Gheorghe Paşcalău (Hg.): Damaskios. Philosophie, Religion und Politik zwischen Ost und West (= Heidelberger Forschungen; Bd. 49), Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2024, 549 S., ISBN 978-3-8253-9538-4, EUR 58,00
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Der neuplatonische Philosoph Damaskios, wohl letztes Schulhaupt der Athener platonischen Schule im Jahr ihrer Schließung durch Kaiser Justinian (529), zeichnet sich durch einen in der Tradition des Neuplatonismus einzigartigen denkerischen Ansatz aus. Charakteristisch für ihn sind einerseits die konsequente Kritik des Prinzipienmonismus und damit des Grundaxioms aller neuplatonischen Philosophie und andererseits das Bemühen, die neuplatonische Metaphysik aufrechtzuerhalten und konstruktiv weiterzuführen. Damit verbindet Damaskios, wie es einer der Beiträge dieses Bandes formuliert, Aporetik und Dogmatik. Eine der besten jüngeren monographischen Darstellungen dieser eigentümlichen Philosophie stammt vom Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes, Gheorghe Paşcalău. [1]
Der Band geht zurück auf eine Heidelberger Tagung des Jahres 2021. In seinem Kernbestand versammelt er Beiträge von in der philosophischen und philosophiehistorischen Damaskios-Forschung ausgewiesenen Autorinnen und Autoren. Darüber hinaus verfolgt er das Ziel einer allgemeineren, historischen und rezeptionsgeschichtlichen Kontextualisierung. Die insgesamt sechzehn Beiträge sind auf sechs Sektionen unterschiedlichen Umfangs verteilt. In der ersten, "Philosophischer und historischer Kontext", zieht G. Van Riel eine Verbindung zwischen Damaskios' Denken und dem modernen, auf Jan Patočka zurückgehenden Begriff einer "offenen Metaphysik"; D. Engels versucht mit einem sehr weiten historischen Panorama eine geschichtliche Einordnung des Damaskios; und M. Avenarius bietet eine eingehende rechtshistorische Untersuchung des justinianischen Schließungsedikts. Alle drei Beiträge sind eher von allgemeinem Interesse; einer speziell an Damaskios und seiner Philosophie interessierten Leserschaft bieten sie wenig.
Dagegen widmen sich die beiden nächsten Sektionen konkret dem Werk und Denken des Damaskios sowie den Fragestellungen, Motiven und Anknüpfungspunkten seiner Philosophie. Unter der Überschrift "Damaskios und die Quellen seines Denkens" zeigt D. P. Taormina mit quellenkritischer Methodik, dass Damaskios in seiner Exegese der Zweiten Hypothese des Parmenides (145b-147b) auf Iamblich zurückgreift, um die Defizite der Auslegung des Proklos diagnostizieren und beheben zu können; S. Ahbel-Rappe fragt grundsätzlich nach der Funktion von Damaskios' dialektischer Auseinandersetzung mit seinem wichtigsten Vorgänger Proklos und nach dem Sinn seiner in diesem Zusammenhang regelmäßig und - wie Ahbel-Rappe zeigen kann - auf allen ontologischen Ebenen von der Metaphysik des ersten Prinzips bis zur Geist- und Erkenntnislehre begegnenden Berufung auf Iamblich. Die Autorin macht hier den attraktiven Vorschlag, dass Iamblich für Damaskios einen gegenüber Proklos prinzipiell andersartigen Weg des Philosophierens repräsentiere (179: "a different way of doing philosophy entirely"), dessen Ideal nicht das dialektisch erworbene objektivierende Wissen, sondern die erkenntnis-transzendierende Einswerdung mit dem Göttlichen sei. Zu fragen wäre allerdings, ob nicht zugleich eine implizite Rückbesinnung auf Plotin vorliegt, dessen Schilderungen der Henosis Damaskios in Stil und Bildwelt oft näher stehen als die von Ahbel-Rappe angeführten Belege bei Iamblich.
Die sechs Beiträge der Sektion "Philosophische Systematik" bieten ein Panorama der vielfältigen philosophischen Anliegen des Damaskios. Seine prinzipientheoretische Aporetik erfährt gebührende Aufmerksamkeit (Napoli, Vlad), doch erfährt man auch etwas über die Facetten seines Begriffs der endeixis ("Hinweis, Andeutung", eine Chiffre für seine Methodik des philosophischen Sprechens; Grimaldi), über seine Seelenlehre (Steel, Vlad), seine Deutung traditioneller Göttergestalten (O'Brien) und seine Metaphysik des Orts oder Raums (Paşcalău).
V. Napoli argumentiert unter der programmatischen Überschrift "La protologia dogmatica di Damascio" für eine konstruktive Lesart der Grundaporie von De principiis. Für Napoli zielt die um den Begriff des Einen als erstes Prinzip kreisende aporetische Dialektik des Damaskios positiv auf die Etablierung des "Unsagbaren" (aporrhêton) als eines auch das Eine noch transzendierenden Prinzips, also eher auf eine Neustrukturierung als auf eine Kritik der neuplatonischen Prinzipienmetaphysik. Die im Zuge dieser Dialektik unvermeidlich eintretende Selbstaufhebung (peritropê) des Denkens beweist (argumentativ) die Transzendenz des Absoluten und zwingt den Logos (anagogisch) zu der Einsicht, dass er über den Begriff des Prinzips nicht reflektieren kann, ohne seine eigenen Grenzen - soweit möglich - zu überschreiten. Mit der Metapher vom "unsagbaren Allerheiligsten der Seele" (princ. 1,22,11-19) bezeichnet Damaskios, so Napoli, die Instanz, die dieses Selbsttranszendieren ermöglicht und die Seele gleichsam mit dem Unsagbaren verknüpft.
C. Steel kommentiert eine exkursartige, in der Forschung weitgehend vernachlässigte Passage, die die Selbstbewegung nichtrationaler beseelter Wesen diskutiert (princ. 1,43-51). Der Ort dieser Selbstbewegung, so Damaskios, ist das hylomorphe Kompositum aus Körper und immanenter Seele (empsychia); ihre Ursache ist - da bei Tieren eine rationale Individualseele ausscheidet - die transzendente All-Seele. Damit akzeptiert Damaskios faktisch eine zuvor von ihm kritisierte Erklärung des Syrianos, die er offenbar weniger widerlegen als begrifflich schärfen will.
M. Vlad befasst sich mit der Seelenlehre des Damaskios, wie sie in seiner Auslegung der dritten Hypothese des Parmenides (155e-157b) zum Ausdruck kommt. Wie für die meisten Neuplatoniker ist für Damaskios der Gegenstand dieser Hypothese die Seele. Die gegensätzlichen Prädikate, die dem Einen in der ersten Hypothese ab- und in der zweiten zugesprochen wurden, werden ihm in der dritten sowohl zu- als auch abgesprochen. Für Damaskios zeigt dies die wandelbare, ja widersprüchliche Natur der Seele, die sich im Körperlich-Materiellen ebenso wie im Intelligiblen realisieren kann. Der "Moment" (exaiphnês, Pl. Prm. 156d-e) vereinigt diese Gegensätze in sich und stellt damit das eigentliche Wesen der Seele dar. Nach Vlads anspruchsvoller, aber erwägenswerter Interpretation verkörpert es dadurch auch die Vernunft und das Erkenntnisstreben des Menschen und kann so als Schlüssel der gesamten Philosophie und Aporetik des Damaskios gelten. Sollte sich von hier aus eine Verbindung zu dem "unsagbaren Allerheiligsten der Seele" (princ. 1,22,11-19, s.o. zum Beitrag von Napoli) ergeben?
Der Beitrag des Herausgebers, G. Paşcalău, befasst sich mit Damaskios' Theorie des Raums oder Orts (topos), die uns vor allem durch das sogenannte Corollarium de loco in Simplikios' Kommentar zur aristotelischen Physik greifbar ist. Für Damaskios besteht die metaphysische "Funktion" (chreia) des Raums darin, die Zerstreuung des vom Intelligiblen "abfallenden" körperlichen Seins (oder Werdens) aufzuhalten und den ordnungsgemäßen Ort der Körper im sinnvollen Ganzen der Welt zu sichern. Damit erhält der Raum ein Moment intelligibler Kausalität, ohne selbst eine intelligible Form zu sein.
In der Sektion "Neuplatonismus - Zoroastrismus - Islam" macht D. De Smets auch in methodischer Hinsicht wichtiger Artikel auf Strategien der negativen Theologie im ismaelitischen Zweig des schiitischen Islam aufmerksam, die die radikale Unsagbarkeit des Absoluten (Gottes) vertreten und eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der Prinzipienhierarchie des Damaskios haben. De Smet vermutet hier jedoch weniger ein Fortwirken des Damaskios als eine Reaktion der ismaelitischen Theologen auf die neuplatonisch inspirierten Schriften des al-Kindi-Kreises, die die neuplatonische Transzendenz des ersten Prinzips im Interesse der Harmonisierung mit dem Koran abgemildert hatten. Verwandtes Quellenmaterial und die philosophisch-theologische Motivation der Sicherung der Transzendenz Gottes scheinen also unabhängig voneinander zu ähnlichen Konzeptionen geführt zu haben.
Die beiden letzten Sektionen enthalten jeweils nur einen Beitrag. In der Sektion "Damaskios und die christliche Theologie" arbeitet J. Greig die Nähe von Damaskios' Konzeption des Einen (nicht des Aporrheton) zur Trinitätstheologie des Pseudo-Dionysios Areopagites heraus. Das Eine ist zugleich transzendent und kausal wirksam und (als Triade von Eins-Allem, All-Einem und Geeintem) zugleich einheitlich und plural; entsprechend ist der Gott des Dionysios absolut einheitlich, transzendent und unsagbar, doch können die Prädikate aller geschaffenen Wesenheiten im Modus der Kausalität von ihm ausgesagt werden. Während allerdings bei Damaskios die Pluralisierung des Einen die Konsequenz seiner aporetischen Herausarbeitung des Aporrheton ist, folgt sie bei Dionysios aus dem Bemühen um die Harmonisierung von Monotheismus, Trinitätslehre und Schöpfungstheologie, womit eine Rezeption des Aporrheton ausgeschlossen ist.
Der Band schließt unter der Sektionsüberschrift "Damaskios' Kritik - Kritik an Damaskios" mit einem erfrischend unkonventionellen Beitrag von T. Arnold. Nach Arnolds Lesart ist Damaskios' dialektischer Nachweis, dass wir ein erstes Prinzip nicht ohne Widerspruch denken können, erfolgreich. Die für sein Denken charakteristische Spannung liegt darin, dass er sich mit diesem Ergebnis nicht abfinden kann und will und trotz aller Widersprüche am neuplatonischen Prinzipienmonismus festhält. Statt seinen eigenen Argumenten zu folgen, hält Damaskios die Antinomie aufrecht, dass ein absolutes Prinzip zugleich undenkbar und eine Denknotwendigkeit ist; hierin liegt für Arnold die eigentliche Herausforderung seiner Philosophie. Damit ist er gleichsam der Antipode der von Valerio Napoli vertretenen konstruktiven Lesart des Damaskios.
Der Band ist dem Andenken Jens Halfwassens gewidmet, dessen Teilnahme an der Tagung durch seinen frühen Tod 2020 verhindert wurde. Das Eröffnungskapitel von T. Dangel fasst daher in explizitem Anschluss an Halfwassen die Grundzüge der neuplatonischen Metaphysik zusammen, wie sie vor allem den Schriften Plotins zu entnehmen ist. Dieser Beitrag ist zwar klar und stringent und ein berührendes Zeugnis der Pietät des Autors und des Herausgebers gegenüber ihrem akademischen Lehrer; er hat aber kaum Bezüge zu den übrigen Beiträgen, die Plotin nicht oder nur am Rande erwähnen. Damit wird die erstaunliche Tatsache augenfällig, dass die Berührungen des Damaskios mit Plotin - die sich philologisch nachweisen lassen - von der Forschung bislang fast völlig vernachlässigt worden sind. Nichtsdestoweniger bietet der Band einen guten Überblick über den Stand der Damaskios-Forschung und kann allen empfohlen werden, die an der Entwicklung des Neuplatonismus in der ausgehenden Antike interessiert sind.
Anmerkung:
[1] G. Paşcalău: Die "unartikulierbaren Begriffe" des Neuplatonikers Damaskios. Transzendenz und All-Einheit in den >Aporien und Lösungen bezüglich der ersten Prinzipien<, Berlin / Boston 2018.
Christian Tornau