert mnemonische Passagen des Rotulus pugillaris, eines auf dem Breviloquium Bonaventuras basierenden Textes des Provinzials Augustinus von Dacia. Diese interessante Studie hätte mit einem Verweis auf die Arbeiten von Mary Carruthers weiter vervollständigt werden können.
Gegensätzliche Einstellungen zur musikalischen Gestaltung der Liturgie stellt Carol Williams vor (109-122), die konservative Präferenzen bei traditionellen benediktinischen Theoretikern mit dominikanischen Bestrebungen zur Schaffung neuer Formen kontrastiert. Williams kann dominikanische Reformen der Liturgie in frühen Antiphonaren des Ordens nachweisen. Alberto Ferreiro (123-138) beschäftigt sich mit einer katalanischen Predigt des Vincent Ferrer zur Vigil Johannes' des Täufers. Kristin Hoefener (139-157) befasst sich in ihrer Studie zu Liturgie und Frömmigkeitsformen in spätmittelalterlichen Dominikanerinnenklöstern mit Formen der Marienverehrung. Beispiele aus verschiedenen Teilen Europas zeigen, dass sich regionale Variationen entwickelten. Marika Räsänen (161-179) stellt Ergebnisse ihrer Arbeit zur dominikanischen Reliquienverehrung vor und urteilt, dem Orden werde zu Unrecht eine Zurückhaltung bei dieser Form der Frömmigkeit nachgesagt. Kirsten Schut (181-195) berichtet über ihre Forschungen zu den Wünschen von Laien, die im dominikanischen Habit begraben werden wollten, ein auf das 9. Jahrhundert zurückgehender Brauch, den die Prediger von anderen Orden übernahmen.
Eine detaillierte und großzügig illustrierte Analyse der Ikonographie dominikanischer Heiliger auf dem von Claus Berg geschaffenen Altar der Dominikanerkirche von Aarhus, einer der am besten erhaltenen Kirchen dieses Ordens in Nordeuropa, wird von Christian Etheridge (197-222) beigesteuert. Cornelia Linde (225-239) fragt in ihrem Aufsatz zu Guerric von St. Quentin nach dessen Vorstellung von 'ordo' und zieht dazu seinen Kommentar zum Buch der Klagelieder heran. Festgestellt wird dabei ein möglicher Einfluss des Pseudo-Dionysius, der von Guerric vielleicht an Albertus Magnus und Thomas von Aquin weitergegeben wurde, die sich nach dem Ende seiner Regentschaft beide in Paris aufhielten. Samuel Baudinette (241-263) setzt sich mit dem Einfluss des Areopagiten auf die Schriften Alberts des Großen auseinander. Dabei stehen Alberts Vorlesungen über die Nikomachische Ethik und über das Corpus Dionysiacum sowie seine Aussagen zum Sentenzenkommentar des Petrus Lombardus im Vordergrund, in denen der Dominikanertheologe auch das Verhältnis zwischen philosophischer und christlicher Kontemplation zu bestimmen versucht habe, um so gleichzeitig den Unterschied zwischen den Disziplinen Philosophie und Theologie zu definieren.
Constant Mews (268-280) beginnt seinen Aufsatz mit einem Hinweis auf unterschiedliche Vorstellungen der Bedeutung von 'theologia' im dionysischen Sinn einer kontemplativen Gottesschau einerseits oder als formale Lehre der christlichen Doktrin andererseits und findet, Thomas von Aquin habe den Begriff in seiner ersten Bedeutung verstanden. Es folgt eine interessante Untersuchung der Verwendung des Begriffs, der sich erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts häufiger in den Texten der Gelehrten gefunden habe. Im Beitrag von Amalia Cerrito (283-296) wird Alberts Erklärung der physiologischen Entstehung Christi im Mutterleib nachgegangen. Hierbei geht es um die Rolle weiblicher wie männlicher Substanz bei der Entwicklung des Embryos, aus der sich Fragen ergeben, die Albert durch den Rückgriff auf ein botanisches Erklärungsmodell auflöste, das dann auch bei der Exegese der relevanten Bibelstellen eingesetzt werden konnte. Der Kommentar Alberts zum Buch Hiob mit seiner Spannung zwischen demütiger Akzeptanz des Unglücks einerseits und dem Hadern mit Gott andererseits wird von Marco Vorcelli untersucht (297-309), der dabei den Einfluss der Nikomachischen Ethik auf den Kommentator herausarbeitet.
Paul Hellmeier (311-324) hat sich die Lehre des Pseudo-Dionysius von den Bewegungen der Seele und ihre Interpretationen durch Albertus Magnus, Thomas von Aquin und Berthold von Moosburg zum Thema gewählt. Mit dem Thema des Bittgebets beschäftigen sich drei Autoren, Jonathan Reinert (327-344), der sich mit den Überlegungen des Thomas von Aquin befasst, Anja Bork (345-357), die diesen Aspekt im Werk des Meister Eckhart untersucht und Andreas Zecherle (359-370), der sich mit Texten des Johannes Tauler auseinandersetzt. Reinert weist auf Unterschiede zwischen den von Thomas eingenommenen Sichtweisen in der Summa contra Gentiles und der Summa theologiae hin, die in der Ausrichtung dieser Schriften als Gotteslehre oder als anthropologische Studie begründet sind. Anja Bork analysiert Aussagen zum Bittgebet, die sie in den volkssprachlichen Texten des Meister Eckhart gefunden hat. Dabei geht es einmal um die Einschränkung dieser Form des Gebets durch die Forderung nach absolutem Gehorsam unter den göttlichen Willen, aus dem sich das Paradox ergibt, dass die vollständige Aufgabe des eigenen Willens zwar ein wirksames Gebet ermögliche, es andererseits aber keinen Grund mehr dafür gebe. Zecherle konzentriert sich auf Predigten Taulers, in denen das Thema aufgegriffen wird. Er zeigt, dass der Dominikanermystiker der Forderung Meister Eckharts folgte, nach der sich der Bittsteller ganz von seinem eigenen Willen befreien müsse. Auch hier wird gefolgert, dass diese Form des vollständigen Gehorsams eine Voraussetzung für Gottesnähe sei, die eine Fürbitte dann aber gar nicht mehr notwendig erscheinen lasse.
Johnny Jakobsen (373-394) bietet zu Beginn seines Beitrages eine Übersicht der neueren Forschungsliteratur und wendet sich dann der Heidenmission sowie der dominikanischen Kreuzzugspredigt im Ostseeraum zu. Er weist nach, dass die Versuche der Heidenmission örtlich begrenzt und nicht immer gut geplant waren. Auch die Bemühungen um eine Mission unter den orthodoxen Christen im Osten kamen im Spätmittelalter über einzelne Versuche nicht hinaus. Dagegen war die Kreuzzugspredigt der Mendikanten, die für die Teilnahme oder zur finanziellen Beteiligung an den Kreuzzugsunternehmen im Baltikum wie auch im östlichen Mittelmeer warb, besser organisiert. Mit der Ausnahme einer geringen Zahl von Inquisitionsprozessen teilten sich die Dominikaner diese Aufgaben mit den Minoriten. Im abschließenden Aufsatz geht Volker Leppin (409-424) der Frage nach, ob es sich bei den Auseinandersetzungen in der Anfangsphase der Reformation lediglich um einen Streit zwischen Augustiner-Eremiten und Dominikanern gehandelt habe. Dazu zeigt er zunächst, wie sich Luthers Rechtfertigungslehre aus den theologischen Debatten an der Universität Wittenberg und im Orden der Augustiner-Eremiten entwickelte, dem sich der Reformator auch noch verbunden fühlte, nachdem ihn der Generalvikar aus der Obödienz entlassen hatte. Allerdings ging es in der den Ablass betreffenden Kontroverse dann um theologische Auseinandersetzungen zwischen Individuen, auch wenn es sich bei einigen der Protagonisten um Dominikaner gehandelt habe.
Als Fazit: Im vorliegenden Band, dessen Inhalt durch Namen-, Orts- und Sachregister erschlossen wird, finden sich zahlreiche wichtige Beiträge zur Geschichte der Dominikaner im Mittelalter.
Jens Röhrkasten